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nach dem Garten zu angebaueten Balkon als ein Sturmwind dergestalt heftig stösset, dass die inwendig wohlverriegelte Tür mitten voneinander springet, da er denn auf dem Altane erstlich einen schwarzen Bock mit feurigen Augen erblickt; sobald er aber etlichemal den Namen Jesus! ausruft, verwandelt sich dieses Ungeheuer in einen Feuerklumpen, als eine Tonne gross. Er springt deswegen unter stetigen Rufen: Jesu Christe! hilf mir! zurück heraus auf die Galerie und kam in meine kammer, wo er mir alles, was ihm begegnet war, mit Zittern und Beben erzählete und, nachdem wegen des gewaltigen Getöses der Wirt und die Wirtin herzugelaufen kamen, die ganze Historie nochmals wiederholte. Die Wirtin, welches eine geborne Italiänerin war, fing darauf sogleich also zu reden an: 'Cossi Padron Illustrissimo! Eh! VSMma ha qualche ragiri amorose, con una religiosa, cospetto! quest è la seconda volta ch'un tale è accaduto en questa casa.' Deutsch: So! Wohlgeborner Herr! Ei! Ew. Wohlgeb. haben gewiss einen verliebten Umgang mit einer Nonne. Wahrlich, das ist nun das zweite Mal, dass sich dergleichen in unsern haus zugetragen hat. Hierüber entsetzte sich der schwedische Edelmann dergestalt, dass er über acht Tage lang das Bett hüten und alle Nächte bei sich wachen lassen musste. Als er nun meistens wieder vollkommen ge[n]esen, machte er sich auf Einraten des Medici, Hauswirts, Hauswirtin und anderer guter Freunde unvermutet auf die Reise, ohne von der verliebten Nonne einigen Abschied zu nehmen." Demnach (setzte der Baron noch hinzu) glaube der Herr von Elbenstein nur sicherlich, dass er von einer person heftig geliebt wird, die ihn auf keine andere Art als diese bei sich zu sehen hoffen darf.

Der gute Elbenstein wurde über diese und seine eigene Aventure dergestalt konsterniert, dass ihm fast in die Gedanken kam, das gefährliche Italien gänzlich zu quittieren, weiln es ihm aber an sattsamen Barschaften fehlete, resolvierte er sich, nachdem sich sein Fürst bereits einige Tage in seiner Residenz befunden, wo damals alles ganz stille zuging, Urlaub zu bitten, um wegen eines vermuteten Wechsels und anderer, seinen Bruder betreffenden Angelegenheiten eine Reise nach Venedig zu tun. Der Fürst gab ihm nicht allein sogleich Urlaub, sondern sagt noch dazu, wie er auf seine, des Fürsten, Kosten die Reise tun und ihm daselbst ein aussenstehendes Kapital von 20000 Dukaten einkassieren und mitbringen sollte. Elbenstein erstaunete über diese Kommission, und weil ihm sein Herz ein bevorstehendes Unglück prophezeiete, sprach er zu dem Fürsten: "Ew. Durchl. machen mich ganz verwirrt, da Sie einem ausländischen armen deutschen Edelmanne ein so starkes Kapital alleine anvertrauen wollen." "Wenn ich nicht wüsste", gabe der Fürst hierauf zur Antwort, "dass die Deutschen redliche Herzen hätten, würde ich Ihn nicht in meine Dienste genommen haben, und wenn ich auch um 20000 Dukaten käme, würden mich diese in geringen Schaden, Ihn aber um seine Ehre bringen." Dieserwegen küssete Elbenstein dem Fürsten die Hand, dieser aber ging nach seinem Chatoull, gab ihm die schriftliche Versicherung nebst einer Charte Biance zur Vollmacht und 50 Dukaten Reisegeld. Elbenstein liess seine Equipage aufs sauberste zurechte machen und begab sich des dritten Tages auf die Reise, war aber dennoch nicht recht vergnügt, weil ihm sein Konzept einigermassen verrickt worden. Indem er nun durch Padua passieren musste, führte ihn sein Glücks- oder Unglücksstern eben in das Logis, wohin ihn seine masquierte Amour in Ariqua bestellet und die Woche vor Martini allda einzutreffen befohlen hatte. Es war ihm noch nicht in die Gedanken kommen, sich um das Zeichen des Gastofs zu bekümmern, wo er logierte; als er aber des Abends abgespeiset hatte und eine Bouteille Limonade nebst einer Pfeife Tobak gefordert, sagte ein alter hässlicher Hausknecht zu ihm: "Mein Herr! ich weiss ganz gewiss, Sie sind der Kavalier, welcher von einer Dame anhero bestellet worden; ist's nicht wahr, dass es in Ariqua geschehen?" Elbenstein schüttelte den Kopf und sagte, er wisse von nichts. "Leugnen Sie es nicht, mein Herr!" verfolgete der Kerl seine Rede, "denn ich kenne Sie unter Tausenden, ob Sie schon nicht wissen, woher. Vertrauen Sie sich mir nur vollkommen, denn ich kann Ihnen versichern, dass die Dame bereits hier wäre, allein sie ist durch eine gewisse Begebenheit zurückgehalten worden, unterdessen wird sie unfehlbar binnen zehn oder zwölf Tagen kommen, Sie aber, mein Herr, können auf sie allhier warten und versichert sein, dass Ihnen niemand einige Zehrungskosten abfordern wird, weil ich Ordre habe, vor Sie zu bezahlen." "Mein Freund!" sagte Elbenstein, "ich bin von einem gewissen Fürsten in besonders wichtigen Affären voritzo auf der Reise begriffen, hoffe aber auch binnen acht oder zehn Tagen wieder zurückzukommen, alsdenn wollen wir von dieser Sache weiter sprechen." "Wohl gut!" sagte der alte verzweifelte Kuppler, "allein, haben Sie etwa Lust, mit einem Ihrer Landsleute, welches ein deutscher Kavalier ist, zu sprechen, so können Sie sich noch ein paar Stunden oder solange es Ihnen beliebt die Zeit passieren, denn er möchte auch gern mit jemand reden, weil ihm die italiänische Sprache noch nicht recht geläuftig ist." Elbenstein befahl dem Kerl, dass er dem deutschen Kavalier sein Kompliment machen und bei demselben vernehmen sollte, ob es ihm gelegen wäre, eine Pfeife Tobak mit ihm zu rauchen. Wenige Minuten