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sich darauf gleichfalls zur Ruhe. Kaum aber war er ein wenig eingeschlummert, da sich vor dem Zimmer ein starkes Gepolter erregte, welches immer näher und zuletzt gar in die stube kam, auch mit einem grässlichen Brausen zum öftern an der Schlafkammertür geklinket wurde und es das Ansehen hatte, als ob selbige mit Gewalt eröffnet werden sollte. Elbenstein sprang demnach in seiner Schlafkleidung aus dem Bette, griff nach seinem Degen und Pistolen, bemühete sich auch den Baron aufzuwecken, dieser aber hörete und fühlete nichts, schnarchte hergegen immer schärfer und war, alles Rüttelns und Schüttelns ungeachtet, durchaus nicht zu erwecken. Mittlerzeit wurde dergestalt stark an der Tür gearbeitet, dass dieselbe zum öftern einen Platz und Knall von sich gab, weswegen Elbenstein rufte: "Wer da? Antwort! oder ich gebe Feuer." Hierauf liess sich eine grässliche stimme hören, die soviel zu vernehmen gab: "Auf, auf! mit, mit!", und nach diesen fing es an zu möckern als ein Bock. Elbensteinen stunden bei so gestalten Sachen die Haare zu Berge, er begunnte fast zu merken, dass dieses nichts Natürliches, sondern vielmehr ein Gaukelspiel des Teufels sei, hielt deswegen nicht vor ratsam, ein paar Kugeln durch die Tür zu jagen, sondern hielt sich ganz stille. Da aber das grässliche Lärmen und Toben an der Tür von neuen anging, rief er: "Herr Jesu! stehe uns bei und nimm uns in deinen Schutz." Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als es vor der Tür einen erschröcklichen Fall tat, so dass das ganze Haus darvon erschütterte, und endlich war es vor Elbensteins Ohren, als wenn unter einem erschröcklichen Brausen eine grosse Last von der Tür hinweg und die Treppe hinunter geschleppt würde. Da nun alles stille war, legte er sich wieder aufs Bette, es wollte aber kein Schlaf in seine Augen kommen, hergegen schlief der Baron desto stärker; da er nun endlich morgens erwacht war, erzählete ihm Elbenstein, welcher nach Tagesanbruch kaum ein paar Stündgen die Augen zugehabt hatte, die ganze Begebenheit und verwunderte sich höchlich dabei, dass der Herr Baron einen so grausam festen Schlaf hätte. Dieser beteurete hoch, dass er gar nicht wisse, wie es mit seinem Schlafe zugegangen, indem er sonsten wohl noch einmal soviel getrunken hätte und sich dennoch durch ein geringes Anrühren sogleich ermuntern lassen. "Allein, mein wertester Herr Landsmann!" sagte der Baron weiter, "die Sache muss eine ganz andere Bewandtnis haben. Ich kann versichern, dass ich seit vielen Jahren her, sooft ich allhier Verrichtungen gehabt, nirgend anders als in diesem haus logieret habe, es ist mir aber nicht das allergeringste weder vor Augen noch Ohren gekommen. Meine Gedanken sind diese: Es muss etwa eine person sein, die auf Sie eine unbändige Liebe geworfen und, um ihre verliebte sehnsucht zu stillen, Sie auf dem Bocke hat wollen abholen lassen. Sie müssen aber einen starken Schutzengel haben, der Sie von dieser verteufelten und höchst gefährlichen Postreiterei befreiet hat. Ich erinnere mich", redete der Baron weiter, "dass, da ich in meinen Jünglingsjahren in Trient studierte, sich mit einem schwedischen Edelmann fast eben dergleichen begeben. Dieser hatte durch seine artige Aufführung sich bei einer schönen Nonne dergestalt in Kredit, ja was sag ich, in ihr herz gesetzt, dass sie sich eingebildet, sie müsse des Todes sein, wenn sie seiner Gegenliebe nicht vollkommen teilhaftig würde, denn mit den verliebten Briefen, Worten und verstohlenen Küssen, die sie sehr öfters im Parlatorio von ihm empfing, konnte sie ohnmöglich zufrieden sein, deswegen sonne sie auf Mittel und Wege, wie sie ihren Galan in ihrer Zelle vertraulicher embrassieren könnte. Dieses ihr verliebtes Anliegen vertrauete sie des Klosterpförtners Eheweibe, welche eine vortreffliche alte Hexe und Erzruffiana oder Kupplerin war, wie denn dieselbe das geheime Liebesverständnis zwischen der schönen Nonne und dem schwedischen Edelmanne bereits vollkommen innehatte. Was geschahe? Die Pförtnerin war von der Gewinnsucht und Begierde angereizt, ihre[r] Wohltäterin, von welcher, als einer sehr reichen Dame, sie nebst ihrem mann und Kindern ungemeine Guttaten genoss, nach äussersten Vermögen zu dienen, verfügte sich demnach zu einem gewissen weltlichen Priester, mit dem sie in ihrer Jugend in starker Vertraulichkeit gelebt haben mochte, darbei aber wusste, dass er in der schwarzen Kunst ungemein erfahren war, indem sie viele Exempel davon gesehen. Diesen Priester ersuchte die Alte, ihr mit gutem Rate beizustehen, und derselbe, weil er ziemlichermassen ins Armut geraten, gedachte einen guten Profit zu erwerben, versprach ihr seine hülfe, die Sache so einzurichten, dass der ehrliche Schwede auf einem gehörnten Postpferde zu der verliebten Nonne sollte geführt werden. Es gelunge aber dennoch vor dieses Mal dem hochgelahrten Herrn seine erlernete Kunst nicht, sondern lief fruchtlos ab, denn dieser brave und nach seiner Religion sehr christliche Edelmann, als er sich abends bis zehn Uhr nach allerhand mit mir und dem Hauswirte gehabten geistlichen und erbaulichen Diskursen kaum zu Bette gelegt, bekömmt plötzlich eine ausserordentliche Bangigkeit und Herzensangst, so dass er wieder aufstehen muss, jedoch sein Gebet- und Gesangbuch zur Hand nimmt und seine Andacht nochmals mit Singen und Beten verrichtet. Weil er aber jedennoch vor Angst nicht zu bleiben weiss, will er im Schlafrocke zu mir, der ich am nächsten an seiner stube wohnete, gehen und mir seinen plötzlichen und wunderbaren Zufall klagen. Er hat aber in diesen Gedanken kaum das Licht in die Hand genommen, als es wider den vor seinem Zimmer