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dieser Angst besann er sich, dass in dergleichen Zufällen frisches wasser oftermals gute hülfe getan, weswegen er den im haus stehenden Wassereimer ergriff und das erbleichte Angesicht seiner halbtoten Freundin etlichemal mit frischen wasser benetzte, auch ihr zum Überfluss eine starke Dosis Schnupftobak in die Nase blies, welche beiden Mittel endlich soviel würkten, dass sie etlichemal niesete und bald darauf wieder zu sich selber kam. Er führte sie nach diesen in die nächste kammer, wo er sie auf ein Feldbettgen niederlegte, sich aber, weil er vermerkte, dass es keine Gefahr mehr hatte, alsobald zurückbegab, weil das über die Agata erregte Mitleiden eine neue Liebe gebären und die allmählich aufsteigenden hitzigen Regungen, unter dem Scheine einer erbarmenden Freundschaft, ihn auf die vorigen Wollüste und sündlichen Ausschweifungen verführen wollten. Demnach spazierte er nach dem Pferdestalle zu, woselbst er mit Verdruss wahrnahm, dass der Diener mit Putzen und Abfütterung der Pferde etwas zu nachlässig gewesen, weswegen er ihm eine Reprimende gab und wieder zurück auf seine stube zu gehen gesonnen war. Da ihm aber die schwache Agata wieder in den Sinn kam und er besorgte, es möchte dieselbe etwa mit einer nochmaligen Ohnmacht sein befallen worden, so schlich er sich ganz sachte vor ihre Kammertür, guckte durch das Schlüsselloch und bemerkte, dass sie auf dem Bette sass und den von ihm geschenkt bekommenen Ring vielfältig küssete, deswegen fand er sich vollkommen beruhiget, begab sich in aller Stille auf seine stube, verweilete daselbst noch eine Zeitlang, bis endlich der Diener meldete, dass die Pferde parat stünden. Er befahl, dieselben hervorzuführen, indem er aber hinunterging, kam Agata nochmals, wiewohl sehr blass, aus ihrer kammer und fragte ihn mit ängstlichen Gebärden, wo er denn so früh hin und ob er etwa gar nicht wiederkommen wollte. Da er ihr aber zu vernehmen gab, wie er nebst andern Kavaliers ihrer gnädigsten herrschaft auf den halben Weg entgegenreiten und ihrer Ankunft daselbst erwarten wollte, gab sie sich zufrieden und sagte, dass sie nunmehr zu ihrem mann gehen und denselben durch ein gewisses Mittel aus dem Schlafe ermuntern wollte. Unter diesen Reden brachte der Diener die Pferde, demnach machte Elbenstein der traurigen Agata noch ein Kompliment, setzte sich alsofort auf und begab sich auf das Schloss, von dar die sämtlichen Kavaliers nach eingenommenen Frühstücke ihre Kavalkade verrichteten.

Es ging der Weg eben durch die Gasse, in welcher Elbensteins Wirt wohnete. Dieser war mittlerweile durch die vielleicht schon öfters an ihm probierte Kunst aufgewacht und stunde völlig angekleidet vor seiner Haustüre. Elbenstein machte ihm ein Kompliment, beugte, als der Wirt heraus auf die Strasse trat, aus der Reihe heraus und hielt etwas stille, um anzuhören, was des Herrn Wirts Verlangen wäre. Dieser nun bat ihn ganz gehorsamst um Verzeihung, dass er ihm gestern der Gebühr nach nicht aufgewartet, und exkusierte sich mit einem kleinen Rausche, den er über alles Vermuten durch etliche jählinge Trünke, welche er auf die Hitze getan, sich benebst seinem Kameraden zugezogen hätte. Elbenstein versetzte darauf in aller Kürze, dass er keiner Entschuldigung bedürfe, wünschte anbei, dass die Jagdlust glücklich abgelaufen sein und der gestrige Trunk ihm wohl bekommen möchte, worauf er seinen Compagnons im kurzen Galopp nachfolgete.

Als sie nun unter allerhand guten Gesprächen auf dem beniemten Lustschlössgen anlangeten, trafen sie daselbst des Marchese Obizzo Leibpagen an, welcher vorausgeschickt war, vor die gnädigste herrschaft eine Kollation zu bestellen, daher sie sich bis zu derselben Ankunft in ein Gemach begaben und mit Kugelpalestern nach denen, dem Lustause gegenüber, auf einem Berge in grosser Menge herumlaufenden wilden Kaninchen schossen, wofür dem Schlossverwalter, der die Palesters und Kugeln herbeigeschafft, eine Diskretion von etlichen Ducati di Venetia nebst den erschossenen Kaninchen zugestellet ward, als welcher sie überdem mit delikaten Weine und andern Erfrischungen traktierte. Indem sie nun noch in vollkommener Lust begriffen waren, kamen die fürstlichen Personen an und bezeigten ein besonderes Vergnügen, dass ihnen die Kavaliers entgegen gekommen waren, und weiln, wie schon gedacht, die beiden Fürsten der deutschen Lebensart wohl gewohnt waren, so wurde bei der Tafel ziemlich stark getrunken, so dass die Herrschaften benebst den Kavalieren ziemlich berauscht waren, bis auf Elbensteinen, welcher nicht allein von natur viel vertragen konnte, sondern sich auch sonsten sehr in acht genommen hatte. Endlich, da sich der Tag zu neigen begunnte, geschahe der Aufbruch, da denn, als man in Battaglia anlangete, nachts um neun Uhr hiesigen Zeigers nochmals Tafel gehalten und die Zeit bis nach Mitternacht unter allerhand Musik und andern Lustbarkeiten zugebracht wurde. Wie nun der Aufbruch geschahe, ersuchte Elbenstein den Baron von K. um Erlaubnis, mit ihm in seinen Gastof zu fahren und daselbst den Rest der Nacht zuzubringen, unter dem Vorwande, dass er seinen Wirt vor diesmal so späte nicht inkommodieren wollte. Der Baron machte sich, seiner gewöhnlichen Complaisance nach, ein besonderes Vergnügen daraus, mit der Versicherung, dass in seinem ordentlichen Logis ohnedem jederzeit zwei gemachte Betten in seinem Zimmer parat stünden.

Auf solche Art vermiede Elbenstein, dem seine Bekehrung damals ein rechter Ernst war, die gelegenheit, abermals mit der Agata fleischliche Sünden zu begehen, und obgleich der Baron von K. als ein alter Kavalier, der den Trunk nicht so wohl als Elbenstein vertragen konnte, sich alsobald zur Ruhe legte und in einen tiefen Schlaf verfiel, so blieb doch Elbenstein noch eine gute Weile offen und verrichtete sein andächtiges Gebet. Beiderseits Bedienten hatten sich auch bereits retiriert, deswegen zündete Elbenstein nur das Nachtlicht an und begab