, nicht anders als eine Christin und gute Freundin lieben. Anstatt aber uns in sündliche, wollüstige Ergötzlichkeit einzulassen, wodurch der allsehende Gott erzürnet, die keuschen und reinen Engel betrübt, unser Leib, Seele und Gewissen aber abscheulich befleckt werden, wollen wir viel lieber mit vereinigten Bussseufzern Gott inbrünstig anflehen, dass er uns nach seinen gerechten und gestrengen Gerichte wohlverdientermassen nicht strafen wolle. Will Sie dieses nicht mit mir zugleich tun, meine Freundin! so begebe Sie sich in Ihre kammer zurück und wende die schlaflosen Stunden allein zu dergleichen Betrachtungen und Bussübungen an, nebst dem festen Vorsatze, den barmherzigen und langmütigen Gott nimmermehr auf solche Art wieder zu beleidigen."
Agata wurde über diese Reden ungemein bestürzt und blieb als eine vom Donner gerührte person ohne einzige Regung liegen. Elbenstein bemerkte, dass ihr eine Ohnmacht zustossen wolle, denn soviel er bei dem brennenden Nachtlichte sehen konnte, waren nicht allein ihre schönen schwarzen Augen halb gebrochen, sondern auch alle Röte von ihren zarten Wangen und Lippen gewichen. Er stieg demnach in dem umhabenden Schlafrocke aus dem Bette und langete ein mit flüchtigen Spiritu angefülletes Glas aus seinem Chatoull, hielt ihr dasselbe vor die Nase, wodurch die auf der Abreise begriffenen Lebensgeister wieder zum Rückmarsch beweget wurden. Wie er nun sah, dass sich ihre Augen wieder eröffneten, auch die Röte auf ihren Lippen wieder zum Vorschein kam, drückte er einen Kuss, der aber nicht aus geilen, sondern keuschen und freundschaftlichen Regungen abstammete, auf ihren Mund und sagte: "Werteste Freundin, ich versichere Ihr bei allem dem, was heilig heisst, dass diese meine Änderung der natur nicht etwa aus einem Ekel oder Überdruss gegen Ihre holdselige person, sondern von einem höhren Triebe und Aufwachung meines Gewissens herrühret, in Betrachtung der erschrecklichen Strafgerichte Gottes, so auf dergleichen Misshandlungen zu folgen pflegen." Der Agata liefen die Tränen stromweise aus den Augen heraus, endlich richtete sie sich auf, umarmete Elbensteinen aufs zärtlichste, benetzte auch seine hände mit tausend Tränen. Dieser half ihr vollend in die Höhe, gab ihr noch einige keusche Küsse und liess sie unter von allen beiden ausgestossenen ängstlichen Seufzern stillschweigend von sich gehen.
Ob nun Agata durch seine Reden und Aufführung wirklich in ihrem Gewissen gerühret worden oder ob sie sich wegen fehlgeschlagener Hoffnung ihres Vergnügens dergestalt alteriert, solches kann man nicht sagen. Elbensteinen hergegen wurde das herz, nachdem er diesen gefährlichen Kampf so glücklich und ritterlich überwunden, ganz leichte, wofür er Gott herzlich dankte und denselben bussfertig anflehete, ihn ferner vor allem Übel und schweren Sünden, absonderlich aber vor der reizenden Fleischesl[u]st gnädiglich zu bewahren. Weil er nun keinen Schlaf in seine Augen bekommen konnte, setzte er sich an den Tisch und brachte folgendes Busslied zu Papiere:
1
Mein Gott! ein Sündenkind
Liegt hier vor deinem Trone.
Ach, richte nicht geschwind!
Nein! Liebster Vater, schone!
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
2
Ach, meine Missetat
Macht dich mir ungewogen;
Der Irrweg, den ich trat,
Hat mich von dir gezogen,
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
3
Die Wunden meiner Schuld
Sind voller Eiterflüsse;
Gott! gib, dass deine Huld
Das Gnaden-Öl drein giesse,
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
4
Ach Gott! erhör mein Flehn,
Ach! lass mich nicht verzagen
Und gänzlich untergehn,
Erhöre doch mein Klagen.
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
Als er dieses Lied nach einer selbst dazu gemachten Melodie etlichemal heimlich gesungen, legte er sich, nach nochmals verrichteten Abendgebete, mit sehr beruhigten Herzen wieder zu Bette, da ihm denn im ersten Schlummer der Spruch in die Gedanken fiel: 'Ich habe keinen Gefallen am tod des Gottlosen' etc., welchen er mit erfreuten Herzen zum öftern wiederholte und endlich in einen süssen Schlaf verfiel, da ihm denn der Heiland der Welt im Traume erschien und die tröstlichen Worte zusprach: 'Sei getrost, mein Sohn! deine Sünden sind dir vergeben, sündige nur hinfort nicht mehr!' Über diese tröstlichen Worte liefen die Freudentränen häufig aus seinen Augen, so dass, als er aufwachte, dieselben noch auf seinen Wangen und Hauptküssen zu finden waren. Demnach stunde er höchst erfreut von seinem Lager auf, verrichtete sein Morgengebet, sunge etliche Buss- und Danklieder, rief hernach seinen Diener, welcher ihn anklei
Unten im haus, als er eben die Treppe herunter trat, bote ihn Agata mit betrübten gesicht, schamroten Wangen und niedergeschlagenen Augen einen guten Morgen. Er tat mit einem freund- und fröhlichen gesicht dergleichen, wünschte ihr alles Vergnügen und fragte, ob der Hausherr noch nicht aufgestanden wäre. Indem sie nun zur Antwort gab, dass selbiger vor Mittags schwerlich erwachen würde, sah sie Elbenstein recht beweglich und seufzend an, wobei ihr die Tränen in den Augen stunden. Dieser küssete nunmehr aus reiner Freundschaftsliebe die holdseligen benetzten Augen, und zu Bezeugung seiner gegen sie hegenden aufrichtigen und tugendhaften Freundschaft schenkte er ihr einen saubern Ring, sich seiner darbei zu erinnern. Agata aber, von so vielen Gemütsregungen bestürmt, geriet endlich darüber in einen solchen Zustand, dass, als sie sich mit einem schmachtenden Kusse gegen Elbensteinen bedanken wollte, ihr, deren Herz von so vielen Leidenschaften ganz beklemmet war, eine starke Ohnmacht zustiess, so dass sie darnieder sank. Wie Elbensteinen hierbei zumute geworden, ist leicht zu erachten, doch in