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wollte sie an einem Bindfaden ein weisses Papier herunterlassen, an welchen Faden denn Balestrieri die Strickleiter anbinden könnte, die sie alsdenn hinaufziehen und oben befestigen wollte.

Der Anschlag schien nicht uneben zu sein. Die Strickleiter wurde binnen 24 Stunden fertig, Balestrieri wartete mit Schmerzen auf die bestimmte Stunde der dritten Nacht, und als dieselbe endlich erschienen, fand er sich unter der Fiorine Fenster ein, fand auch bereits das Papier an dem Faden heruntergelassen, weswegen er in aller Eil die Strickleiter daran band und nach einem gegebenen Zeichen mit Husten bemerkte, wie dieselbe hinaufgezogen, ihm auch bald hernach ein Gegenzeichen zur frischen Auffahrt gegeben wurde. ungeachtet es nun ungemein stark regnete und dabei stockfinster war, so liess sich dieser verliebte Steiger doch nichts hindern hinaufzuklettern, war auch bereits bis an die andere Etage gelanget, als ihm leise zugerufen wurde, sich ein wenig aufzuhalten. Er gehorsamete eine ziemliche Weile, als ihn aber der grausame Regen gar zu heftig inkommodierte, konnte er es fast nicht mehr ausstehen, weswegen er sich resolvierte, wieder herunterzusteigen, um vorher noch eine Weile unter denen Portichi oder Schwibbögen im Trocknen zu stehen. Allein da er kaum bis an das erste Stockwerk zurück gelanget, ereignete sich plötzlich ein Zufall, der seinen Staffiero oder Bedienten nötigte, in geschwinder Eil fortzulaufen. Signor Balestrieri hielt vors ratsamste zu bleiben, wo er war, und sich nicht zu regen, ungeachtet es immer heftiger zu regnen anfing. Denn es ist zu wissen, dass zu damaligen zeiten in Padua alle Nächte das sogenannte Chivà la geschahe und mancher dadurch ums Leben gebracht wurde, deswegen waren eben zu der Zeit, als Balestrieri seine verliebte Visite angetreten, ungefähr 60 Schritt von Fiorinens Behausung zwei Partien zusammengeraten, welche hinter den dicken Pilaren aufeinander Feuer gaben. Solchergestalt war es nun allerdings besser, dass er sein Verhängnis an der Strickleiter mit Gedult ertrug und zwischen Himmel und Erden schwebete, als dass er sich in eine noch grössere Lebensgefahr stürzte. Als er nun über eine Stunde diese Angst ausgestanden, kam endlich die Scharwache, welche die streitenden Parteien auseinanderjagte und verfolgte, mittlerweile bekam Balestrieri ein abermaliges Zeichen, sich hinaufzubegeben, welches er denn tat und glücklich bei Fiorinen anlangete. Diese empfing ihn mit offenen Armen und vielen Küssen, bat ihn auf eine recht demütige Art um Verzeihung, dass sie ihn so lange hätte müssen zappeln lassen; allein der arme Balestrieri, welcher wie eine gebadete Maus aussahe, war nicht anders als ein Mensch, der den stärksten Paroxismum vom kalten Fieber hatte, konnte also ihre heissen Küsse nicht anders als sehr kaltsinnig vergelten, zumalen da weder das Kaminfeuer noch der köstliche Wein seinem erfrornen Körper einige Wärme einflössen wollten. Endlich da Fiorine sah, dass nichts helfen wollte, fing sie an, ihm hier und dar an den Puls zu greifen, um mit ihren warmen Händen die zurückgewichenen Geister wieder herbeizubringen, allein es half alles nichts, Signor Balestrieri blieb bei allen diesen Karessen wider seinen Willen kraftlos, und die arme Fiorine musste endlich, mit grössten Unwillen und ohne den vollkommenen Liebesgenuss erhalten zu haben, geschehen lassen, dass ihr kalter und schwacher Amant die Strickleiter wieder hinunterstieg, welche sie, sobald er auf der Erden war, recht grimmig und in grösster Geschwindigkeit hinaufzohe.

Der gute Balestrieri dankte zwar dem Himmel, als er ohne weitere Gefahr glücklich in seinem Quartiere und warmen Bette angelangt war. Nachdem er aber vermerkte, dass sich nach einer kurz genossenen Ruhe seine entwichenen Kräfte wieder eingestellet hatten, chagrinierte er sich ungemein über die ihm zugestossene Fatalität, zumalen wenn er sich die besondere Schönheit der Fiorine nebst den ihm angetanen Karessen nunmehr erst recht, jedoch nur in unruhigen geist vorstellete. Gleich morgens früh setzte er sich hin und verfertigte ein Schreiben an Fiorinen, worin er sein gestern gehabtes unglückliches Schicksal beklagte, sich ihrer fernerweitigen Gewogenheit bestens rekommendierte und dieselbe zu persuadieren suchte, ihm eine anderweitige Nachtvisite zu vergönnen, da er denn seinen begangenen Fehler verbessern wollte; allein diese schrieb ihm einen verzweifelten höhnischen Brief zurück, dessen Hauptinhalt dieser war, dass sie mit keinem ohnmächtigen Menschen, der noch weit miserabler beschaffen als ein Kastrat, nichts weiter zu schaffen haben wollte, wie sie sich denn alle Einbildung von seiner schönen person und galanten Wesen bereits gänzlich aus dem Sinne geschlagen. Er aber möchte sich ja nicht unterstehen, von dieser Begebenheit etwas gegen jemanden zu gedenken, widrigenfalls sie auf die allergrausamste Rache bedacht sein würde.

Balestrieri versuchte noch verschiedenemal, sie mit den beweglichsten Briefen und Versen zur Raison zu bringen, allein diese Schöne blieb nicht allein unempfindlich, sondern liess ihm noch dazu jederzeit bloss mündlich eine spöttische Antwort zurücksagen und zuletzt befehlen, er sollte sie nur nicht mehr mit seinen Briefen inkommodieren, weil sie seine person ganz und gar nicht mehr ästimierte. Diesem verdross zwar der Schimpf nicht wenig, und es stiegen zum öftern die Gedanken bei ihm auf, sich an Fiorinen zu rächen, wenn er aber bedachte, an was vor einem gefährlichen Orte er sich befände und dass die Wut einer erzürneten italiänischen Dame ihren Beleidiger zum öftern in weit abgelegene Städte, ja Länder verfolgte, schlug er sich endlich alle diese Gedanken, ja Fiorinen selbst aus dem Sinne und choisierte sich eine sehr wohlgebildete Dame de Fortun, bei welcher er, wenn er Appetit bekam, vor zwei venetianische Ducati jede Nacht so viel Wein und Konfekt, als er geniessen mochte, auch sonsten allen übrigen angenehmen Zeitvertreib ohne die geringste Leib- und Lebensgefahr haben konnte. Dieses trieb er, und zwar