Reu und Leid, Bezwinge dich, die Lust zu meiden.
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Ach! stelle dir dein Ende für, Der Tod steht wohl schon vor der Tür. Dein Wollen zwingt ein hoher Wille, Drum lebe christlich, keusch und stille, Betrachte dies, mein Herz! und denke stets bei dir, Wie bald dein Leib den Sarg erfülle.
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Denn muss die arme Seele fort An jenen grossen Urteilsort Und die Belohnung zu empfangen Vor das, was sie allhier begangen, Betrachte dies, mein Herz! du kannst den
himmels-Port
Durch Gottes Gnade noch erlangen. Er verfiel nach Verfertigung dieser Reime wegen seiner ernstlich vorgesetzten Busse und Bekehrung abermals in ein tiefes Nachsinnen, aus welchen ihn endlich der zur Tafel blasende Trompeter verstörete, und Elbenstein verwunderte sich nicht wenig, dass es schon dunkel zu werden begonnte, demnach quittierte er die Einsamkeit und begab sich hinauf in das Tafelgemach, wo die andern Kavaliers schon versammlet waren, die sich ungemein verwunderten, wo er seit der Zeit gesteckt hätte, auch dieserwegen verschiedene scherzhafte fragen an ihn taten; allein Elbenstein antwortete ihnen allen auf einmal mit folgenden: "Messieurs! so wunderlich ist mir's fast mein Lebtage nicht gegangen als heute; ich ging, sobald wir von der Tafel aufgestanden, weil mir der Kopf von den allerlei Weinen, die ich bishero auf der Reise getrunken, etwas Meinung, dass, wenn ich etwa eine halbe Stunde in der freien Luft herumginge, sich der Dummel wohl verlieren würde. Im Hin- und Hergehen aber traf ich eine schöne, grosse, blaue Blume an, die von der natur fast als eine Sturmhaube gebildet war. Da [ich] mich nun nicht erinnern konnte, in Deutschland dergleichen artiges Gewächse gesehen zu haben, brach ich dieselbe ab und versuchte ihren Geruch, welcher zwar scharf, aber eben nicht besonders angenehm war, jedoch roch ich verschiedenemal daran, endlich aber, da ich fast bis an das Ende des Gartens gelangete, bekam ich auf einmal ganz plötzlich einen starken Schwindel und heftige Kopfschmerzen, so dass ich vermeinete, ich würde zu Boden sinken müssen, jedoch erreichte ich mit Kummer und Not eine Grotte, in welcher ich mich auf eine Rasenbank der Länge nach ausstreckte und ohne mein Vermuten in einen tiefen Schlaf verfallen bin. Ich glaube auch, dass ich noch schliefe, wenn mich der Trompeter mit dem Schalle seines Instruments nicht aufgeweckt hätte. Inmittelst glaube [ich] nicht anders, als dass der Geruch der Blume daran schuld sein müsse, denn ich bin bis jetzt noch ganz dämisch, ungeachtet ich weder heute noch gestern eine Débauche in Weine gemacht habe." "Mein Herr!" versetzte der Oberhofmeister, "ich bedaure Dero Malheur, inzwischen wird es hoffentlich keine schlimmeren Folgerungen nach sich ziehen, wenn Sie nur belieben, einen guten Trunk frisches wasser zu tun. Sie haben allerdings recht, dass der Geruch der Blume daran schuld ist, welche Blume allhier bei uns Napello genennet wird, so schön sie aber anzusehen, so giftig ist sie auch, und wenn man nur ein- oder zweimal daran riecht, bekömmt man gleich Kopfschmerzen oder Schwindel. Es sind schon verschiedene Fremde dadurch betrogen worden, und wenn es bei mir stünde, müsste sie wenigstens im Lustgarten ausgerottet werden, allein mein gnädiger Herr sind ein ungemeiner Liebhaber von der Botanik und würden keine Kosten sparen, wenn sie nur alle Kräuter und Blumenarten, so in der ganzen Welt zu finden, in einem Garten beisammen haben könnten."
Hierauf setzten sie sich sämtlich zur Tafel, und weilen dieses Mal eben kein Frauenzimmer zugegen war, verfielen sie nochmals auf die Mordgeschicht des englischen Lords und auf die Grausamkeit der Damen; endlich fing des Marchese Stallmeister, welches ein wohlstudierter und qualifizierter Kavalier war, folgende Geschicht zu erzählen an:
"Als ich vor etlichen Jahren noch in Padua studierte, trug sich's zu, dass einer meiner besten Freunde, ein Edelmann, von Lucca gebürtig, in einen Kaufmannsladen ging, um sich Scharlach zu einem Mantel zu kaufen. Bei dieser gelegenheit mochte des Kaufmanns Tochter, die sich eben allein im Laden befand, den jungen Kavalier etwas allzu genau in die Augen fassen, daher sie dergestalt in Liebe gegen denselben entzündet ward, dass sie seinen Laquais mit Darreichung etlicher Zechinen dahin beredete, einen Ruffiano oder Kuppler abzugeben. Dieser nun rühmete gegen seinen Herrn allezeit die Schönheit der Kaufmannstochter, und sobald er vermerkte, dass sein Herr gern von dergleichen Sachen reden hörete, brach [er] endlich los und versicherte denselben, dass diese Schöne sich sterblich in ihn verliebt hätte und nichts mehr wünschte, als eine vertraute Zusammenkunft mit ihm zu haben. Signor Balestrieri empfand alsobald eine brennende Begierde bei sich, mit dieser schönen Kaufmannstochter in nähere Bekanntschaft zu geraten, befahl deswegen seinem Diener, allen Fleiss anzuwenden, dass er dazu gelangen könnte, versprach ihm auch, wenn er die Sache klug spielete und bewerkstelligte, zum Rekompens drei Zechinen. Dieser schlaue Vogel, als er bemerkte, wie er von beiden Parteien Geld schneiden könne, säumte sich nicht, Fiorinen, so hiess des Kaufmanns Tochter, seines Herrn verliebte sehnsucht mit lebendigen Farben abzumalen, diese aber, ungeachtet sie von ihren Eltern sehr genau in acht genommen ward, erfand endlich dennoch ein Mittel, dieselben zu hintergehen, denn sie praktizierte heimlich so viel Seide aus dem Gewölbe, als zu Verfertigung einer Strickleiter nötig war, gab selbige des Balestrieri Diener nebst einer Handvoll Geld, um das übrige zu besorgen, denn die dritte Nacht darnach