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oft besänftiget; hierauf rief sie ihre Getreuen, nämlich eine alte Frau und ihr Kammermägdgen, und zeigete ihnen mit fröhlichen mund und Herzen das jämmerlich zerfleischte Opfer ihrer verteufelten Rachbegierde. Das Kammermägdgen sank vor Schrecken in eine Ohnmacht, weswegen die Frau nach ihrer Hausapoteke eilete und ihr einen starken Spiritum vor die Nase hielt, wodurch ihre Lebensgeister wieder in etwas zurückkehreten; die Alte hingegen machte sich keinen Kummer daraus, sondern ging auf der Frauen Befehl hinunter und brachte einen im voraus bestellten starken Banditen herauf, welcher den verstümmelten Körper des unglückseligen Lords in einen ausgepüchten Sack steckte und denselben in den Canal Grande warf. Des darauffolgenden Morgens wurde der Körper gefunden und in einem offenen Gewölbe einem jeden zur Beschauung dargelegt. Am dritten Tage wurde derselbe von dem Hofmeister des unglücklichen Lords an einem Muttermale sowohl auch an einer Blessur, die er beide am rechten arme hatte, erkannt und standesmässig begraben. Der Hofmeister schickte sogleich eine Stafette nach Engelland und tat den Eltern den kläglichen Verlust ihres einigen Sohnes im voraus zu wissen; wollte aber mit dessen Bagage nicht so bald abreisen, weil er vielleicht noch Kundschaft von dessen Ermordung einzuziehen verhoffte. Sein Hoffen traf auch ein, und zwar folgendergestalt: Das Kammermägdgen konnte sich den jämmerlichen Tod des Lords, welchen sie zum öftern Briefe von ihrer Frauen bringen müssen, ganz und gar nicht aus dem Sinne schlagen, sondern wo sie ging und stunde, liefen ihr die Tränen mit untermischten Seufzern beständig aus den Augen. Die Dame merkte endlich abends beim Auskleiden ihre allzugrosse Wehmütigkeit und sagte: "Ich glaube, du verfluchte Bestia beweinest den Lord! Was gilt's, er hat dir auch zuweilen einen Liebesdienst erwiesen? Den Augenblick lache mich an! oder ich stosse dir eben das Messer in die Brust, wormit ich meinen unbedachtsamen Galan geschlachtet habe." Da kostete es nun Kunst zu lachen; allein die Todesangst formierte dennoch, zu allem Glücke, eine solche lächerliche Miene in dem Angesichte des armen Mägdgens, dass diese andere Atropos ihrer annoch schonete, zumalen da das arme Kind zu ihren Füssen fiel und bekannte, dass sie noch eine reine Jungfer wäre und weder mit dem Lord, noch mit irgendeiner andern Mannesperson jemals auf der Welt der Liebe gepflegt hätte, nur aber wäre ihr das Spectacul so grausam vorgekommen, weil sie eben aus dem ersten Schlafe ermuntert worden; anbei versicherte sie, zeitlebens keinem Menschen etwas davon zu sagen. Hiermit war die Furie zufrieden und hiess das arme Ding zu Bette gehen, welches aber die ganze Nacht kein Auge zutun konnte, hergegen desto mehr Tränen vergoss. Wie sie aber in dieser schlaflosen Nacht alles genauer überlegte und betrachtete: dass sie bei so gestalten Sachen, da sie ihre Tränen und Seufzer wegen ihres weichherzigen Gemüts nicht sattsam verbergen könnte, des Lebens keine Stunde sicher wäre, ergriff sie die Resolution, nahm ihre besten Sachen in die Schürze, wanderte, sobald die Tür geöffnet wurde, zum haus hinaus und begab sich in den Schutz des Polizeirichters, dem sie, als sie gegen Mittag vor ihn kommen konnte, den ganzen Handel in geheim offenbarete. Dieser schickte zwar sogleich einige Gerichtsdiener nach der Dame wohnung, um dieselbe nebst der alten Frau und andern Bedienten zu arretieren, allein die Dame ist, sobald sie vernommen, dass sich das Mägdgen unsichtbar gemacht, wie man sagt, in ein Kloster gesprungen, die Alte aber hat ohne Folter bereits alles bekennet, was mit der Aussage des Mägdgens übereintrifft. Der Hofmeister des unglückseligen Lords hält sich noch hier auf, und man muss abwarten, was in dieser Sache ferner passieren wird etc.

Nachdem Elbenstein diese Relation gelesen und sie seinem Beisitzer gegeben, starb ihm, der gemeinen Redensart nach, der Bissen im mund, ja er sass als ein Träumender und war herzlich froh, dass dem Oberhofmeister zu Gefallen, welcher den Expressen, der einige wichtige Briefe zu beantworten mitgebracht, die Tafel etwas zeitiger als gewöhnlich abgehoben ward. Indem er nun sah, dass sich sowohl der Baron von K. als die andern Kavaliers zu einem Lustspiele präparierten, schlich er sich heimlich hinunter in den Schlossgarten, setzte sich in eine abgelegene Grotte und lase die venetianische Relation, welche er von dem Oberhofmeister nochmals ausgebeten hatte, zum andern Male mit guten Bedachte durch. Die Haare stunden ihm zu Berge, da er bei dieser Geschicht an seinen eigenen Lebenswandel gedachte. "O Gott!" sagte er, "wie gross ist deine Langmut, dass du mich frechen Sünder nicht schon auch wie diesen Lord mit Leib und Seele hast verderben lassen! Ach! mein Gott, vergib mir doch alle meine begangenen Sünden, ich gelobe dir, diese in den zeitlichen und ewigen Tod stürzende Missetaten nicht mehr zu begehen, sondern hinfüro der Fleischeslust gänzlich abzusagen, verleihe mir nur deine Kraft zu Widerstehung derselben. Ja, ich will, ich will dieselbe fliehen als die giftigsten Ottern und Schlangen." Er verfiel hierauf in recht ernstliche tiefe Bussgedanken und verharrete ohngestört über zwei gute Stunden in denselben, nachdem er sich aber wieder ermuntert, fassete er den ernstlichen Vorsatz, seine begangenen Torheiten beständig zu bereuen, seinen Lebenswandel aber hinfüro Gott gefälliger einzurichten. Da er nun noch keine Lust hatte, bei der Gesellschaft so zeitig wieder zu erscheinen, zohe er seine Schreibetafel aus der tasche und schrieb folgende Ode hinein:

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Bedenke doch die Ewigkeit Und die ganz unumschränkte Zeit, Da vor der Wollust kurze Freuden Wir ewig Qual und Schmerzen leiden, Bedenke dies, mein Herz! und trage