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vor pur lautere Wahrheiten, kontestierte aber dieses Malheurs wegen ein herzliches Mitleiden gegen diesen seinen Herrn Landsmann, riet ihm auch, er möchte dieserwegen mit dem berühmten paduanischen Medico Comte della Torre sprechen, als welcher rechte Wunderkuren getan, mitin vielleicht auch ihm zu seiner Vollkommenheit verhelfen könnte, denn dieser Medicus wäre bei seiner grossen Kunst dennoch nicht interessiert, sondern kurierte jährlich viel 100 Menschen umsonst. "Mein Herr!" versetzte Elbenstein hierauf, "ich halte davor, dass ich viel glückseliger leben kann, wenn ich so bleibe, wie ich jetzt beschaffen, denn wenn ich bedenke, was die Menschen aus Liebe zum Frauenzimmer zuweilen vor lachenswürdige Torheiten begehen und wie sie sich öfters eines eingebildeten Vergnügens wegen in die allergrössten Gefährlichkeiten stürzen, auch nicht selten ihre Ehre, Glück und Leben dadurch einbüssen, so bin ich recht herzlich froh, dass mir dergleichen Appetit niemals ankömmt; was aber die Fortpflanzung unsers Geschlechts anbelanget, darum sorge ich gar nicht, weil ich Brüder habe, die meinen Fehler schon verbessern werden."

Der Baron wunderte sich bald zu tod über solche Gelassenheit, dergleichen, wie er sagte, vielleicht auch nicht einmal bei einem würklichen Kastraten zu finden sein möchte. Unter diesen und dergleichen Diskursen aber erreichten sie endlich Battaglia und erfuhren von der Wache unter dem Tore, dass die gnädige herrschaft noch nicht, sondern erstlich in zweien Tagen wieder zurückkommen würde. Demohngeacht liessen sie dem Maggiordomo oder dem Oberhofmeister ihre Ankunft melden, worauf sich der Baron in einen bekannten Gastof, Elbenstein aber in sein ihm schon vorher assigniertes Quartier begab, welches bei einem reichen Schneider war.

Die Wirtin, welche eine wohlgebildete Frau von ungefähr 22 bis 24 Jahren war, empfing ihn aufs allerfreundlichste, bat nicht ungütig zu vermerken, dass ihr Mann seinen Reverenz nicht machte, indem er als ein grosser Liebhaber von der Jagd diesen Morgen auf die Jagd gegangen und wohl vor morgenden Abends nicht wieder zu haus kommen würde. Immittelst begleitete sie ihn selbst bis auf sein Zimmer, und weil sein Bedienter die Pferde erstlich in den Stall zog, half sie ihm den Reiserock abtun und sagte binnen der Zeit, wie sie höchst erfreut wäre, ihn wiederzusehen, weil sie unter der Zeit seines Abwesens keine geruhige Stunde gehabt hätte.

Elbenstein bewunderte bei sich selbst eine solche freie Declaration d'amour, indem er aber an dieser artigen Frau nichts auszusetzen fand, umarmete er dieselbe erstlich und sagte dabei, wie er nimmermehr glauben könnte, dass diese ihre Reden aus einem aufrichtigen mund flössen, woferne sie ihm nicht vergönnete, eine probe davon zu nehmen, nach welchen Worten er sie nicht nur etlichemal auf den Mund, Augen und Wangen, sondern auch auf diejenige Haut küssete, welche ihm wegen des abfallenden Halstuchs entblösset in die Augen fiel.

Agata, dies war ihr Taufname, liess dieses alles als eine kraftlose person geschehen, war aber hiermit nicht vergnügt, sondern unter dem Vorwande, in der kammer zuzusehen, ob auch das Bette gemacht wäre, lockte sie Elbensteinen mit einer verliebten Miene hinter sich her, und weil das Bette noch ungemacht befunden ward, machten sie es alle beide ohne besondere Komplimenten mit zusammengesetzten Kräften. Kaum war diese Arbeit vorbei, da schon der Hoffurier mit einer Karosse kam, Elbensteinen aufs Schloss zu holen, weswegen sich dieser gemüssiget sah, augenblicklich andere Kleider überzuwerfen, wobei ihm denn Agata weit dienstfertiger und geschickter zu hülfe kam als sein ordentlicher Bedienter, welcher ohnedem besser mit den Pferden umzugehen wusste. Unter diesen Ankleiden aber wurde verabredet, dass Elbenstein gleich nach aufgehobener Tafel eine kleine Unpässlichkeit vorschützen und sich so bald als möglich nach haus begeben wollte, da denn Frau Agata gebeten wurde, weil ihr Mann nicht selbst gegenwärtig wäre, ihm die lange Weile in der Nacht passieren zu helfen. Agata erzeigte sich nicht widerspenstig, sondern versprach, seinen Befehlen in allen Stücken zu gehorsamen, und demnach setzte sich Elbenstein in den Wagen und fuhr auf das Schloss, stellte sich aber, als ob er sehr heftige Kopfschmerzen empfände, weswegen er auch wenige speisen zu sich nahm und gleich nach aufgehobener Tafel in sein Logis zurückeilete, unter dem Vorgeben, dass seine Kopfschmerzen wohl durch nichts besser als durch den Schlaf kuriert werden könnten, jedoch da ihm der Baron ein gewisses Pulver von der Apoteke sich holen zu lassen riet, versprach er hierinnen zu folgen und gab vor diesmal gute Nacht.

Seine Wirtin, welche bloss aus der Ursache, sich ohne Verdacht sauber und nette ankleiden zu können, bei einer vornehmen Dame eine Visite abgelegt, trat fast zu gleicher Zeit mit ihm zur Haustür hinein und zeigte sich weit charmanter als vorher; damit aber das Gesinde im haus ihr heimliches Verständnis nicht merken möchte, klagte Elbenstein über ganz grausame Kopfschmerzen, auch wie ihm nicht anders, als ob alle seine Glieder am leib zerschlagen wären, bat deswegen die Frau Wirtin, ihm einen Koffee machen zu lassen, binnen der Zeit er seinen Dienst nach der Apoteke schicken wollte, um etwas Arzenei, die ihm rekommendiert worden, zu langen.

Agata beklagte sein Malheur und sagte, wie sie ihren Heiligen anrufen wollte, damit er nur in ihrem haus nicht krank würde, unterdessen bat sie, dass er doch bis zur Zurückkunft seines Dieners in ihrer, obschon übel aufgeräumten stube bleiben möchte, indem der Koffee augenblicklich fertig sein sollte. Elbenstein setzte sich also in einen Schlafstuhl, und da der Diener wiederkam, sagte er: "Bringe mich nur augenblicklich zu Bette, denn ich kann vor Schmerzen nicht bleiben.