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durch ein dickes Gepüsche passierten, hielt Elbenstein stille, stieg ab, gab seinem Diener das Pferd zu halten und verbarg sich unter dem Scheine, ein opus necessarium zu verrichten, hinter ein dickes Gesträuche; allein nicht dieses, sondern die ungemeine Kuriosität trieb ihn an, der Baronne Schreiben, welches ihm der Weingärtner eingehändiget hatte, zu lesen, welches er denn also gesetzt befand:

Ach, Seele meiner Seele!

Mein herz hat zwar schon seit der Zeit, ich Dich zum ersten Male erblickt, in Deinen Liebesbanden gelegen, allein heute hast Du durch Deine Klugheit in vorsichtiger Überlegung unserer innigsten Liebe meine Seele vollends, ja vollkommen angefesselt. Ich bin von Deinen anbetungswürdigen Qualitäten dergestalt bezaubert und in Deine anmutige person verliebt, dass kein Schmerz zu erdenken ist, den ich nicht empfinde, wenn ich des Glücks beraubt bin, Dich, o mein Leben! zu sehen. Die sehnsucht, Dich wiederum im Vertrauen zu umarmen, martert mich fast zu tod. Jedoch

Ich fühle, was dem Herzen

Die süsse Hoffnung lehrt:

Sie saget meiner Seelen,

Die Treu nicht zu verscherzen

Und dass bald alles Quälen

Soll sein in Lust verkehrt.

Er las und überlas diesen Brief mehr als zehnmal, ja er wäre vielleicht vor Vergnügen in ein tiefes Nachsinnen verfallen, wenn sein Hengst nicht von ungefähr zu wiehern angefangen hätte; dieses machte, dass er sich besann und den Barone eiligst nachfolgte, welcher viel zu stark in den Weinbecher geguckt haben mochte, ganz sachte ritte und ziemlich schläfrig tat; da aber Elbenstein wieder an seine Seite kam, machte er sich munter; unterdessen schien Elbensteinen ziemlich fatal vorzukommen, da des baron erste Frage an ihn diese war: "Aber, mein wertester Herr Landsmann, haben Sie sich denn in diesem Revier oder in N. noch keine schöne Mätresse zugelegt?"

Dieser beantwortete solche Frage ganz kaltsinnig, wie er sich nämlich ganz anderer Ursachen wegen auf Reisen begeben, als bei Frauenzimmer Zeitvertreib zu suchen, drehete diesen Diskurs auch mit guter Manier gar bald ab und verfiel auf allerhand geschichte und Antiquitäten, fragte, wer von diesem oder jenem schloss, dergleichen viele um sie herum lagen, Eigentumsherr wäre, zu welcher Zeit es erbauet worden, was sich etwa Merkwürdiges darbei zugetragen und dergleichen mehr, weswegen ihn der Baron in diesem Stücke vor einen frostigen und eigensinnigen Menschen zu halten anfing, in welcher Meinung er auch durch folgende Begebenheit gestärkt wurde: Es hatte des baron Pferd am Vorderfusse ein Eisen abgeschlagen, daher es etwas zu zucken begunnte und der Baron sich genötiget sah, in dem nächsten Städtgen, da sie durchpassierten, wieder beschlagen zu lassen. Da nun Elbenstein dem Baron zum Gefallen auch mit abstieg und beide binnen der Zeit, als der Schmidt gerufen wurde, vor dem Gastofe unter einem schattigten Baume eine Bouteille Wein kosteten, wurde Elbenstein von einer dem Gastofe gegenüber wohnenden sogenannten Signora erblickt, welches, auf deutsch zu sagen, eine solche person ist, die mit Permission der Obern ihren Leib zu Büssung der geilen Lüste gewidmet und sich viele Freiheiten, ohn gestraft zu werden, herausnehmen darf. Diese Signora kam auf Elbensteinen zugegangen, fiel ihm, ehe er sich's versahe, um den Hals und wollte ihn mit aller Gewalt küssen, er aber entledigte sich ihrer bald und stiess sie mit solcher Heftigkeit von sich, dass sie rücklings zur Erden fiel und die Beine in die Höhe kehrete. Hierüber wurde von dem da herum wohnenden gemeinen Pöbel ein solches Lärm angefangen, dass Elbenstein die Treppe hinauf zu retirieren sich genötiget sah. Endlich kamen einige Sbirri herzugelaufen, welche, als ihnen der Baron sowohl als der Wirt die ganze Begebenheit erzählet, vermittelst ihrer Autorität den zusammengelaufenen Pöbel auseinanderjagten, wovor ihnen Elbenstein einen Ducati verehrete; sobald aber das Pferd beschlagen war, setzten sie ihre Reise weiter fort.

Kaum hatten sie wiederum das freie Feld erreicht, als der Baron also zu reden anfing: "Mein Herr Landsmann! ich habe mich über Ihre jetzige Aufführung sehr verwundert. Diese Signora ist doch, mit Wahrheit zu sagen, eine recht schöne person, sowohl vom leib als gesicht, und von einem sehr vornehmen Herrn, der nur vor weniger Zeit gestorben, bis an sein Ende unterhalten oder, wie es die Italiäner zu nennen pflegen, manteniert worden. Wenn mir", verfolgte der Baron seine Rede, "dieser Zufall begegnet wäre, hätte ich, ungeachtet ich mich mit einer liebenswürdigen Gemahlin beglückseliget sehe, dennoch die angetanen Karessen nicht auf eine so spröde Art ausschlagen können." nunmehr stellte sich Elbenstein recht vertraut gegen den Baron und sagte: "Mein Herr! wenn ich Ihrer Verschwiegenheit versichert wäre, so wollte Ihnen wohl ein Geheimnis eröffnen." Wie nun der Baron einen teuren Eid schwur, hiervon gegen niemanden etwas zu gedenken, sagte Elbenstein: "Es ist etwas Seltsames, dass ich gar nicht wie andere Mannspersonen beschaffen bin, und also empfinde ich auch weder Liebe noch Begierde zu einem Frauenzimmer bei mir, sie mag auch noch so schöne sein; absonderlich ist mir auch sogar das Küssen eine ekelhafte Sache, sonsten aber mag ich ganz gern mit honetten Frauenzimmer umgehen, denn ich habe befunden, dass viele einen rechten englischen Verstand besitzen; insoferne sie nun mit mir umgehen wie mit ihresgleichen oder ich mit ihnen umgehen kann, wie Mannspersonen miteinander umzugehen pflegen, bin ich gern in ihrer Compagnie, sobald aber Liebesgrillen aufs Tapet kommen, suche ich mich ihrer Gesellschaft soviel als möglich zu entziehen."

Der Baron hielt dieses