1738_Schnabel_089_25.txt

solches seinerseits mit einer höflichen Manier ablehnete und vorwendete, wie er seinem gnädigsten Fürsten den untertänigsten Rapport nicht gern mit schwerer und stammlender Zunge, auch wankenden Füssen abstatten wollte, da über dieses selbigen Abend in Battaglia ohnedem noch scharf genug würde getrunken werden, indem sein gnädiger Herr sowohl als der Herr Marchese, da sie sich einige Jahre in Wien aufgehalten, die deutsche Lebensart sich ganz unvergleichlich angewöhnet, auch solche bis dato noch nicht abandonniert hätten, sondern öfters das Mass der Mässigkeit überschritten; als fing der Baron an zu lachen, liess aber Elbensteins Remonstration gelten und einem jeden die Freiheit, nach Belieben zu trinken. Nach aufgehobner Tafel beurlaubte sich Elbenstein von der sämtlichen Compagnie und ging mit dem Barone fort, welcher ihn bat, nur noch eine einzige halbe Stunde zu verziehen, weil er nur noch einen abgeschickten Expressen mit wenig Zeilen zurück zu spedieren hätte, hernach wollte er sich augenblicklich reisefertig machen, mittlerweile möchte er sich doch belieben lassen, noch eine Bouteille Wein einzunehmen, allein Elbenstein deprezierte solches, bat hergegen sich aus, ein wenig hinunter in die freie Luft zu spazieren, weiln er seit wenig Minuten einige Kopfschmerzen empfunden. Der Baron liess solches geschehen, bat aber dabei, dass er ihn wegen der Nichtbegleitung vor diesmal exkusiert halten möchte.

Als Elbenstein auf den Hof hinunter kam, sah er eine Gartentür offenstehen, und weil ihm ohnedem der Kopf voller Grillen war, dass er seine geliebte Baronne so plötzlich wieder verlassen sollte, als ging er auf den Garten los, machte die Tür hinter sich zu und ging ganz alleine darinnen spazieren herum, verfiel aber dergestalt in tiefe Gedanken, dass er die Seltenheiten, so in diesem schönen Garten anzutreffen, nicht einmal observierte. Endlich, da eine gute Viertelstunde verlaufen, kam der Weingärtner, welcher ihn vor einigen Tagen mit Trauben und Aprikosen versehen hatte, und bat sich bei Elbensteinen die Gnade aus, dass er ihn doch auf einige Worte anhören möchte. Wie nun dieser sagte, dass er nur reden solle, fing der Mann also an: "Gnädiger Herr, ich habe einen Vetter, welcher in der Residenzstadt unsers gnädigen Fürsten wohnet, dieser arme Mann hat ein kleines Häusgen und Garten, welches an dem Palaste eines reichen Kaufmanns anliegt und den Palast, wie der Kaufmann spricht, beschimpfet. Nun hat mein Vetter nach einem langweiligen Prozesse und auf Zureden anderer guten Leute endlich resolviert, dem Kaufmanne das ganze Wesen käuflich zu überlassen, nur aber um einen solchen Preis, wie dergleichen Häuser heutiges Tages wert sind und wie es von unparteiischen geschwornen Personen taxiert wird. Allein der reiche Kaufmann, welches einer der grössten Geizhälse in ganz Welschland ist, will ihm durchaus nicht mehr geben, als so viel meines Vetters Vorfahren, die es in vorigen schweren Kriegen nun freilich wohl um ein Spottgeld gekauft, darvor bezahlt haben. Allein das will mein Vetter nicht tun, unterdessen kostet ihm der Prozess viel Geld, die Richter aber sind doch immer mehr auf des Kaufmanns als auf meines Vetters Seite, und vor ihr fürstl. Durchl. kann der arme Mann so leicht nicht kommen, deswegen wollte Ew. Gnaden untertänigst gebeten haben, sich meines Vetters, der sich ehesten Tages bei Ihnen melden wird, anzunehmen und ein Gotteslohn zu verdienen. Die gnädige Baronesse haben mir hier ein kleines Rekommendations Schreiben an Ew. Gnaden gegeben, lässt aber dabei sehr bitten, es dem Herrn Barone ja nicht zu zeigen, auch demselben nicht einmal merken zu lassen, dass sie sich in diese Sache gemischet hätte. In wenig Wochen würde die Frau Baronne selbst nach N. kommen und daselbst eine Kur brauchen, welche ihr von den Medicis angeraten worden, auch etliche Monate daselbst verbleiben, da sie denn gelegenheit suchen würde, vor solche erwiesene gefälligkeit und Bemühung gebührenden Dank abzustatten."

Elbenstein gab zur Antwort, dass er, der Weingärtner, seinen Vetter nur zu wissen tun möchte, dass er sich nächstens bei ihm melden sollte, so wollte er sich sonderlich wegen des Vorspruchs einer so vornehmen Dame keine Mühe verdrüssen lassen, seinem Vetter bei ihr Durchl. hülfe zu verschaffen. Indem aber Elbenstein eben im Begriff war, der Dame Brief zu erbrechen, kam sein Bedienter gelaufen und meldete, wie der Herr Baron in völliger Bereitschaft wäre, sich zu Pferde zu setzen, weswegen Elbenstein den Brief hurtig in die tasche steckte und hervor eilete, da er denn das Vergnügen hatte, die charmante Baronne, wiewohl nur auf zwei oder drei Augenblicke, zu sehen und nochmaligen Abschied von ihr zu nehmen. Aus aller beider verliebten Augen stiessen zwei feuervolle Blicke in einer ganz unbeschreiblichen Geschwindigkeit dergestalt aufeinander, dass niemand etwas davon merkte als ihrer beider Herzen, welchen aber nicht anders zumute war, als ob ein glühender Dolch hindurchführe. Hierauf setzten sich sowohl der Baron als Elbenstein zu Pferde und ritten fort, jedennoch war er curieux zu bemerken, ob ihnen die Baronne auch wohl aus den Fenster nachsehen möchte, weswegen er, als ob es von ungefähr geschähe, einen Handschuh fallenliess, damit er nur gelegenheit hatte, sich mit dem Pferde umzudrehen, mittlerzeit aber, da sein Diener abstieg und den Handschuh aufhob, hatte er noch die Freude, dieselbe, welche sich fast mit halben leib aus dem Fenster gelegt hatte, zu erblicken, da er denn nochmals ein Kompliment hinauf machte, sodann seinem Pferde etliche Kurbetten machen liess und den Baron nacheilete.

Beide Reisende diskurierten miteinander von lauter besonderen Staatssachen, als sie aber ungefähr eine halbe Meile geritten waren und