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aufs allereiligste eine Bouteille von dem allerbesten Marzeminerweine nebst einer Schale voll Konfekt dem Kavalier, der dorten vor dem Gastofe hielte, hinüberzutragen, darbei zu melden, wie er, der Baron, demselben seine gehorsamste Empfehlung machen liesse, anbei besorgte, dass ihm des Wirts Wein vielleicht nicht schmecken würde, weswegen er ihm hier eine Bouteille von dem seinigen, so gut man dieselbe in der Geschwindigkeit ergreifen können, überschickte, anbei gehorsamst bäte, wenn seine Reise nicht allzu pressant, seiner, des baron, Behausung und ihm die Ehre zu geben, auf ein schlecht Mittagsmahl vorliebzunehmen, damit er das Glück haben möchte, ihn, den er vor einen deutschen Landsmann ansähe, von person und Namen kennenzulernen. Der Diener war wie der Wind, sowohl den Wein und Konfekt als das Kompliment anzubringen, hätte es auch nicht besser treffen können, indem er vor seinen Weg einen Scudo d'argento (ist ungefähr 30 ggr. deutsches Geldes) zum Trinkgelde bekam. Elbenstein schickte aber sogleich seinen eigenen Diener zum Herrn Baron, liess bei Vermeldung seines gehorsamsten Respekts und schuldigster Danksagung vor das Überschickte wissen, dass er des Fürsten von N. Kammerjunker und eben jetzt auf der Rückreise begriffen wäre, wegen einer aufgehabten Kommission Sr. Durchl., die sich noch in Battaglia bei des Marchese Obizzo Hochgeborner Exzellenz befänden, untertänigsten Rapport abzustatten; gratulierte sich anbei höchlich, in dieser Gegend an dem Herrn Baron einen hochgeschätzten deutschen Landsmann angetroffen zu haben, und wollte sich bei anderer bequemerer gelegenheit das Glück ausbitten, in dessen nähere Bekanntschaft zu geraten, voritzo aber wolle er das Überschickte auf des Herrn baron Gesundheit zu sich nehmen und sich zu dessen geneigten Andenken bestens rekommendieren.

Sobald der Baron nur die Wahrheit erfuhr, dass Elbenstein ein deutscher Kavalier wäre und bei dem Fürsten von N. in Diensten stünde, bat er dessen Diener, nur noch einen Augenblick zu verziehen, binnen der Zeit er seinen Stock, Degen und Hut langen liess, sich in person zu Elbensteinen begab und denselben aufs allerfreundlichste bat, seine fernere Reise wenigstens nur auf einige Stunden aufzuschieben und in seinem haus mit einer Mittagsmahlzeit vorliebzunehmen. Dieser wegerte sich, ob er gleich vom Pferde gestiegen war, erstlich lange Zeit, als [aber] der Baron, welcher in vielen Monaten mit niemanden deutsch sprechen können, allzu inständig anhielt, ihn nur dieses Mal nicht zu verachten, liess er sich endlich dem Scheine nach forcieren, über Mittag dazubleiben, da denn die beiden Herren vorausgingen, die Diener aber die Pferde hinterherführen mussten.

Kaum hatte der Baron Elbensteinen in ein propres Zimmer geführt und behörig bewillkommet, als er sogleich seine Gemahlin aus dem Nebenzimmer rief, ihm dieselbe entgegenführete und zu ihr sagte: "Hier, mein Schatz! sehet Ihr einen wertgeschätzten Landsmann von mir, dem die deutsche Treue und Redlichkeit aus den Augen leuchtet, ich bitte Euch, dass Ihr ihm die Zeit passieret, bis ich wiederkomme."

Es war fast ein Glück sowohl vor die Baronne als vor Elbensteinen zu nennen, dass der gute Herr Baron sich so geschäftig erwies und gleich aus dem Zimmer ging; den beiden verliebten Seelen stieg das Blut dergestalt ins gesicht, dass auch der allereinfältigste Mensch an ihnen besondere Regungen bemerken müssen, und wenn er auch gleich gewusst hätte, dass sie einander zeitlebens nicht gesehen oder gesprochen hätten. Sobald aber nur die Baronne gehöret, dass ihr Herr die Treppe hinuntergetrappelt war, embrassierte sie den von Elbenstein, gab ihm in der Geschwindigkeit mehr als 100 Küsse und sagte hernach: "O du Glück! wenn werde ich in den Stand kommen, dir es sattsam zu verdanken, dass du mir das Vergnügen gönnest, mein Allerliebstes auf der Welt in meinem eigenen haus zu küssen?"

Hierauf machte sie erstlich die Tür des Zimmers auf, da aber nichts Lebendiges zugegen, ging das Küssen von neuen an, jedoch ganz gemächlich, so dass allen beiden auch die Röte aus dem gesicht verschwand, und endlich, da der alte Herr Baron wieder heraufgestapelt kam, stunden sie an den eröffneten Fenstern und schwatzten dergestalt ernstaft miteinander, als ob keines von beiden jemals ein wasser trübe gemacht hätte. Weiln aber der Baron anfing, sich mit Elbensteinen in ein Staatsgespräch einzulassen, als machte die Baronne ihr Kompliment und begab sich wieder zurück in ihr Zimmer. Er, der Baron, gab Elbensteinen zu vernehmen, dass, weil er von ihm gehöret, dass sich Sr. Durchl. der Fürst von N. dermalen zu Battaglia bei dem Marchese Obizzo aufhielten, welcher letztere Herr ein naher Anverwandter von der Baronesse, seiner Gemahlin, wäre, so wollte er sich die Ehre nehmen, einen Reisegefährten bis dahin abzugeben, worüber denn Elbenstein sein besonderes Vergnügen, da er nämlich den Herrn Baron zum angenehmen Reisegefährten haben sollte, in den höflichsten Ausdrükkungen zu erkennen gab. Da nun ein Laquais kam und vermeldete, wie die fremden Dames und Kavaliers sich schon ingesamt bei der gnädigen Frau im Tafelgemach befänden, nahm der Baron Elbensteinen bei der Hand und führte ihn auch dahin. Nach allerseits gewechselten Komplimenten setzte man sich zur Tafel, da sich denn Elbenstein, dem die italiänische Mode schon sehr bekannt worden, ungemein behutsam aufzuführen wusste und seine Blicke dergestalt indifferent sein liess, dass niemand einigen Argwohn oder widrige Gedanken von ihm schöpfen konnte, sondern ihn ein jedes vor einen der qualifiziertesten Kavalier, der eine besonders lobenswürdige Modestie besässe, deklarierte. Es wollte zwar der Herr Baron nach dem nicht allzu löblichen Gebrauche der Deutschen zum Trunke forcieren, allein da Elbenstein