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akkurat 100 Stück Makronen und also auch 100 Zechinen. Je mehr er nun hierdurch in der Meinung gestärkt wurde, dass seine unbekannte Amasia eine sehr vornehme und reiche Dame sein müsse, desto stärker vermehrete sich seine ambitieuse Liebe, und er brachte die müssigen Stunden bloss mit eifrigen Nachsinnen zu, wie er künftigen Abend seine Venus recht à la mode bedienen wollte. Bald nach Tische ging er ungescheut in der Margareten Garten und divertierte sich in selbigen an allerhand Blumen und Früchten, bis endlich die Margareta ihn gewahr wurde und zu ihm herauskam, da er ihr denn aufrichtig erzählte, wie er in dem Konfekt 100 Stück Zechins gefunden, ihr auch den zehnten teil davon gab und dieselbe bat, hinfüro noch weiter seine gute Freundin zu bleiben, vor allen Dingen aber ihm zu melden, was seine hohe Gebieterin etwa an seiner Aufführung und ganzem Wesen auszusetzen hätte, damit er sich in zeiten darnach richten könne, um derselben nicht missfällig zu werden.

Margareta versicherte ihn mit den teuresten Eidschwüren, dass die Dame mit seiner Conduite vollkommen wohl zufrieden gewesen und alles dahin eingerichtet hätte, dass er noch drei Nachtvisiten bei ihr abstatten sollte, binnen der Zeit sie schon Abrede mit ihm nehmen würde, wo sie einander weiter sprechen könnten. Unterdessen könne er vergewissert sein, dass seine Mühe sehr wohl belohnet werden würde, nur aber sollte er sich das Stillschweigen rekommendiert sein lassen, damit kein Mensch von diesen Liebeshändeln einige Nachricht empfinge, weil die Dame ungemein capricieux wäre und in diesem Falle seines Lebens nicht schonen würde, ungeachtet sie ihn auf das allerzärtlichste liebte.

Elbenstein replizierte, dass, wenn er alle Qualitäten und Tugenden sowohl als das Stillschweigen besässe, so verhoffe er vor den allervollkommensten Kavalier zu passieren, wobei er mit Bleistift auf ein im Gartenhause auf dem Tische liegendes Papier folgende Worte schrieb: 'Sil tacere potesse rendermi immortale, non morirei giamais.' Wenn Verschwiegenheit mich unsterblich machen könnte, so glaube ich, dass ich wohl nimmermehr sterben würde. Hierauf begab er sich wieder in sein Quartier, stellte sich ganz malade und schlief etliche Stunden, um die bestimmte Zeit aber gabe er dem Wirte zu vernehmen, wie er gestern abends mit einigen Kavaliers ins Spiel geraten, einige Zechins gewonnen und versprochen hätte, ihnen diesen Abend Revanche zu geben. Der Wirt, als ein complaisanter Mann, wünschte ihm Glück zu fernern Gewinste, verwarnete ihn aber dabei, dass er sich ja behutsam aufführen und vor starken Trinken hüten möchte, denn er müsse es selbst seiner Nation zur Schande nachsagen, dass die meisten italiänischen Kavaliers nicht halb so généreux und herzhaft als die Deutschen, im Gegenteil desto heimtückischer und hinterlistiger wären, und wenn sie im Spiele etwas Merkliches verloren, sich gemeiniglich aufs Zanken legten und eine malhonette Rache auszuüben suchten. Elbenstein hergegen versicherte den Wirt, dass diejenigen Kavaliers, welche ihn gestern zufälligerweise in ihre Compagnie genötiget, rechte raisonnable Leute und keine Sklaven vom Gelde wären, über alles dieses ihm die grösste Complaisance erzeigt hätten, weswegen er denn, da er ohnedem gesonnen, noch etliche Tage hierzubleiben, sich vorgenommen hätte, dieselben ehesten Tages zu sich in sein Logis zu bitten und sie nach Vermögen zu divertieren. Der Wirt, welcher seinen Profit hierbei zu ziehen gedachte, liess sich solches gefallen, sorgte weiter vor Elbensteinen nicht, dieser aber ging, sobald es dämmrig zu werden begunnte, durch die Gärten spazieren und um die bestimmte Zeit in der Margareten Haus. Diese kam ihm sogleich entgegen und berichtete, dass die Dame bereits vor einer guten halben Stunde angekommen wäre und seiner in eben dem Zimmer, wo sie gestern beisammen gewesen wären, mit verliebter Ungedult erwartete. Bei so gestalten Sachen hielt Elbenstein nicht vor ratsam, eine Minute zu versäumen, sondern begab sich eiligst die Treppe hinauf, ging ohnangemeldet in das Zimmer und traf seine Geliebte in einem langen, goldenen brokatenen Schlafrocke auf dem Faulbettgen liegend an. Sie lag auf den rücken, und er bemerkte dennoch durch die Masque, dass sie die Augen zugetan hatte, indem das Zimmer nicht wie gestern nur mit einem, sondern mit zwölf Wachslichtern erleuchtet war, so dass es darinnen so helle als am Tage. Er wollte sich nicht erkühnen, sie in ihrer Ruhe zu stören, küssete demnach ihre hände vielmalen ganz subtil und blieb vor dem Bette auf den Knien sitzen. Endlich wurde sie durch das viele Händeküssen ermuntert, fuhr in die Höhe und sagte: "Ach, mein Vergnügen, seid Ihr schon da? Habt doch die Güte und verriegelt die Tür." Er war mehr als geschwind, ihrem Befehle zu gehorsamen; als er aber zurücke kam, traf er seine Venus in einer solchen Positur an, dass er vor Vergnügen fast ganz entzückt zu sein schiene, denn sie hatte den kostbaren Schlafrock voneinander getan und präsentierte ihren zarten Körper, wie er geschaffen war, auch sogar ohne Hembde, jedoch das Gesicht en Masque. Hier verbietet die Ehrbarkeit abermals, die Entrevue dieser beiden Verliebten und die Lectiones, so sie einander aufgegeben, zu beschreiben. Demnach schlägt man im Manuskript viellieber etliche Blätter zurücke und meldet nur so viel, dass Elbenstein nicht nur diese, sondern auch folgende Nächte niemals morgens vor vier Uhren deutschen Zeigers von ihr kam, jedoch vor seine Mühe ungemein reichlich belohnet wurde, wie sie ihm demnach in der letzten Nacht ein von ihren eigenen Haaren und untersponnenen Goldfaden durchwürktes Armband schenkte, dessen Schloss mit Diamanten und andern kostbaren Edelsteinen reichlich besetzt war. Hierbei meldete sie ihm, dass sie zwar folgenden