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Augen und Wangen viele 100mal, bis ihn endlich die Dame erinnerte, vor dasmal von diesem Spiele abzustehen und das Hauptspiel wieder vorzunehmen. Er machte sich sogleich fertig dazu, und unter dieser kurzen Zeit sagte die Dame noch: "Du hast doch recht, meine andere Seele! dass kein Liebesgenuss recht vollkommen zu nennen ist, wenn das Küssen des Mundes darbei verweigert wird." Elbenstein küssete sie demnach noch etlichemal auf den Mund, worauf das sogenannte Hauptspiel wieder angefangen wurde; nachdem sie aber selbiges ungefähr fünf- oder sechsmal wiederholet, zeigte die Glocke die Mitternachtsstunde an, weswegen die Dame Elbensteinen zu vernehmen gab, dass dieses die Zeit wäre, da sie voneinander scheiden müssten, doch bäte sie sich aus, dass er folgenden Abends eben um dieselbe Zeit abermals in diesem haus erscheinen möchte. Elbenstein versprach, ihren Befehlen aufs allergenauste nachzuleben, küssete die geliebten Lippen noch etlichemal und tappte hernach im Finstern nach dem Tische hin, um nicht etwa die Gläser umzustossen oder sonsten Unglück anzurichten. Sobald aber die Dame nur ihre Masque wieder vorgetan, fuhr die Maschine, welche das Licht bedeckt hatte, plötzlich in die Höhe, und es war wiederum helle in der stube, so dass Elbenstein alle seine Sachen geschwind finden konnte. Die Dame stieg auf und brachte eine silberne Schale voll Makronen, die sie aus einem Schranke nahm, hergetragen, steckte Elbensteinen alle Taschen voll und schütte[te] die übrigen in seinen Hut mit dem Begehren, dass, ehe er eine davon verschenkte, sie erstlich voneinander brechen und kosten sollte, weil dieses Konfekt sehr stärkte. Er versprach, keine davon zu verschenken, sondern auf ihre Gesundheit alle mit grössten Appetite zu verzehren. Hierauf zog sie einen kostbaren Ring von ihren Finger, steckte ihm denselben an seinen kleinen Finger, weil er an keinen andern passen wollte, und sagte: "Diesen behaltet zum Angedenken der heutigen Nacht, künftig ein mehreres." Wie sie nun unter diesen letzteren Worten an einem Glöcklein zohe, küssete Elbenstein nochmals ihre schönen hände, dankte aufs allerverbindlichste vor das kostbare Geschenk und nahm fast mit weinenden Augen Abschied, bat aber zum Beschlusse nochmals, ihm seine begangenen Fehler völlig zu vergeben und alles das, was ihr an ihm nicht gefiele, gnädigst und liebreich zu korrigieren; worauf sie ihn zärtlich umarmete, an ihre Brust drückte und darbei sagte: "Oh, bella anima in un angelico corpo! Oh! was vor eine schöne Seele in einem englischen leib!"

Indem kam Margareta zur Tür hinein, welcher sie befahl, dem Kavalier die Treppe hinunter zu leuchten, damit er nicht Schaden nähme. Diese gehorsamete, er machte nochmals ein stummes Kompliment, worgegen die Dame die Strahlen ihrer pechschwarzen Augen nochmals auf ihn schiessen liess und sich nach gemachten Gegenkompliment zurückbegab. Als Margareta die Treppe hinunter geleuchtet, begegnete ihnen im haus unten die andere verkleidete Bäuerin, an deren Gliedmassen aber Elbenstein sogleich wahrnahm, dass sie von der gütigen natur mehr zur Arbeit als zur Galanterie geschaffen worden, indem ihre hände, Füsse, ja der ganze Körper dergestalt vierschrötig beschaffen, dass ein ekeler Buhler sich wenige Mühe darum zu geben ursache hatte. Jedoch wegen ihrer Treue mochte sie bei der unbekannten Dame in besonderen Gnaden stehen, und dieserwegen allein machte ihr Elbenstein ein freundliches Kompliment. Sie ging die Treppe hinauf, Margareta aber begleitete ihren Gast bis an die Haustüre, wo er ihr drei Zechins in die Hand druckte und bat, dass sie ihm erlauben möchte, morgen nachmittags in ihren Garten zu kommen, weil er nicht allein ein grosser Liebhaber von frischen Obst wäre, sondern auch sonsten ein und anderes mit ihr zu sprechen hätte. Margareta dankte zuerst vor das empfangene Geschenk und sagte hernach: "Mein Herr! in meinen Garten können Sie wohl kommen, und zwar durch die Tür, so von der Strasse hineingehet, denn im Garten können wir von allen Leuten gesehen werden, aber! um aller Heiligen willen, nicht in mein Haus, denn die Dame ist ganz entsetzlich jaloux, und wenn sie erführe, dass Sie, mein Herr! bei mir allein im haus gewesen, würde sie gleich auf den Verdacht fallen, dass wir einander karessierten; denn ich bin auch noch in meinen besten Jahren, und also könnte es uns allen beiden das Leben kosten, darum ist's am besten, dass wir im freien Garten, wo uns alle Leute sehen können, miteinander reden." Elbenstein versprach, sich darnach zu richten, nahm gute Nacht von Margareten und begab sich, nach einer seinem Fleische und Blute sehr wohlgefälligen, dem Himmel aber sehr missfälligen Bemühung, nach seinem Logis und zur Ruhe.

Was vor verliebte Träume er von dieser unbekannten Schöne gehabt und wie Morpheus ihm dieselbe im Schlafe ohne Masque als ein recht überirdisches Wunderbild vorgestellet, auch was die eigene Phantasie ihm bei zugemachten Augen vor geile Blendwerke vorgegaukelt, ist nicht ratsam anzuführen; als er aber des andern Vormittags aufgewacht und sich ankleiden lassen, brach er eine von den Makronen auf und fand einen Zechin darinnen. (Diese Münze lässt der Doge zu Venedig schlagen, und es galt zu damaligen zeiten ein Zechin ungefähr vier Kaisergroschen mehr als ein ungarischer Dukaten.) Elbenstein brach noch mehrere voneinander und fand in einer jeden dergleichen Goldstück, nahm sich auch kein Bedenken, etliche davon zum Frühstücke zu speisen, weil er gedachte, wenn diese Dinger vergiftet wären, ihn damit ums Leben zu bringen, so würde man doch zum wenigsten das Gold gesparet haben, denn er zählete