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versteckten Elbenstein ganz gemächlich vorbeigingen, sagte die eine mit einer angenehmen und zarten Mundart: "Ich bilde mir bis auf diese Stunde noch nichts weniger ein, als dass er kommen werde." "Und ich", versetzte die andere mit einer weit gröbern Sprache, "bilde mir bis auf diese Stunde nichts weniger ein, als dass er aussen bleiben werde." "Geschicht's", sagte die erste wieder, "so ist's sein Glück, denn ich liebe ihn sehr heftig, wollte mich also lieber mit demselben ergötzen als ihn töten lassen." Was die andere hierauf antwortete, konnte Elbenstein nicht mehr vernehmen, weil sie schon zu weit von ihm waren, als er aber sah, dass die beiden Bäuerinnen gerades weges auf der Margareta Haus los und endlich in dasselbe hineingingen, zweifelte er keinesweges mehr, dass wenigstens die eine verkleidete Bäuerin eine Standesperson und unfehlbar eben diejenige sei, welche seine Aufwartung verlanget hätte. Die Worte, welche die erste gesprochen: 'Ich liebe ihn sehr heftig' etc., verschafften ihn einen grossen Trost, denn es lagen ihm nicht allein die Worte noch in Gedanken, welche der Junge, so ihn ehegestern abends geführt, in seiner Einfalt ausgesprochen, sondern er hatte auch sonsten schon gehöret, dass unter den vornehmsten und schönsten italiänischen Damen solche barbarische, ja teufelische Gemüter anzutreffen wären, welche ihren Amanten, nachdem sie deren Karessen überdrüssig worden und ihre Geilheit auf diesmal genug gestillet befunden, endlich mit einer Giftsuppe oder Stilettade den Lohn zu geben pflegten. Bei solchen Gedanken zitterte ihm allerdings das Herz im leib, wenn er sich aber im Gegenteil vorstellete, von einer der vornehmsten und schönsten Damen embrassiert zu werden und was er sonsten vor Vergnügen bei derselben würde zu empfinden haben, begunnte die Furcht vor der Gefahr allgemach zu verschwinden, und er wartete nunmehr mit Schmerzen auf den bestimmten Glokkenschlag. Dieser liess sich endlich hören, es war aber nicht anders, als wenn ihm zu gleicher Zeit jemand ein Messer ins Herz gestochen hätte, er sprang auf, blieb eine Weile stehen und besann sich, ob er in die Hostaria zurückgehen, seine Pferde satteln lassen und bei dem hellen Mondenschein fortreuten oder in der Margareta Behausung gehen wollte. Zuletzt prädominierte doch bei ihm die tollkühne und wollüstige Jugend, weswegen er mit bedachtsamen Schritten auf der Margareta wohnung zuging, unter dem Vorsatze, alles zu wagen, weiln man doch dem gemeinen Sprichworte nach aus zweien Übeln dasjenige erwählen müsste, welches einem am erträglichsten vorkömmt.

Sobald er gegen die Tür kam, gab ihm eine darinnen sitzende Weibsperson durch Winken und Husten zu verstehen, dass er näher kommen möchte. Er gehorsamete und wurde gefragt, ob er derjenige Kavalier wäre, welcher heute durch einen gelbröckigten Jungen Briefe zugeschickt bekommen hätte. "Ja!" sagte Elbenstein, "der bin ich, auch willig und bereit, den darinnen entaltenen Befehlen, soviel mir mensch- und möglich ist, aufs allergenauste nachzukommen, es mag mir auch darbei begegnen, was nur immer will." Hierauf gab die Weibsperson zur Antwort: "Seid gutes Muts und sorget vor nichts, mein Herr! denn es stehet Euch ein besonderes Glück und nicht das geringste Unglück vor, wendet aber nur alle Euren Fleiss und Kräfte an, Euch bei einer der qualifiziertesten und vollkommen schönen Damen recht beliebt und angenehm zu machen und dieselbe nach ihrem Wunsche zu vergnügen." Hiermit führte sie Elbensteinen die Treppe hinauf, eröffnete ein wohlausgeputztes Zimmer, welches nur von einem einzigen Lichte erleuchtet wurde. Der mit allerhand Confituren und Weingläsern besetzte Tisch stunde der tür gleich gegenüber, und an demselben sass eine von den verkleideten Bäuerinnen, welche er bei sich hatte vorbeigehen sehen. Sobald er ins Zimmer eingetreten und die Tür hinter ihm zugeschlossen war, stunde sie auf und ging ihm etliche Schritte entgegen. Elbenstein hingegen fiel vor ihr auf das eine Knie nieder und deprezierte seinen gestern begangenen Fehler mit herzbrechenden Worten. Sie hörete ihn eine kleine Weile zu, sagte aber kein Wort, weil sie eine grüne Sammetmasque vor dem gesicht hatte. Endlich legte sie ihre zarte Hand auf seinen Mund zum Zeichen, dass er nunmehr hiervon nur schweigen sollte, ihm aber auch ein Zeichen zu geben, dass sie nicht mehr zornig sei, klopfte sie ihm mit beiden Händen sanfte auf die Backen, führte seine Hand zu ihren mund, welche sie wegen der Masque zwar nicht küssen konnte, doch gab sie mit ihrem mund einen klatschenden laut zum Zeichen, dass dieses so gut als geküsset wäre, nach diesen griff sie ihm unter die arme und hub ihn also von dem Fussboden auf, präsentierte ihm einen Stuhl, sich neben sie zu setzen, schenkte zwei Gläser Wein ein und gab mit finkelnden Augen und einem charmanten Kompliment, jedoch ohne [ein] einziges Wort zu reden, zu verstehen, dass sie seine Gesundheit trinken wollte. Elbenstein war schon froh, denn nunmehr, glaubte er, würde sie ihr schönes Gesicht entblössen, allein weit gefehlet! Denn ehe er sich's versahe, hatte sie vermittelst eines goldenen Röhrchens in grösster Geschwindigkeit das ganze Glas ausgeleeret. Das war ihm nun zwar eben nicht gelegen, jedoch liess er sich nichts merken, sondern trunk den Pokal, welchen sie ihm eingeschenkt hatte, auf ihre Gesundheit rein aus, hierauf wurde er etwas drüster, küssete ihre mit kostbaren Perlen und Ringen gezierte arme und hände, die an Zärtlichkeit den Sammet und an Weisse den Alabaster übertrafen, ingleichen die unvergleichliche halb entblössete Brust vielmalen