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des Augustmonats vorhanden, das alte Schloss in Augenschein zu nehmen. Also befahl er seinem bei sich habenden Sohne, einem Knaben von zwölf Jahren, eine Bouteille Bier aufzupacken, und trat mit demselben die Reise an. Sie gelangeten nach Verlauf einer guten Stunde, wiewohl wegen der grossen Hitze ziemlich ermüdet, auf dem Gipfel des berges an, wo Elbenstein das ganze Revier observierte, sich aber endlich in ein altes verfallenes Gewölbe des uralten Schlosses setzte, eine Pfeife Tobak ansteckte, da immittelst sein Sohn sich die Erlaubnis ausbat, die Haselstauden durchzustreifen und seine Taschen mit Haselnüssen anzufüllen. Elbenstein fand verschiedene Merkwürdigkeiten, die er in seine Schreibetafel einzeichnete und darüber in ferneres Nachsinnen geriet, das gute Kind aber wurde in seiner Lust gestöret, denn es türmete sich ein entsetzliches Donnerwetter auf, und der zugleich mit einfallende heftige Platzregen jagte es zu dem Papa ins Gewölbe.

Beide laureten daselbst auf bessere Witterung, allein es erfolgete immer Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag, auch fing es immer heftiger an zu regnen, bis endlich die Nacht hereinbrach, da sich denn das Gewitter zwar verzog, der Regen aber nicht nachlassen wollte. Demnach mussten sie sich nolentes volentes resolvieren, in dem düstern Gewölbe zu pernoktieren. Der ermüdete Knabe schlief bald ein, Elbenstein aber hörete noch die Glocke elf Uhr schlagen, ehe er mit einem sanften Schlafe überfallen wurde. Er mochte aber kaum recht eingeschlummert sein, als ihm im Traume (wo es anders ein blosser Traum gewesen) ein erschröckliches und merkwürdiges gesicht vorkam. Er sah nämlich einen ganz schwarzen, mit sechs Pferden solcher Farbe bespanneten Wagen den Berg heraufgefahren kommen, aus welchem unterschiedliche Frauenzimmer herausgestiegen kamen und sich nach und nach vor ihm im Gewölbe präsentierten. Er erschrak ganz ungemein, als er inneward, dass diese Personen seinen vor vielen Jahren gehabten Amouren und Mätressen gleichten. Sie gingen in ihren Kleidungen, wie er sie in Italien und an andern Orten gesehen hatte, vor ihm vorbei und stelleten sich ihm gegenüber in eine Reihe. Das ganze Gewölbe wurde so helle, als ob lauter Lichter darinnen angezündet wären. Als er nun dieselben etwas genauer betrachtete, ward er gewahr, dass aus dieser sonst schönen und angenehmen Personen Augen, mund, Nasen und Ohren lauter feurige Schlangen herausgekrochen kamen. Als ihm nun dieselben eine lange Weile in solcher Stellung erschröckliche Blicke gegeben, huben sie zugleich ihre Unterkleider auf und zeigten ihm einen solchen Anblick, dass auch der Beherzteste darüber in Ohnmacht sinken mögen. Lauter Schlangen, Eidechsen, Kröten und dergleichen giftiges Gewürm bedeckten ihre Beine und diejenigen Teile des Leibes, mit welchen vor diesen am meisten und schändlichsten war gesündiget worden, in welcher Positur sie insgesamt mit grässlicher stimme "Weh! Weh! Wehe! Zeter und Mordio!" ausriefen und endlich ein abscheuliches Geheul anstimmeten.

In solchen Ängsten fiel Elbensteinen das Busslied ein: Wo soll ich fliehen hin etc., und als er an den Vers kam: Du bist der, der mich tröst etc., verschwand dieses erschröckliche gesicht, es wurde so finster als vorher im Gewölbe, Elbenstein besann und ermunterte sich, zitterte aber wie ein Espenlaub mit allen Gliedern. Er rief seinem Sohne etlichemal, allein der Knabe gab mit seinem Schnarchen zu verstehen, dass er im allerfestesten Schlafe läge, deswegen kroch Elbenstein vor bis an die Tür des Gewölbes, blieb auf den Knien sitzen, sah gegen Himmel und verharrete im andächtigen Gebet, bis der Tag anzubrechen begonnte. Die trüben Wolken hatten sich zerteilet, und die Morgenröte verkündigte einen heitern Tag; als er demnach noch einige Morgen- und Busslieder gesungen, weckte er seinen Sohn mit vieler Mühe auf und verliess diesen grässlichen und fürchterlichen Ort. Der gehabte Schrecken war ihm dergestalt in die Glieder, sonderlich aber in die Beine geschlagen, dass er den Rückweg mit sehr langsamen Schritten nehmen musste, endlich aber langete er sehr matt und kraftlos wieder zu T. im Gastofe an, nahm vor die gehabte grosse Alteration, weil in der Geschwindigkeit sonsten keine andere Arzenei zu haben war, eine starke Dosin Hirschhorn und Krebsaugen mit Holundersaft ein und schwitzte darauf, der Effekt war nach Wunsche, indem er sich folgendes Tages nebst seinem Sohne wiederum auf den Weg nach haus machen konnte.

Nach der Zeit ist Elbensteinen dieses grässliche gesicht oder Traum, wie es zu nennen sein mag, nie aus den Gedanken gekommen, er tat dieserwegen unter herzlicher Bereuung der Sünden seiner Jugend Gott, dem barmherzigen Vater, ein Gelübde, solange er noch lebte, alle Jahr diesen Tag mit Fasten und Beten zuzubringen, mit dem ernstlichen Vorsatze, sich nicht nur vor dergleichen, sondern soviel als mensch- und möglich vor allen andern Sünden zu hüten. Hierbei dankte er Gott vor die bishero zugeschickten väterlichen Züchtigungen und Strafen, betete auch täglich sehr öfters ganz getrost die Worte: So fahr hie fort und schone dort und lass mich hier wohl büssen, unterwarf sich mitin in christlicher Gedult und Gelassenheit gänzlich der göttlichen Direktion, welche ihn denn zwar sinken, aber doch nicht gar ertrinken liess. Soviel ist in den schriftlichen Memoirs von des Herrn von Elbensteins Lebens- und Liebesgeschicht gefunden worden. deswegen hat man, weil der Historicus allhier den Schluss gemacht, Bedenken getragen, ein mehreres hinzuzufügen, ungeachtet nachher viele fernerweitige mündliche und schriftliche Nachrichten eingezogen worden; sonderlich wäre eine vor weniger Zeit unter des Herrn von Elbensteins nachgelassenen Erben passierte jämmerliche Mordgeschicht wert gewesen, ausführlich beigebracht zu werden, allein man hat seine besonderen Ursachen gehabt, solches nicht zu tun,