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seinem Finger, sondern leerete ihm auch alle Schubsäcke aus, lief aber, weil ich hernach Leute kommen hörete, auf und darvon, und zwar wieder auf den Platz, wo der erstochene Kammerdiener lag. Diesen scheelete ich ebenfalls aus, fand ein herrliche Beute bei ihm und warf seinen Körper in den Brunnen bei dem ... Kloster, worin derselbe unfehlbar noch zu finden sein wird. Ausser diesem', verfolgte dieser Strassenräuber seine Rede, 'kann ich noch versichern, dass der Herr von K. zweien von meinen Kameraden, welche Franzosen von Geburt sind, einem jeden 100 Duk. in Abschlag und noch dreimal soviel zu geben versprochen hat, woferne sie seine Gemahlin antreffen und ums Leben bringen könnten, wenn sie aber ihm dieselbe lebendig in die hände zu liefern capable wären, sollten sie gedoppelten Lohn empfangen. Weiter', sagte er zu den Geistlichen, 'fället mir voritzo nichts mehr ein, deswegen sagt mir, ob ich noch die Seligkeit erlangen kann.' Die Herren Geistlichen wollten also sich in ein christliches Gespräch mit ihm einlassen, mussten aber auf Befehl der Gerichtspersonen zurücktreten, welche diesen armen Sünder, der bereits dergestalt zugerichtet war, dass ihm die Splitter der Armund Beinknochen aus dem Fleische hervorrageten, auf eine Schleife legen und wieder zurück ins Gefängnis schleppen liessen, in welchem er, dem Vorgeben nach, weiter examiniert werden sollte, allein er ist in der darauffolgenden Nacht krepiert.

Hieran lag mir nun nichts, sondern dessen Aussage vor so vielen umstehenden Personen liberierte mich von allen meinen aufgebürdeten Verbrechen, weswegen mir auch auf höhern Befehl meine ungerechten Richter eine hinlängliche Satisfaktion prästieren mussten, zumalen, da alles wohl zutraf, auch der Körper des entleibten Kammerdieners im Brunnen gefunden wurde. Ich bekam hierauf eine Lieutenantsstelle unter einem Regimente Infanterie, reisete zwar erstlich ins warme Bad, fand auch daselbst ausführliche Nachricht von der Mad. von K. Aufentalt, versäumete deswegen keine Stunde, sie zu sehen und zu sprechen, als ich aber dahin kam, musste ich zu meinem allergrössten Schmerzen und Betrübnis vernehmen, dass dieselbe drei Wochen vorher plötzlich dieses Zeitliche gesegnet hätte und standesgemäss wäre begraben worden.

Man kann leicht erachten, wie mir müsse zumute gewesen sein, zumalen da alles ihr Vermögen in die hände ihrer Befreundten gefallen war und ich nicht an einen Groschen Anspruch machen konnte, sondern abziehen musste wie die Katze vom Taubenschlage. Ich wurde in Wahrheit recht melancholisch, bekam über dieses ein hitziges Fieber und musste in B. beinahe ein Vierteljahr stille liegen, bis ich wieder restituiert war. nachher, weil die Kampagne eröffnet werden und ich mich wieder auf meinem Posten stellen sollte, hatte ich nicht einmal Zeit, nach haus zu reisen und mich um meine Güter zu bekümmern, sondern ich musste fort und mit zu feld gehen. Ich hielt mich, ohne Ruhm zu melden, jedoch sozusagen fast aus Desperation, sehr tapfer, bekam als kapitän eine eigene Compagnie, wurde darauf Major und endlich Obristlieutenant. Als Major habe ich geheiratet, jedoch einen unglückseligen Ehestand geführt, von welchem ich voritzo nichts erwähnen will, jedoch betrachte denselben als eine Strafe des himmels wegen der begangenen Sünden meiner Jugend.

Was mich aber am allermeisten geschmerzt und gekränkt hat, war dieses, dass mir meine Feinde, deren ich gewisser Ursachen wegen sehr viel hatte, aufbürden wollten, als hätte ich bei einer gewissen Attaque mein Devoir nicht behörig observiert. Ich kam dieserwegen in Arrest, führte aber meine Sache dergestalt aus, dass ich von dem höchsten Befehlshaber freigesprochen und in meiner Charge bestätiget, auch vertröstet wurde, das erste vakant werdende Regiment als Obrister zu bekommen. Allein es verging mir auf einmal die Lust, ferner in Kriegsdiensten zu verbleiben, deswegen suchte und erhielt [ich] meine Dimission, wendete mich auf meine Güter, fand aber dieselben in dem allermiserabelsten Zustande, denn durch Betrug der Pachter, Brand, Dieberei, Wetterschaden und andere Unglücksfälle, ohne die Capitalia, so ich vorher zu Bestreitung meiner wollüstigen Reisen aufgenommen, ist es dahin gekommen, dass ich von meinen Rittergütern das elendeste behalten habe, auf welches ich doch auch noch verschiedene Posten zu bezahlen schuldig bin. Demnach habe ich nicht mehr als aus der Hand ins Maul, danke aber, wie zuvor gemeldet, dem Himmel nur davor, dass er mich in meinem unglückseligen Ehestande mit Kindern verschonet hat. Wenn ich also sterbe, mag erben, wer da will."

Hiermit endigte der Herr von A. seine Erzählung, und weil es bereits spät war, gönnete ihm Elbenstein die Ruhe; nach eingenommenen Frühstück aber schieden beide guten Freunde folgenden Morgens voneinander, wobei Elbenstein versprach, den Herrn von A. mit nächsten auf seinem Gute zu besuchen.

Er, Elbenstein, hatte zwar seines Freundes Fatalitäten sehr aufmerksam angehöret, allein er wusste sich daraus wenigen Trost vor seinen eigenen schlechten Zustand zu schöpfen, hergegen zohe er sich diesen immer mehr und mehr zu Gemüte, wurde auch ganz tiefsinnig darüber. Als er aber dieses an sich merkte, fing er desto fleissiger an zu beten, im übrigen hielt er vors ratsamste, sich dann und wann eine Motion zu machen. Demnach reisete er einsmals nach T., woselbst ihm in Gastofe viel von einem nur eine kleine Stunde davon gelegenen wüsten schloss, auf welchem in vorigen Saeculis unterschiedliche deutsche Kaiser ihr Hoflager gehabt, erzählet wurde.

Dieweiln er nun ein besonderer Liebhaber des Studii antiquitatis und der Historiae medii aevi war, so resolvierte er sich, indem noch die besten Tage zu Anfange