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und sagte: 'Messieurs! ich bitte Sie um Gottes und Ihrer eigenen Ehre willen, nehmen Sie sich eines unschuldigen Delinquenten und unglückseligen Kavaliers an, denn sonsten muss ich nach wenig Stunden Verlauf meinen Kopf wider alles Recht und Billigkeit hergeben.' 'Hui! Mons. d'A.', sagte dieser 'Ach freilich', war meine Antwort, 'bin ich der unglückselige d'A.' Hierauf sagten beide: 'Stille, stille, kein Wort mehr gesprochen!' Unterdessen aber tat der eine seinen Regenrock ab und warf ihn über mich, der andere aber setzte mir seine Peruque und Hut auf, nahm inzwischen dem Diener den Hut und setzte ihn auf seinen eigenen Kopf, mich aber nahmen beide in die Mitte und führeten mich wohl noch über 300 Schritte bis in des einen Quartier. Wie ich diese beiden Herren recht beim Lichte besahe, waren es die Capitains B. und C., welche ich ehedem auf der Universität L. gekannt hatte, jedoch nur kurze Zeit mit ihnen umgegangen war, indem sie wenig Wochen nach meiner Dahinkunft ihren Valetschmaus gaben.

Um aber meine Erzählung nicht allzu weitläuftig zu machen, so will ich nur so viel sagen, dass diese beiden redlichen Kavaliers, welche nunmehr weit höhere Chargen erlangt haben, alles an mir getan, was nur leibliche Brüder aneinander tun können. Nachdem ich nun ihnen die ganze Speciem facti und alle Prozeduren erzählet, brachten sie es dahin, dass ich in höhern Schutz genommen wurde, auch zu Rettung meiner Ehre meine Defension ordentlicher führen konnte. Kaum aber war dieserwegen der Anfang gemacht, als meine Unschuld von selbsten wunderbarer- und unverhoffterweise zutage kam. Es wurde nämlich mittlerweile ein berüchtigter Strassenräuber exekutiert und hatte bereits zwei Stösse mit dem Rade bekommen, als dieser ruchlose Mensch, der sich vorher weder bekehren noch von Himmel und Hölle hören wollen, dem Scharfrichter plötzlich zurufte: 'Halt inne, ich habe noch ein Geheimnis auf den Herzen, woran sehr viel gelegen ist, ich will beichten und das heilige Sakrament empfangen, vielleicht kann ich noch selig werden.'

Dieserhalb machte der Scharfrichter mit seiner grässlichen Arbeit einen Stillstand, rief die Richter und Geistlichen, welche, von einer grossen Menge volkes begleitet, hinzutraten. Auf kurzes Befragen, was nämlich er, der arme Sünder, noch auf seinen Herzen hätte, sprach er mit vernehmlicher stimme: 'Gott hat mir mein herz gerühret, deswegen bekenne ich, dass ich über alle Mordtaten, so ich bereits gestanden, noch etliche 30 verübt habe. Unter dieser Zahl ist auch der Herr von K., denn er hatte mich vor 100 Dukaten gedungen, den deutschen Kavalier d'A. bei Nachtszeit auf der Strasse zu ermorden. Des Herrn von K. Kammerdiener hatte eines Abends ausgespüret, wo sich der Kavalier in Compagnie aufhielt, weilen aber sowohl der Herr als der Bediente wussten, dass der Kavalier ein resoluter Mensch und guter Fechter wäre, getraueten sie sich alle beide allein nicht an denselben heran, sondern der Kammerdiener kam zu mir und holete mich ab. Wir laureten also alle drei dem deutschen Kavalier bei dem ... Kloster auf, weil wir wussten, dass er den Weg nach seinem Logis allda vorbei nehmen musste. Ich hatte einen Stossdegen, der Herr von K. und sein Kammerdiener aber Pallasche, wir sahen ihn ankommen und attaquierten ihn, allein der Kavalier wehrete sich dergestalt desperat, dass der Kammerdiener durch einen tödlichen Stich sogleich zu Boden gelegt wurde. Dem Herrn von K. wurde durch einen gewaltigen Stich der rechte Arm gelähmet, weswegen er zu fernerer Attaque untüchtig war, mitin zurücke ging. Ich aber, weil ich merkte, dass der Deutsche als ein Löwe fochte und ihm nirgends beizukommen war, sprung endlich auch auf die Seite und vermeinete, mit meiner Pfeife etliche von meinen Kameraden, die sich vielleicht um selbige Gegend aufhalten möchten, herbeizulocken. Allein der Deutsche begab sich aufs Laufen, und der Herr von K. befahl mir, ihn erstlich nach seinem Palais zu führen, hernach den Körper des entleibten Kammerdieners auch nachzubringen. Ich gehorsamte, griff ihm unter den Arm und führte ihn ganz sachte fort. Unterwegs fragte ich, ob ihr Gn. etwa gefährliche Blessuren an sich spüreten, worauf er mir antwortete, dass er bloss an einem Stiche, den er in die Brust bekommen, einige Schmerzen fühlete, die übrigen Wunden aber würden nicht viel zu bedeuten haben. Inmittelst beklagte er den plötzlichen Tod seines erblasseten Kammerdieners fast mit Tränen, mir aber warf er mit den allerempfindlichsten Worten vor, dass ich vor 100 Dukaten meine Courage nicht besser gezeigt hätte, er selbst wäre tödlich blessiert, der Kammerdiener erstochen, ich aber hätte nicht einmal einen Blutstropfen dabei vergossen. Solche und dergleichen empfindliche Redensarten erbitterten mich aufs heftigste. Weilen mir nun vorher ein kostbarer Diamantring, den er an seiner linken Hand trug, in die Augen gefallen war und ich darbei hoffen konnte, eine fette Goldbeurse und andere Kostbarkeiten bei ihm zu finden, als ergriff die Resolution und gab ihm, mich seiner pikanten Worte wegen zu revanchieren, mit einem Dolche in der Geschwindigkeit drei oder vier Stiche in den rücken zwischen die Schulterblätter, weswegen er, da er sich ohnedem schon ziemlich verblutet hatte, ohne einzigen laut von sich zu geben, zu Boden sank, durch drei Stiche aber, die ich ihm in die Brust gab, löschete ich ihm das Lebenslicht vollends aus. Hierauf nahm ich nicht allein den Ring von