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, welche sich viele Mühe gaben, mich zu bereden, meine Religion zu changieren und die ihrige anzunehmen. Allein ihre Mühe war vergebens, indem ich ihnen ein vor allemal sagte: 'Ich weiche nicht von meinem Glauben, sondern wollte viel lieber unschuldigerweise sterben, als mein Leben durch Veränderung meiner Religion oder Ausstehung der Tortur zu retten suchen, weiln ich mit dem erstern meiner Seele, mit dem andern aber meinem leib einen unauslöschlichen Schandfleck anhinge.' Also blieben diese geistlichen Herren etliche Tage von mir, bis sie endlich mit demjenigen wieder angestochen kamen, der mir ankündigte, dass ich mich zu meinem Ende bereiten möchte, weiln mir über den dritten Tag früh um neun Uhr der Kopf vor die Füsse gelegt werden sollte. Das Urteil wäre zwar anfänglich so gesprochen worden, mich lebendig zu rädern, jedoch en regard dessen, dass ich von adelichen Geblüte herstammete, wäre es noch gemildert worden. Ich hörete alles mit grösster Gelassenheit an, wendete nichts weiters dargegen ein als dieses: 'Ich danke Ihnen, mein Herr! vor Ihre Bemühung, mir mein Todesurteil anzukündigen. Vor Gottes Gerichte am Jüngsten Tage werde ich bessere Justiz antreffen als bei meinen hiesigen Richtern, deswegen will ich sie dahin zitieren und hier auf Erden mit mir umgehen lassen, wie sie belieben.'

Der Mann, ich weiss nicht, wer er war, wendete sich ohne fernere Antwort von mir, hergegen kamen die Herren Geistlichen und bombardierten mich mit ihren Vermahnungen, allein ich erklärete mich gegen sie rotunde, dass alle ihre Mühwaltung vergebens wäre, wollten sie aber ein Werk der christlichen Liebe an mir ausüben, so möchten sie meine ungerechten Richter dahin persuadieren, dass sie einen Geistlichen von meiner Religion zu mir kommen liessen. Hiermit aber hatte ich die Hölle vollends angezündet, sie übergaben mich dem Teufel und gingen in grösster Rage von mir hinweg. Ich dargegen machte mich mit christlicher Gelassenheit zu meinem tod gefasst, indem ich an keine Erlösung zu gedenken hatte. In der Nacht aber vor dem angestelleten Exekutionstage bekam ich einen starken Anstoss von der Colica, so dass ich mich genötiget fand, meine Wächter zu bitten, mit mir hinauszugehen. Viere derselben schliefen, die zwei wachenden aber gingen mit mir heraus, da denn der eine eine Laterne vortrug, der andere aber mit entblösseten Seitengewehr hinter mir herging. Nachdem ich das Opus naturae verrichtet, lösete mich der eine Wächter ab, der andere aber blieb bei mir auf dem Boden an einem grossen Fensterloche stehen, wo ich frische Luft schöpfete.

Er sah sowohl als ich hinunter in einen Hof, wo, wie ich schon vor etlichen Tagen angemerkt, sehr viel Mist lag. Indem redete mich der Wächter also an: 'Wolltet Ihr wohl wagen, einen Sprung dahinunter zu tun, um den Händen des Scharfrichters zu entgehen?' 'Nein', gab ich zur Antwort, indem ich mich zugleich von dem Loche hinweg wendete und nach meinem Gefängnisse zuging, 'ein solcher Tod möchte ungleich schmerzhafter sein.' Unter diesen Reden aber kamen mir ganz plötzlich andere Gedanken in den Kopf, deswegen, als wir ganz nahe bei einer steil herabgehenden Treppe vorbeigingen, gab ich dem Wächter einen solchen gewaltigen Stoss, dass er mitsamt seiner Laterne die Treppe hinunterstürzte, ehe aber der andere aus dem heimlichen Gemache herauskam, war ich schon wieder bei dem Loche, fassete meinen Schlafrock zusammen, befahl mich dem Allmächtigen und wagte den Sprung von der Höhe herab, fiel auch so glücklich und ziemlich sanft auf einen lockern Mistaufen, dass ich weiter keinen Schaden nahm, als nur den linken Arm ein wenig anschellerte, weil ich mit demselben auf eine daliegende Mistgabel gefallen war. Der Hof war schlecht verwahrt, deswegen fassete ich die anhabenden Ketten zusammen, dass sie kein Gerassele machten, nahm die Mistgabel mit, schlich in der dicken Finsternis und im starken Regen hurtig fort und verkroch mich in ein altes zerfallenes Gebäude, wo ich mit hülfe der Mistgabel mich der Ketten, so an einem arme und an einem fuss befestiget waren, entledigte und dieselben ganz leise in einen Winkel legte. Mein Vorsatz war zwar, in dem haus eines gewissen Abgesandten Schutz zu suchen, unterdessen aber hörete ich, dass auf der Strasse einiger Lärm entstund, weswegen ich mich in einen Winkel verkroch, kann aber nicht leugnen, dass mir das herz im leib gewaltig pochte. Es wurde endlich stille auf der Strasse, doch sah ich den Schein einiger Fackel herzukommen, weswegen mir noch tausendmal ängster wurde, allein meine Furcht verschwand einigermassen, als ich zwei Laquais mit fackeln vorausgehen und zwei Personen mit Regenröcken kommen sah, auch vernahm, dass diese beiden letzteren deutsch, und zwar recht laut, miteinander redeten. Als sie etwas näher kamen, verstunde ich ganz deutlich, dass der eine sagte: 'Es sei aber, wie es wolle, Herr Bruder! so muss doch eine solche ... Wache den Respekt gegen Offiziers von unserer Nation aufs genauste observieren.' 'Bei dergleichen Umständen, Herr Bruder!' versetzte der andere Offizier hierauf, 'sind sie in Wahrheit ebensosehr nicht zu verdenken, Gott gebe nur, dass sich der arme Teufel d'A. in Sicherheit gebracht hat.'

Diese letzteren Worte waren eine vortreffliche Herzstärkung vor mich, deswegen fassete ich einen Mut, spazierte aus dem alten verfallenen Gebäude heraus und immer hinter den Offiziers her, bis sie auf einen mir gefällig scheinenden Platz kamen, da ich denn meine Schritte verdoppelte, den einen beim Ärmel zupfte