1738_Schnabel_089_16.txt

Gebet erhöret hätte. Elbensteins Wirt bekräftigte solches, weswegen Elbenstein vor Freuden in die hände klatschte, sich aber in dem guten Weine vollends dergestalt begeisterte, dass sein Diener und der Wirt ihn fast nach haus und ins Bett tragen mussten. Soviel Verstand hatte er noch, seinem Diener zu sagen, dass er die Mittagsmahlzeit eine gute Stunde zeitiger als gewöhnlich bestellen, hernach die Pferde parat halten sollte, weil er gleich nach Einnehmung der Mahlzeit fortreisen wollte.

Ein Rausch, den man sich mit Vergnügen trinkt, schadet vieler Leute Meinung nach nicht halb soviel, als wenn man bei Zank, Streit, Ärgernis und Grillen der guten Sache zuviel tut. So ging es diesmal Elbensteinen, denn die Sonne präsentierte sich kaum am rand des Horizonts, als er sich ermunterte und nichts weniger als einen Rausch im kopf oder sonsten einige Incommodité bei sich spürete, hergegen befand er sich ganz aufgeräumt und munter. deswegen stunde er aus dem Bette auf, rief seinem Kerl, damit er ihn ankleiden möchte. Dieser kam und meldete erstlich, dass sein Pferd aufstützig worden wäre, weswegen er einen Schmidt gelanget, der ihm die Adern geschlagen und Arzenei eingegeben, anbei befohlen hätte, es bis gegen Mittag anzusehen, da er denn, wenn es sich binnen der Zeit nicht gebessert, dem Pferde noch etwas anders brauchen wollte. "Ausserdem", sagte der Kerl weiter, "gab mir ein Junge, eben als ich vom Schmiede kam, diesen Brief und sagte darbei, ich sollte diesen Brief meinem Herrn, sobald er aufgewacht wäre, selbst in die hände geben, so lieb mir mein Leben wäre. Hiermit lief die Teufelskröte darvon." Elbenstein lachte und sagte zum Diener: "Gehe also nur hin und besorge das Pferd, damit ich weiss, ob ich heute fortkommen kann oder nicht, denn mit meinem Ankleiden hat es solchergestalt noch ein paar Stunden Zeit." Der Diener hatte kaum die tür zugemacht, als er den Brief recht begierig aufbrach und denselben also gesetzt befand:

Unbesonnener Kavalier!

Was wegert Ihr Euch, einer der vornehmsten und schönsten Damen aufzuwarten, gegen welche 100000 und noch mehr Seufzer von 1000 andern Kavaliers sondern nur Eure person ästimiert? Saget, was bewegt Euch dazu, ein Glück mit Füssen von Euch zu stossen, welches so viele fussfällig gesucht und dennoch niemals finden können! Euer Glück ist's dass Ihr eine gute Vorsprecherin gehabt habt, sonsten wäret Ihr vielleicht schon nicht mehr in dem Register der Lebendigen befindlich. Allein erkläret Euch, ob Ihr diesen Abend um die bestimmte Zeit erscheinen wollet oder nicht! Im Verweigerungsfall wird man nicht eher ruhen, bis Ihr zu grab getragen seid, erscheinet Ihr aber am bestimmten Orte, so stehet Euch der Himmel Eures Vergnügens offen, auch wird Eure gefälligkeit aufs reichlichste belohnet werden. Bedenket Euer Bestes und schicket durch Euren Diener einige Antwortszeilen an die Statue der Francisci Petrarchae, wo in der Mittagsstunde ein Knabe, der einen gelben Rock trägt, dieselben von ihm abfordern wird. Fasset einen frischen Mut und trauet

Eurer

unbekannten Freundin.

P.S. Eine gute Stunde hernach schicket Euren Diener wieder an denselben Ort, da werdet Ihr auf Euer Schreiben nochmalige Antwort bekommen. Elbensteinen brach unter währenden Lesen dieses Briefes der Angstschweiss aus, er wünschte sich, 100 Liebe, Furcht und Todesangst stritten miteinander. Was war aber zu tun? Er hielt vors ratsamste, in folgenden Terminis zu antworten:

Allerwerteste unbekannte Freundin!

Ich bekenne selbst, dass ich gestern einen gewaltigen Fehler begangen habe, indem ich der mir zugeschickten Ordre nicht nachgelebet. Den ganzen Tag habe ich mit Schmerzen auf die bestimmte glückselige Stunde gehofft, und endlich liess ich mich von meinem Wirte persuadieren, zu Vertreibung der melancholischen Gedanken nur auf ein paar Stündgen mit ihm spazierenzugehen. Ich hielt es selbst vor ratsam, um etwas aufgeräumter zu werden; deswegen führte er mich vor das Obertor in den Garten St. Antonii. Nun weiss ich nicht, wie es zugegangen ist, dass ich mich in ein paar Bouteillen Wein dergestalt vollgetrunken habe, dass ich von meinen Sinnen nichts gewusst, dieserwegen auch noch bis diesen Augenblick noch so krank bin als ein Hund. Jedennoch aber erfordert die Pflicht und Schuldigkeit gegen meinen gnädigsten Fürsten und Herrn, dass ich noch heute von hier abreisen und Tag und Nacht reiten muss, um demselben von meinen Verrichtungen eiligsten Rapport abzustatten. Die englische Dame darf ja nur befehlen, wenn und an welchem Orte ich in Zukunft meine untertänigste Aufwardern Zustande aufs eifrigste bestreben, mit grossen Vergnügen Dero untertänigster Knecht zu sein. Mit diesen Antwortszeilen schickte Elbenstein seinen Diener binnen der Zeit, als er mit dem Wirte eben in der Mittagsstunde zu Tische sass, nach der Statue des Petrarchae. Kaum liess sich der Diener daselbst blikken, als der gelbröckigte Junge auf ihn zukam und mit einer barbarischen Miene einen Brief von ihm abforderte, auch als ein Kommandeur dem Diener befahl, dass er ja gleich nach Verlauf einer Stunde wiederkommen und von ihm fernere Nachricht ablangen sollte, damit er, der Junge, nicht lange auf ihn warten dürfte. Der Diener schüttelte den Kopf und wusste nicht, was er bei dieser Historie gedenken sollte, klagte es aber seinem Herrn, welcher, indem er schon vom Tische aufgestanden war und im Stalle selbst nach den Pferden sah, hierüber (jedoch mit beängstigten Herzen) lachte und weiter nichts sagte: "Kehre dich doch nichts an die hiesige liederliche Canaille, gehe in einer Stunde wieder hin und siehe zu, ob er