da ich von ihr (die mich, wie ich hernach von ihr selbst erfahren habe, eher als ich sie erblickt) angesehen wurde, zugleich auch durch Neigung des Haupts das Zeichen eines Grusses von ihr empfing.
Demnach wusste ich mich vor Freuden und Vergnügen fast nicht zu lassen. Die von P. mochte meine Gemütsbewegungen merken, gab mir deswegen mit einer andern besonderen Miene zu verstehen, ich sollte mich der Verstellung bedienen und tun, als ob ich sie nicht kennete. Ich folgte hierinnen, weilen mir aber die Zeit verzweifelt lang wurde, um zu erfahren, was ich gern wissen wollte, veränderte ich meine Stelle, begab mich zu einem deutschen Kavalier, mit welchem ich vor etlichen Tagen bekannt worden war und welcher sich schon eine Zeitlang in diesem Reiche aufgehalten hatte, liess mich mit ihm in einen besonderen Diskurs ein und fragte nach den Namen der meisten gegenwärtigen Standespersonen, sonderlich aber des Frauenzimmers. Der Kavalier gab mir mit besonderer Höflichkeit in allen, soviel er wusste, Bescheid. Endlich kam die Reihe auch an die von P., von welcher er mir meldete, dass es die Gemahlin eines Staatsministers namens K. wäre. Ich verbarg mein dieserhalb entstehendes Schrecken und sagte: 'Man sollte diese Dame, welche noch sehr jung und schön aussiehet, eher vor ein lediges Fräul. als vor eine Vereheligte ansehen.' 'Viele glauben auch', versetzte der Kavalier, 'dass sie zwar eine Frau dem Namen nach, in der Wahrheit aber noch ihre Jungfrauschaft habe, indem sie von ihrem Gemahl noch niemals soll sein berühret worden. Sie ist', fuhr der Kavalier fort, 'eine geborne Deutsche und durch ein besonderes Schicksal an diesen Herrn vermählt worden. Ich glaube aber, sie wendeten auf beiden Seiten ein gut Stück Geld daran, wenn sie so leichte wieder voneinanderkommen könnten, als sie zusammengekommen sind.' 'Ei!' fragte ich, 'was hat denn das vor Ursachen?' 'Es wird nicht allein in dieser Stadt', antwortete der Kavalier, 'sondern auch weit und breit herumgesprochen, dass ihnen gleich an ihrem ersten Hochzeittage ein schändlicher Possen gespielet worden, denn wenn er sie nur an der Hand oder an Backen oder sie ihn berühret, bricht ihm gleich der Angstschweiss aus und stösset ihm eine Ohnmacht zu.' 'Das wäre ja', replizierte ich, 'ein unerhörter und verteufelter Streich.' 'Mein werter Herr Landsmann', gab der Kavalier hierauf, 'man hat mir gesagt, dass solches hierzulande ganz und gar nichts Seltsames sei, sondern man habe sowohl hier in dieser Stadt als in der Nähe herum, sowohl unter hohen als geringen Eheleuten erstaunlich viele Exempel, dass selbige teils auf ein oder etliche Jahr, teils auf ihre ganze Lebenszeit solchergestalt fasziniert oder, auf deutsch, behext gewesen und noch sind.' 'Es ist erstaunlich', war meine fernere Rede, 'allein was mögen sie solchergestalt wohl vor eine Ehe miteinander führen?' 'Diese Ehe', replizierte der Kavalier, 'kann wohl schwerlich die beste sein, jedoch man höret doch, dass die fromme, tugendhafte und kluge Dame sich sonderlich in ihre Fatalitäten zu schicken und dem stürmischen mann mit Gedult und Gelassenheit nachzugeben weiss. Es hat mir jemand gesagt, dass ihr eine hohe person in geheim antragen lassen, ihre Ehescheidung zu befördern, allein sie soll grossmütig zur Antwort gegeben haben, sie verlasse sich bloss allein auf die Fügung des himmels und verlange niemals auf andere Art als durch einen natürlichen Tod von ihrem Gemahl getrennet zu werden.'
Wir hätten vermutlich unser Gespräch noch weiter fortgeführet, weiln aber die Opera eben zum Ende ging, beurlaubte ich mich von diesem Kavalier und ersuchte ihn, mir ehester Tages die Ehre seines Zuspruchs in meinem Logis zu geben. Mittlerweile kam mir die von P., welche ich von nun an Mad. K. nennen will, aus den Augen, deswegen begab ich mich nach meinem Logis, wo ich die darauf folgende Nacht mit tausenderlei verdrüsslichen Grillen hinbrachte, da ich aber endlich nach langen Herumwerfen meiner Vernunft Gehör gab, riet mir dieselbe, sowohl meiner unglückseligen Liebe als der Stadt N. adieu zu sagen und weder die Mad. K. selbst noch ihr Porträt wieder anzusehen, hergegen mich auf meine Güter zu begeben und eine ordentliche Ökonomie anzurichten. Ach aber, diese Resolution, ungeachtet sie diese Nacht auf einen Stahl- und Eisengrund gebauet zu sein schien, wurde durch ein kleines Blättgen Papier über einen Haufen geworfen, denn sobald ich frühmorgens das Bette verlassen, lieferte mir einer von der Mad. K. Bedienten ein Billett folgendes Inhalts in meine hände:
Monsieur!
An Ihrer person vermerke, dass einem Verliebten alles übermässige Zärtlichkeit, mich wiederzusehen, Sie angereizt hat, mir nachzufolgen, gestehe anbei, dass es mir zugleich lieb und leid ist, dass Sie mich gefunden. Lieb darum, weil ich das Vergnügen habe, Ihre artige person gesund zu erblicken, leid aber, weil Ihre Anwesenheit mir höchst gefährlich werden kann. Unterdessen wo Sie einige Consideration vor meine person und mein Bitten haben, so bleiben Sie so lange in Ihrem Logis verborgen, bis ich Ihnen Nachricht gebe, an welchem Orte Sie mich ohne Gefahr sehen und sprechen können. Denn ich befürchte, es möchten sonsten untugendhafte Gemüter einen bösen Verdacht auf unsern zwar verliebten, doch tugendhaften Umgang werfen und meiner Ehre einen unauslöschlichen Schandfleck anhängen, zumalen da es eine sehr schwere Sache ist, die