Hintergebäude des Hauses zu nehmen. Dass ich aber den übrigen teil des Tages benebst der darauf folgenden Nacht hindurch von der unbändigen Liebe die grausamsten Folterungen erlitten, kann niemand leichter glauben, als wer ehemals auch heftig verliebt gewesen. Ohnmöglich können sich Ödipus und seine Mitgesellen den Kopf über Sphyngis Rätsel so grausam zerbrochen haben, als ich den meinen zerbrach über die dunklen Sprüche der fräulein von P. Bald schmeichelte mir wegen ihrer freundlichen und verliebten Aufführung die Hoffnung, sie noch mit der Zeit zu gewinnen, bald lachte Fortuna mit einem höhnischen gesicht mich mit allen meinen gemachten Anschlägen und Ideen recht hässlich aus. Morpheus versagte mir seinen Dienst gänzlich, weswegen ich in dieser einzigen Nacht ganz blass, hager und merode wurde. Der anbrechende Tag wollte mir zwar einigen Trost versprechen, indem ich mir sicherlich einbildete, die von P. würde mich beizeiten wieder zu sich rufen lassen. Nachdem ich aber, bis es dunkele Nacht worden, vergeblich darauf gehoffet hatte, musste sich mein gequältes herz mit Gedult darein ergeben, noch eine Nacht wie die vorhergehende zuzubringen, da denn meine Liebespein mehr vermehrt als vermindert wurde.
Folgenden Morgens stunde ich mit dem allerfrühesten auf und memorierte die in vergangener Nacht konzipierte Oration, welche in diesen Nachmittag bei der von P. zu halten mir vorgenommen hatte. Der Vormittag, welcher mir damals länger als ein monat sonsten zu währen begonnte, verstrich endlich, da aber eine Stunde nach der Mahlzeit der von P. ihr Bote sich noch nicht einstellete, nahm ich mir die Kühnheit, mich in ihrem Logis selbst anmelden zu lassen. Allein, o Himmel! wie erstaunete ich, da ich vernahm, dass die von P. bereits gestern noch vor anbrechenden Tage samt allen ihren Sachen aufgebrochen und mit einer Extrapost fortgereiset wäre. Meine fünf Sinnen spieleten das Versteckspiel im ganzen Körper herum, keiner aber wollte sich finden lassen, bis endlich der Wirt des Hauses, nachdem er mich, der ich in der Tür stunde und das Gesicht auf die Strasse heraus gedrehet hatte, lange und oft bei dem Ärmel gezupft hatte, mich wieder zu mir selbst brachte und sagte: 'Monsieur! die fortgereisete Dame hat eine versiegelte Schachtel an Denselben zurückgelassen, hier ist sie.' Ich nahm selbige Schachtel begierig an, eilete damit nach haus und fand nach Eröffnung derselben obenauf einen Brief, dessen Inhalt, weil ich ihn wohl mehr als 1000mal durchlesen, ganz von Wort zu Wort auswendig gelernet habe, also denselben aus dem kopf hersagen kann. Er lautet aber also:
Liebster S. d'A.
Der Himmel ist mein Zeuge, dass ich Sie nicht allein wegen Ihrer galanten person, sondern der angemerkten Tugend halber mehr liebe und ästimiere als sonsten eine einzige Mannsperson in der ganzen Welt. Tue ich Sünde hieran, so bitte ich den Himmel mit Tränen um Vergebung; jedoch da meine Liebe auf keinem lasterhaften grund ruhet, so hoffe, das heiligste Wesen, so über uns wohnet, werde ein Mitleiden mit meiner Schwachheit haben. Dass ich aber mich Ihren aufrichtig verliebten Augen ohne vorher genommenen mündlichen Abschied entzogen, und zwar so plötzlich, solches ist aus keiner andern ursache geschehen, als weil ich mich vor mir selber fürchte und besorgt habe, die Schiffe unserer Tugend möchten etwa auf dem gefährlichen Liebesmeere an eine verborgene Klippe geraten und unvermutet stranden. Dieses zu verhüten, habe [ich] die Trennung vor das allersicherste Mittel erfunden. Wüssten Sie meinen völligen Zustand, so wollte mich persuadiert halten, Ihr tugendhaftes herz würde mir in allen Beifall geben. Indessen entschlagen Sie sich der übermässigen Liebe und verwandelen dieselbe in eine aufrichtige sehnsucht zu vergnügen die pur lautere Ohnmöglichkeit im Wege stehet. Ihre angenehme person täglich sehen zu können, wäre zwar mein grösstes Vergnügen, allein weiln es uns beiden nur zur Qual gereichen würde, wünsche ich, dass Sie mich niemals mögen finden, es sei denn, dass der Himmel selbst eine Änderung träfe. Wollten aber Mons. d'A. mir eine einzige gefälligkeit noch erweisen, so lassen Sie Ihr Porträt bei demjenigen zurück, der Ihnen diese Schachtel einhändiget, bemühen Sie sich aber nicht, auf den Abforderer zu warten, denn ich selbst nicht weiss, ob ich es über lang oder kurz kann abholen lassen. Mein Porträt habe nicht zu Erhaltung seiner Liebe, sondern nur zum geneigten Andenken beilegen wollen. Mein letzter Wunsch ist dieser, dass der Himmel Ihnen mit der Zeit bei einer andern anmutigen Liebste so vieles Vergnügen gönnen wolle, als in ihren jetzigen stand Unvergnügen geniesset
die unglückselige
L. de P.
Wie mir nach Verlesung dieser Zeilen zumute gewesen, bin selbst nicht vermögend, von mir zu sagen, so viel weiss ich mich zu entsinnen, dass ich fast über zwei Stunden lang als ein steinern Bild auf meinem stuhl gesessen, den Brief aber beständig in den Händen gehalten habe. Nach diesen, da ich als aus einem Schlafe erwacht, durchstrich ich alle Gassen, um zu erkundigen, ob niemand wisse, wo die von P. hingefahren und wo ihre Heimat sei. Allein niemand konnte mich dessen berichten, keiner wollte ihr Geschlechte kennen, sondern viele glaubten, es wäre nur ein erdichteter Name, den sie sich beigelegt, unter ihrer person aber eine weit höhere Standesperson versteckt gewesen, damit sie keinen so grossen Staat führen dürfen. Ich wusste, wie gesagt, nicht, was ich denken sollte, bald glaubte ich solches auch, ungeachtet sie mich selbst versichert, dass sie bloss von Adel, bald hielt ich sie