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, dass er nach den zeitlichen Strafen seiner nur dorten in der Ewigkeit schonen möchte.

Nachdem nun der Herr von A. sein herzliches Mitleiden gegen Elbensteinen bezeuget und gewünscht, dass, da dem Himmel es eine sehr schlechte Sache wäre, den Reichen arm und den Armen reich zu machen, er auch Elbensteins Zustand bald in einen vergnügtern und fröhlichern verwandeln möchte. "Allein, mein wertester Herr Bruder", fuhr der Herr von A. gegen Elbensteinen fort, "sonsten pflegt man zu sagen: Solamen miseris socios habuisse malorum. Ich kann Euch versichern, dass unser beiderseitiger Zustand sehr wenig voneinander unterschieden ist. Mein einziges Glück ist's, dass ich mit meiner Gemahlin keine Kinder habe, sonsten würde ich noch weit miserabler leben müssen. Ich habe aber nur vor weniger Zeit erstlich auch angefangen, Betrachtungen anzustellen, dass dergleichen Kalamitäten, welche mir seit wenigen Jahren her begegnet, gerechte Züchtigungen und Strafen des himmels sein müssen."

Elbenstein erseufzete hierüber sehr tief. Weiln sie eben zur Mittagsmahlzeit abgerufen wurden, versprach der Herr von A., nachher, weil sie wegen des starken Regens doch nicht aus dem Zimmer kommen und ein wenig spazierengehen könnten, Elbensteinen zur Revanche auch die Hauptstücke von seinen begebenheiten zu erzählen.

Solches geschahe nun, denn da sie sich beide allein in das Zimmer begeben, wohin Elbenstein Bier, Tobak und Licht bringen lassen, fing der Herr von A. also zu reden an:

"Sobald Ihr, mein wertester Herr Bruder, nach J. auf die Universität gebracht, ich aber wegen einer damaligen schweren Krankheit, die beinahe ein halb Jahr anhielt, in Eures Vaters als meines Vormunde hof zurückbleiben musste, wurde mir Zeit und Weile entsetzlich lang, und weil [ich] aus Ungedult kein Buch vor den Augen leiden konnte, so geschahe es, dass ich viel von demjenigen, was ich schon gelernet hatte, verschwitzte, wie es sich aber in etwas mit mir gebessert, brachte mich Euer Herr Vater nach M. zu demjenigen Medico ins Haus, welcher mich bishero in der Kur gehabt hatte und meine Gesundheit ferneweit besorgen sollte. Hierbei musste ich nun fleissig in die Schule gehen, und der Medicus hatte ein sehr scharfes wachsames Auge auf mich, nahm mich nicht allein, wenn er Zeit hatte, sonderlich des Abends, selbst privatissime vor und repetierte die Lectiones mit mir, sondern er gab auch sehr genau acht auf meine Diät und übrige Lebensart, woher denn kam, dass ich nach ein paar Jahren Verlauf gesund, frisch und sattsam tüchtig erfunden wurde, auf die Universität L. zu gehen. Ich hielt mich etwas über drei Jahre daselbst auf, brachte meine Zeit nicht eben allzu übel zu, sondern besuchte die Collegia fleissig und profitierte doch so viel, dass man schon mit mir zufrieden sein konnte, ausserdem aber auch eben kein Melancholicus, sondern machte mich mit andern Kavaliers und andern braven Purschen zum öftern lustig, liess mich auch bald mit diesem, bald mit jenem Frauenzimmer in eine verliebte Vertraulichkeit ein, welches aber niemals lange Bestand hatte, indem [ich] im öftern Wechseln mein grösstes Vergnügen suchte, auch nicht selten fand.

Da ich aber nach der Zeit, und zwar nur wenige Tage vorher, als ich meinen Valetschmaus geben und von der Universität nach haus gehen wollte, einen unglücklichen Sturz mit dem Pferde getan, dabei den linken Arm sehr stark angeschellert hatte, weswegen mir derselbe nach etlichen Wochen zu schwinden anfing und keine gebrauchten Arzeneien anschlagen wollten, riet mir mein ehemaliger Medicus, mit einem meiner Befreundten in ein warmes Bad zu gehen, als welcher ebenfalls ein gewisses Malheur an sich hatte. Wir traten demnach die Reise par Posto an und erreichten in wenig Tagen eines der berühmtesten warmen Bäder, mieteten uns Logis, und zwar jeder das seine besonders. Anfänglich lebte ich sehr douce und hielt mich ausser der Zeit, die zur Motion bestimmt war, fast beständig inne, nachdem ich aber merkte, dass die Kur wohl ausschlüge, und mich der Medicus versicherte, dass ich vor Monatsverlauf vollkommen kuriert sein, hernach abreisen könnte, wenn ich wollte, ward ich herzlich froh und begab mich in ein und andere Gesellschaften; unter andern traf ich eines Tages ein ungemein schönes Frauenzimmer darunter an, welche das fräulein L. von P. genennet wurde. Ich konnte mich nicht erinnern, zeit meines Lebens jemals gegen ein Frauenzimmer dergleichen heftig verliebte Regungen bei mir empfunden zu haben als jetzt gegen dieses fräulein, und zwar gleich bei der ersten Zusammenkunft, ich konnte auch folgends weder Tag noch Nacht rechte Ruhe haben, wenn ich nicht das Glück hatte, mit dieser Schönen in Compagnie zu sein. Sie stellte sich jederzeit sehr freundlich und complaisant gegen mich, und da sie eines Tages einige Kavaliers und Dames traktierte, liess sie mich in specie mit dazu bitten. Indem sie nun gewahr ward, dass ich das Schachspiel, welches sie ungemein wohl spielte, auch in etwas gut spielen konnte, bat sie mich, ihr die gefälligkeit zu erweisen und öfter bei ihr einzusprechen, weil sie dieses Spiels nicht leicht überdrüssig würde, ausser diesem auch, da mein stilles Humeur mit dem ihrigen sehr wohl übereinstimmete, möchte sie mich vor allen andern gern um sich leiden. Ich versprach ihr, woferne ich mich ihrer gnädigen Erlaubnis im Ernst versichert halten könnte, meine Aufwartung, sooft es deroselben gefällig, zu machen. Es geschahe auch, so dass wir zum öftern vom Mittage an bis zur späten Abendszeit beisammen sassen und uns mit dem Schachspiele divertierten