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." Der Wirt schiene damit wohl zufrieden zu sein, sie traten durch das Haus in die stube hinein und fanden, weil es eben Sonnabend war, keine Gäste, sondern die drei Frauenzimmer, deren Gestalt er sich nicht hässlicher einbilden können. Elbensteins Wirt forderte eine Bouteille vom allerbesten Weine, indem er vorgab, dass er einen recht vornehmen deutschen Kavalier zu ihnen geführt hätte, mitin gern Ehre einlegen wollte. Die Bouteille wurde nebst reinen Trinkgläsern gebracht und die eine Tochter gefragt, wo Vater und Mutter wären, worauf die Antwort fiel, dass sie in einem andern Zimmer ihre Andacht vor dem heil. Antonio verrichteten. Der Wirt trunk Elbensteinen zu, dieser tat Bescheid und gab auf jenes Befragen, ob er wohl delikatern Wein in Italien getrunken hätte, zur Antwort: "Nein! dieses ist der allerdelikateste, den ich zeit meines Lebens bis auf diese Stunde gekostet." "Nun, mein Herr!" versetzte der Wirt, "um Ihnen des Wunders zu überzeugen, so kommen Sie nur gleich, nehmen Sie selbst die Bouteille in die Hand, damit Sie versichert bleiben, dass kein Betrug vorgeht. Ich will die Gläser nehmen, wir wollen nur etliche 20 Schritt über die Grenzen dieses Hauses gehen, hernach sagen Sie mir Ihres Herzens Meinung." Elbenstein gehorsamte dem Wirte, nahm die Bouteille in Arm und ging mit ihm. Sobald sie etliche 20 bis 30 Schritt vom haus hinweg waren, nötigte ihn der Wirt, sich auf einen grünen Hügel niederzulassen, selbsten ein Glas einzuschenken und dasselbe auszutrinken. Dieser folgete, kaum aber hatte er das Glas ausgeleeret, als der Wirt recht begierig fragte: "Nun, wie schmeckt der Wein allhier?" Elbenstein stellte sich sich ganz bestürzt und tat, als ob er gar nicht zu Worten kommen könnte, endlich aber sagte er mit einem tiefgeholten Seufzer und gegen Himmel gerichteten Augen: "Oh! Wunder über Wunder! dieses hätte ich nimmermehr geglaubt, wenn ich es nicht selbst empfunden hätte; denn die Delikatesse des Weins ist bereits über die Hälfte weg. Was würde nicht werden, wenn man ihn noch weiter trüge?" Der Wirt trunk auch und sagte: "Ja! es ist wahr, über die Hälfte ist die Delikatesse schon weg; allein wir wollen jeder nur noch ein Glas zu mehrerer Überzeugung trinken, sodann wieder ins Haus gehen, denn was sollen wir uns mutwilligerweise um den guten Geschmack bringen." Elbenstein liess sich's gefallen, bejahete nochmals, dass der Wein hier sehr schlecht schmeckte, und sobald der Wirt sein Glas auch ausgetrunken und eben dasselbe bekräftiget hatte, begaben sie sich wieder zurück ins Haus.

Kaum hatten beide in der stube am Tische Platz genommen, als der Wirt Elbensteinen aufs neue von eben dieser Bouteille zu trinken nötigte. Dieser tat es und wurde hernach befragt, wie der Wein nun wieder schmeckte. Elbenstein stemmete die Ellbogen auf den Tisch und hielt die hände vor beide Augen, schüttelte auch öfters den Kopf, um eine sonderbare Verwunderung anzuzeigen, endlich aber sprach er: "Zeit meines Lebens will ich an dieses Wunder gedenken, denn nunmehr schmeckt der Wein aus eben dieser Bouteille eben wieder so delikat als zuallererst, so dass ich gestehen muss, solange ich in Italien bin, noch nicht dergleichen getrunken zu haben." Allein vor dieses Mal war Elbenstein wohl ein rechter Spottvogel, denn er musste zwar bei sich selbst gestehen, dass dieses kein schlechter, sondern ein solcher Wein war, der die mittelmässigen übertraf, jedoch hatte er schon binnen der Zeit, als er in Italien sich aufgehalten, Weine von weit besserer Nummer getrunken. Sein ganzes Werk aber war nur, sich dem Wirte gefällig zu erzeigen, jedoch denselben heimlich bei der Nase herumzuführen.

Sie führeten demnach alle beide noch verschiedene Diskurse über dieses wunderliche Wunder, bis endlich der eisgraue alte Hauswirt nebst seiner ebenfalls eisgrauen alten Hausehre hereingetreten kam und seine Gäste mit den allerandächtigsten Worten und Gebärden bewillkommete. Da ging nun der Diskurs von dem Miracul aufs neue an, welcher, wenn man denselben allhier repetieren wollte, viel zu langweilig und verdrüsslich fallen würde. Weiln aber demnach der Wein Elbensteinen ganz wohl schmeckte, als trunk er seiner geliebten Baronne Gesundheit so öfters in Gedanken, dass er endlich einen ziemlichen Schwür[b]el im kopf fühlete. Jedennoch bezeigte er gegen seinen Wirt ein Verlangen, den heil. Antonium von Padua zu sehen; dieser sein Wirt persuadierte also den alten Hauswirt bald dahin, sie alle beide in das Appartement zu führen, wo die hölzerne, doch aber sauber gemalte und verguldete Statue stunde. Es war dieses Appartement einer kleinen Kapelle nicht unähnlich, indem ein Bet-Altar, verschiedene Lichter und andere geistliche Zieraten darinnen anzutreffen waren. Da nun, wie bereits gemeldet, Elbenstein vom Weine etwas begeistert war, tat er diesem Heiligen mehr Ehre an, als er sonst jemals einem hölzernen Bilde erzeiget hat, ja er stellte sich gar, als ob er etwas Besonders auf den Herzen hätte und den heil. Antonium heimlich um hülfe anrufte. Dieses gefiel dem alten eisgrauen mann dergestalt wohl, dass er nach der Zurückkunft in die Trinkstube ein paar Bouteillen von noch weit bessern Weine herauflangete. Elbensteins subtile Zunge schmeckte bald, dass dieses aus einem weit bessern Fasse wäre, sagte es deswegen ganz deutlich heraus, allein der alte Mann beteurete, dass es eben vom vorigen Weine wäre, und wenn er ihm ja besser schmeckte, so wäre es ein Merkzeichen, dass der heil. Antonius sein