dergleichen mehr in grosse Schulden und Abfall seines Vermögens geriet. Der Gram und Kummer, welchen er dieserwegen einnahm, brachte ihn dergestalt von Kräften, dass er schwachheitshalber seine Funktion nicht mehr verrichten konnte, sondern sich genötiget sah, seine Charge zu resignieren und sich auf sein Gut zu begeben in Hoffnung, durch gute Menage sich wiederum empor und aus den Schulden zu bringen. Allein es war vor ihn weder Glück noch Stern, sondern alle seine Projekte, sie mochten noch so vernünftig und klug ausgesonnen sein, gingen den Krebsgang, so dass er fast seinen gänzlichen Ruin vor Augen sah. Dergleichen Unglücksfälle entkräfteten ihn nun binnen zwölf Jahren dermassen, dass er sozusagen alt und grau vor der Zeit wurde, indem er öfters mit einem schlechten Gerichte Kohl oder andern Zugemüse nebst einem leichten Trunk Kovent vorliebnehmen musste, wenn er sich nur noch einigermassen seinem gehabten Charakter gemäss aufführen wollte. In solchen trübseligen zeiten und kümmerlichen Zustande liess sich eines Abends, da es entsetzlich stark regnete, ein Kavalier bei ihm melden und ihn wegen der besonderen Freundschaft, so sie in der Jugend miteinander gepflogen, bloss allein um ein Nachtquartier ansprechen, indem er in dem kleinen Schenkhause, welches bereits mit Fuhr- und andern Leuten angefüllet wäre, nicht wohl unterkommen könnte, sonsten aber wolle er dem Herrn von Elbenstein keine Ungelegenheit verursachen. Elbenstein erfreute sich demnach recht herzlich, einen alten Bekannten anzutreffen, und zwar um soviel desto mehr, weil ihm seine Zinsleute vor ein paar Tagen etliche Scheffel Hafer und anderes Getreide eingebracht, auch waren ihm von einem benachbarten Edelmanne, der seine Klöpperjagd gehalten, drei Hasen und etliche schöne Stück Flügelwerk zum Geschenke geschickt worden, also kam ihm dieser gute Freund recht à propos, dieses mit zu geniessen. Demnach fragte er den Bedienten nach seines Herrn Geschlechtsnamen, allein der Bediente sagte: "ihr Gnaden werden mir nicht ungnädig nehmen, wenn ich hierinnen nicht gehorsamen kann, weil mir solches von meinem Herrn expresse verboten worden, indem er die Lust gern haben will zu erfahren, ob er von ihr Gn. wird erkannt werden, da Sie einander in so vielen Jahren nicht gesehen haben." Solchergestalt wurde nun Elbenstein noch zehnmal curieuser zu wissen, wer sein Gast sein würde, als vorher, fertigte aber den Bedienten sogleich ab und liess zurücksagen, weil ihm der Zuspruch honetter Kavaliere jederzeit sehr angenehm, so müsse ihm die gütige Visite eines alten Freundes um soviel mehr vergnügend sein. Er bäte demnach, sich in dem schlimmen Wetter nicht länger zu verweilen, sondern nur mit seinen Leuten und Pferden frei einzusprechen und mit bei jetzigen Umständen möglichsten Accommodement gütigst vorliebzunehmen.
Es währete demnach nur noch eine kurze Zeit, da sich der Gast einstellete. Elbenstein ging demselben bis vor seine Hoftür entgegen, kaum aber war dieser vom Pferde gestiegen und hatte sein Gesicht blicken lassen, als ihn Elbenstein im Moment vor den Herrn von A. erkannte. Dieser Herr von A., welcher nur ungefähr ein Jahr jünger als Elbenstein, war von der zartesten Kindheit an mit Elbensteinen zugleich aufgezogen worden, indem des Herrn von A. Herr Vater sehr frühzeitig gestorben war, der alte Herr von Elbenstein aber als Vormund diesen jungen Hrn. von A. zu sich genommen hatte und, als ob es sein eigenes Kind wäre, mit unter den seinigen erziehen liess. Dieser nun und unser Elbenstein hatten sich wegen Gleichheit der Jahre und des Temperaments jederzeit vor allen andern am besten miteinander vertragen können und sich fast niemals veruneiniget, auch immer vor einen Mann gestanden, wenn sie von den andern attaquieret worden. Demnach war die Freude vorjetzo bei Elbensteinen ungemein gross, da sie in ihrem 15ten oder 16ten Jahre voneinander gekommen und seit der Zeit sich nicht wieder gesehen, auch wenig Nachricht voneinander erhalten. Beide Herrn umarmeten und küsseten sich recht brüderlich, worauf der Herr von A. von Elbenstein in sein bestes Zimmer geführt und hernach etwas allein gelassen wurde, um seiner Bequemlichkeit zu gebrauchen. nachher wurde die Abendmahlzeit aufgetragen, und ob selbige gleich eben nicht kostbar war, sondern nur aus einer guten Eiersuppe, ein paar gekochten Hühnern und aus einem rohen Schinken bestund, so erzeigte sich doch der Gast sehr vergnügt darbei und bat Elbensteinen, der sich wegen schlechter Bewirtung zum öftern entschuldigen wollte, inständig, hiervon nichts zu gedenken, indem er bei dem Plaisir, ihn zu sehen und mit ihm zu sprechen, gar gern mit einem blossen Butterbrot, einem Trunk Bier und Pfeife Tobak vorliebnehmen wollte. Mit Weine war Elbenstein nicht versehen, doch konnte er einen herrlichen Trunk Bier in seinem dorf haben. Sobald sie demnach die Abendmahlzeit mit gutem Appetite eingenommen, blieben sie beide ganz alleine beisammen, da denn Elbenstein dem Herrn von A. die Hauptstücke seines Lebenslaufs nebst seinen bis hieher gehabten Fatalitäten ziemlich ausführlich erzählete. Wie aber unter solchem Gespräch die Mitternachtsstunde bereits verstrichen, wollte Elbenstein seinen Gast nicht länger von der Ruhe abhalten, nahm deswegen, nachdem derselbe auf inständiges Bitten endlich versprochen, morgenden Tag noch bei ihm zu bleiben, auf dieses Mal gute Nacht und begab sich gleichfalls zur Ruhe.
Folgenden Morgen beim Tee erzählete Elbenstein vollends den Rest seiner begebenheiten und machte den Schluss damit, wie er wohl erkennete und sich in seinem Gewissen überzeugt befände, dass alle seine gehabten Unglücksfälle gerechte Strafen des himmels wären, die er mit seiner zuweilen recht unbändigen Lebensart wohl, ja noch weit mehr verdienet, weswegen er sich auch von Tage zu Tage besser in seinen jetzigen pauvren Zustand schicken lernete, anbei den Himmel inbrünstig anflehete