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"Wer mein Herz zu eigen hat, kann alles hoffen." Unter diesen Worten legte sie ihren Kopf ganz, als ganz unachtsam, an Elbensteins Brust. Dieser küssete erstlich ihre charmanten blauen Augen und sagte darbei: "Ihr allerschönsten Augen! euch beschwere ich, mich nicht zu verraten wegen dessen, was ihr sehen werdet." Hierauf machte er sich an die korallenroten Lippen und küssete dieselben mehr als hundertmal. Teresia, so war der verliebten Gräfin Taufname, liess solches unter einer verstellten Unempfindlichkeit geschehen, endlich aber nahm die Liebe und Erkenntlichkeit dergestalt überhand, dass sie das Empfangene mehr als gedoppelt restituierte, weswegen Elbenstein, wegen wichtiger Verrichtungen, höchst vergnügt von ihr schiede, nachdem sie die Abrede miteinander genommen, dass, sooft sie miteinander in Compagnie kämen, sich durch ein unvermerktes Zeichen ihre beständige Liebe zu erkennen geben wollten.

Dieses Zeichen bestunde darinne, dass Teresia ein Bouquet Blumen an ihrer Brust, Elbenstein aber nach damaliger Bändermode in seinen Ärmeln oder Manschetten rosenfarbene Bänder tragen wollten. Teresia pflegte demnach oftermals den Blumenstrauss, als ob sie daran riechen wollte, an den Mund zu drücken, und Elbenstein im Gegenteil stellte sich zum öftern, als ob ihm die Manschettenbänder zu lose worden wären, befestigte sie deswegen mit hülfe des Mundes und küssete zugleich das Band, welches der Teresia Leibfarbe war. Solchergestalt führeten beide ihr geheimes Liebesverständnis miteinander fort. Allein dieses Geheimnis wurde bald entdeckt: denn als sie einsmals in dreien Tagen miteinander zusammenzukommen keine gelegenheit finden können, gab die Gräfin, welche der Herzogin Palais gegenüber wohnete, Elbensteinen ein Zeichen, zur Vesperzeit in obgedachtes Karmeliterkloster zu kommen. Der Herzogin fräulein aber, eine geborne von C., die ebenfalls ein Auge auf Elbensteinen haben mochte, wurde solches gewahr, wollte demnach gerne wissen, was solches bedeutete und wem das Winken gegolten; demnach stellet sie sich in der kleinen Prinzessin Zimmer an ein Fenster, aus welchem sie alle in selbige Kirche gehende Leute observieren konnte.

Solchergestalt, da Elbenstein als ein Protestante so gar allzusehr nach der Karmeliterkirche zu eilete, sie das ganze Geheimnis erriet, indem sie urteilen konnte, dass keine besondere Andacht, sondern vielmehr der reizende Gehorsam der vorausgegangenen Gräfin ihn dahin gezogen.

Es fehlete bei der Abendtafel keineswegs an allerhand Stichelreden, welche sich aber Elbenstein gar nicht zuzog. Jedoch da die fräulein von C. ihm einen Becher Wein auf Gesundheit der Gräfin Teresia zutrank, wurde er im gesicht blutrot, und ungeachtet er seine Liebe zu derselben zu verbergen suchte, wurde nachher doch alles völlig verraten.

Demnach mussten sich beide Verliebten etwas genauer in acht nehmen, und weil sie nicht persönlich zusammenkommen konnten, so wurde ihr Liebeswerk durch Briefe traktiert. Diese trug hin und her des Generals und Kommendanten zu P., Grafens von T. Zukkerbäckerin, womit denn beiderseits einiges Labsal geschafft wurde. Ob sie aber nicht zuweilen einander dennoch in geheim gesprochen, solches kann man nicht vor gewiss sagen. Inzwischen daurete dieses Vergnügen nicht länger als ein Vierteljahr, denn Elbenstein bekam Briefe, aufs schleunigste zu seinem Herrn Vater zu kommen, deswegen bat er bei der Herzogin auf vier Wochen Urlaub, welchen er auch erhielte. Da aber mittlerweile hochgedachte, seine durchl. Herzogin, sich mit dem Fürsten von N. in eine Eheverlöbnis eingelassen und das Beilager mit nächsten geschehen sollte, hergegen Elbensteins Eltern ihm nicht gestatten wollten, ferner bei hof zu bleiben, aus Beisorge, dass er etwa wegen der Religion Anstoss haben möchte, so resolvierte er sich, seine Dimission schriftlich zu suchen, erhielt auch dieselbe nebst seiner rückständigen Besoldung und einem besonderen Gnadengeschenke.

Die holdselige Gräfin Teresia wechselte zwar noch über ein halbes Jahr Briefe mit ihm par Adresse des Traiteurs S. zu D., als sie aber sich nicht entschliessen wollte, ihre Gelder nach N. zu verwenden, im Gegenteil prätendierte, sein väterlich Gut zu verkaufen und das dafür bekommene Kaufgeld entweder in B. oder C. wieder anzuwenden, verloschen diese Liebesflammen beiden auf einmal.

nachher fügte sich's, dass Elbensteins Herr Vater im Herbste des 1693sten Jahres das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselte, weswegen er sich genötiget sah, in seinem vaterland zu heiraten. Es wurden ihm demnach von seinen Freunden allerhand Partien vorgeschlagen, unter welchen eine mit besonderer Schönheit und Klugheit begabte fräulein des Geschlechts von M. war; allein es zwangen ihn triftige Raisons, sich bei derselben nicht zu engagieren. Er vereheligte sich demnach Anno 1694 mit einer fräulein von D., welche aber nach elf Monaten im Kindbette starb, und das Kind, welches ihm nachher, da es erwachsen war, viel Bekümmernis und Herzeleid verursachte, am Leben bliebe.

Der arme Elbenstein sah sich nunmehr zum andern Male in dem betrübten Witberstande, hatte die ganze Last der schweren Haushaltung allein auf dem Halse, weswegen er sich denn zum dritten Male vermählete, und zwar mit einer fräulein des Geschlechts von NB., mit welcher er verschiedene und meistenteils ganz wohlgeratene Kinder erzeugte. Als er nun in die zehn Jahre auf seinen Gütern im Privatstande und ohne Herrndienste gelebt, bekam er von einem gewissen Reichsfürsten Vokation, bei welchem er etliche Jahre in ansehnlichen Hofdiensten verharrete.

Wie aber die Sünden der Jugend von dem gerechten Gott nicht ungestraft bleiben, also musste Elbenstein nunmehr an sich auch erfahren, dass nichts Gutes unvergolten und nichts Böses ohngestraft bliebe, indem er allmählich durch viele schwere kostbare Prozesse, Kriegstroublen, sonderlich die schwedische Invasion, ferner durch etliche Jahr nacheinander fortdaurenden Misswachs, Falliment seiner Debitoren und