Bibel aufschlug und sogleich die Flucht Lots aus Sodom in die Augen bekam.
Diese geschichte und was ihm vor wenig Stunden passiert war, vereinigte er miteinander und hatte seine Speculationes und Meditationes darüber, endlich schrieb er folgende Strophen in seine Schreibtafel, welche eine Arie oder Ode bedeuten sollen. Man hat selbigen bona fide bloss wegen einiger guten Penséen die Stelle an diesem gehörigen Orte eben nicht streitig machen wollen, ungeachtet gar sehr wider die reine Poesie darinnen gestrauchelt ist. Sie lauten aber also:
1
Eile, meine Seele, eil!
Aus dem Sodom schnöder Lüste,
Sonsten findest du kein Heil
Oder Mittel, das dich friste
Vor dem ewig herben Tod,
2
In Buss, Reu und Glauben lauf!
Schau, was vor ein schröcklichs Wetter
Über dich sich türmet auf;
Eile, hier ist kein Erretter,
Dein Verweiln und Stillestehn
Macht dich sonst zu grund gehen.
3
Aber sieh! dass deine Flucht
Sichrer mög als Lots geschehen:
Wer auf Erden Rettung sucht,
Kann dem Falle nicht entgehen,
Und ein geiler Stärkungstrank
Macht die Seele sterbekrank.
4
Ich weiss bessre Sicherheit
Vor dich, o! du arme Seele!
Christus hält vor dich bereit
Seiner heilgen Wunden Höhle.
Da wird dir sein Blut ein Wein,
Der dich ewig stärket fein.
5
Lauf hin mit getrosten Mut,
Meid ein sündliches Umsehen;
Dieser Erden Pracht und Gut
Muss in Dampf und Glut aufgehen:
Wer zu Christi Schutz sich hält
Acht't kein Zoar dieser Welt.
Es ist ohnstreitig, dass die Poesie nicht viel tauget, unterdessen aber sind doch die Gedanken gut gewesen. Er ging auch in seiner Andacht weiter und genoss des andern Tages darauf, nach herzlicher und bussfertiger Bereuung seiner vielen und schweren Sünden, das heil. Abendmahl. Sobald aber die Armee in die Winterquartiere einrückte, reisete er heraus nach U., liesse sich daselbst, wie schon gedacht, mit seiner liebsten Baronne von L. ordentlich kopulieren, von dar führte er sie nach haus zu seinen Eltern, woselbst er bis Fastnachten mit ihr verbliebe. Als aber die Zeit zum Marsche herbeikam, nahm er von seiner liebsten, nunmehr schwangern Gemahlin Abschied, sowohl auch von seinen betagten Eltern, welcher denn auf allen Seiten traurig und betrübt genug war, jedoch die Renommée instigierte ihn, sich nicht länger aufzuhalten, zumalen da ihm sein Obristlieutenant, dessen Compagnie er kommandierte, durch einen Expressen Ordre platz zu finden, weilen allem Vermuten nach, wie es denn auch geschahe, die Kampagne frühzeitiger als sonsten würde eröffnet werden, zumalen da Se. Majestät von Grossbritannien derselben dieses Jahr in eigener hoher person beiwohnen würden.
Demnach erfolgte sein Aufbruch unter vielen Tränen, er aber musste Tag und Nacht par Posto, zuweilen fahrend, zuweilen auch reutend gehen, bis er das bereits abmarschierte Regiment, worzu er gehörete, endlich einholte und bei Löwen antraf.
In dieser Kampagne bekam der Marquis de Cronvall wegen vorgehabten Meuchelmordes an höchstgedachten Könige von Engelland seinen verdienten Lohn, indem derselbige nicht weit von Notre Dame de Lambeck bei der spanischen Artillerie gevierteilt wurde. Nach diesem folgte den 3. auge. selbiges Jahres das hitzige Treffen bei Steenkirchen zwischen dem König Wilhelm und dem französischen Marschall von Luxemburg (den, woran man doch aus christlicher Liebe zweifelt, der Teufel geholt haben soll). Sichere Nachrichten meldeten damals, dass auf beiden Seiten 22000 Mann geblieben, der Spion aber, welcher das Dessein der Alliierten, nämlich das französische Lager zu attaquieren, dem General Duc de Luxembourg verraten, ward gleich den Tag nach dieser unglücklichen Aktion ohne viele Weitläuftigkeiten frühe um fünf Uhr an einen Baum geknüpft.
Nach diesen ging die holländische Armee in Flandern, wo sie so lange stehenblieb, bis man die Winterquartiere reguliert hatte. Weiln nun das Regiment, bei welchem Elbenstein Lieutenant war, wiederum an den Rheinstrom marschieren sollte, auch die Armee bereits zu kantonieren begunnte, so bekam er Urlaub, voraus und sodann nach seiner Heimat zu reisen, wo er zu Ende des Octobris anlangte. Anstatt aber seine herzallerliebste Gemahlin gesund und vergnügt zu embrassieren, musste er bei seiner Anheimkunft die betrübte und höchst schmerzliche Nachricht hören, dass schon im verwichenen Augustmonat Mutter und Kind das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hätten, und zwar das Kind 14 Tage eher als die Mutter.
nunmehr kam Elbensteinen erstlich in den Kopf, dass es seiner Sünden Schuld wäre, einen so kostbaren Schatz eingebüsset zu haben, deswegen sank er, noch ehe er seines Herrn Vaters Haus erreichen konnte, in eine Ohnmacht, musste also hineingetragen werden. Er blieb über zwei Stunden in solchem gefährlichen Zustande, sobald er sich aber wieder besonne, beklagte er mit bittern Tränen und ängstlichen Händeringen seinen jämmerlichen und schmerzlichen Verlust, liess sich auch nachher den Gram, Kummer und Traurigkeit dergestalt einnehmen, dass an seiner Wiederaufkunft billig zu zweifeln war.
Demnach sahen sich seine Eltern gemüssiget, etliche wohlgeübte und exemplarische Geistliche herbeizurufen, welche dem trostlosen Elbenstein aus Gottes Wort zusprachen und zugleich vorstelleten, dass durch eine solche heidnische Traurigkeit der Allmächtige zum höchsten beleidiget würde. Alldieweiln er nun ein Mensch war, der sowohl in geistlichen als politischen Schriften wohl erfahren, so geschahe es, dass, da er Wudrians 'Kreuzschule' zu lesen bekam, er sich allmählich in Gottes unerforschlichen Willen zu schicken und sich demselben in rechtschaffener Christen geziemender Gedult gänzlich zu ergeben lernete.
Er wollte zwar wieder zum Regimente und dem Kriege weiter nachfolgen, allein seine Eltern und sonderlich der Vater lag ihm sehr an und stellte vor, wie