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gute Nacht und begab sich nach seinem Gezelte.

Ob sich nun Elbenstein auch sogleich zu Bette legte, so wollte doch kein Schlaf in seine Augen kommen, deswegen verdross ihm, sich vergeblicherweise im Bette herumzuwälzen, stunde also auf, nahm sein Schreibezeug und brachte folgende Arie zu Papiere:

1

Auf, mein Geist, sei wohlgemut,

Wenn Begierden stürmen,

Lass nicht ab, dein Fleisch und Blut

Tapfer zu beschirmen.

Halte dich

Ritterlich,

Lass nicht ab zu kämpfen,

Du wirst sie noch dämpfen.

2

Lass die Sinnen leblos sein,

Fühle ohne Fühlen,

Schliess die geilen Lippen ein

Vor der Küsse Spielen.

Das Gesicht

Sehe nicht,

Wenn ein schnödes Blicken

Unschuld will bestricken.

3

Lass die Ohren abgekehrt

Weil, sobald man sie gehört,

Sie uns bald verschlingen.

Ihr Getön

Klinget schön,

Doch in einer Stunde

Geht man gleich zu grund.

4

Ach! ihr Sinnen, regt euch nicht,

Sonst müsst ich verlieren!

Der Begierden Irrwisch-Licht

Pflegt nur zu verführen,

Und ihr Glanz

Kann mich ganz

Als ein Blitz verblenden

Und in Abgrund senden.

5

Frisch, mein Geist! dein tapfrer Mut

Hat nun doch gesieget,

Schau! wie Lasterlüste Wut

Ganz darniederlieget.

Du hast dich

Ritterlich

Gegen sie verhalten,

Wollust muss erkalten.

Der zweiten Falle, so ihm der Asmodäus oder der Geist der Unzucht und Hurenteufel gestellet, entging er durch Gottes Gnade folgendermassen: Er hatte etliche Tage nach der Aventure mit der Marketenderin den Feldprediger auf sein Ansuchen wegen gewisser Umstände zu seinem Zeltkameraden angenommen und dessen Feldbette neben das seinige schlagen lassen. Nun trug es sich zu, dass besagter Feldprediger zu einem andern Regiment, um einen Delinquenten zu einem christlichen und seligen Ende zu präparieren, voziert wurde, weil der Feldprediger des andern Regiments krank darniederlag, welches dieser auch gern und willig über sich nahm und fortginge. Es mochte aber frühmorgens etwa um vier Uhr sein, als ein sehr artig angekleidetes Weibsbild zu Elbensteinen in das Zelt trat und bat, ihr etwas von ihren guten und delikaten Liqueurs und Confituren abzukaufen. Sie erwartete keine Antwort, sondern setzte sich recht frech und ungescheut zu ihm aufs Bette, präsentierte ihm ein Gläsgen Persico nebst einem Schälchen voll Konfekt. Elbenstein, um nicht vor einen Schrupper oder kargen Filz angesehen zu werden, akzeptierte solches und trunk es aus. Mittlerweile setzte sich das Frauenzimmer zu ihm aufs Bette, reichte ihm noch zwei Gläser und unterstund sich nachher, ihm an demjenigen Orte den Puls zu begreifen, wo derselbe bei Sanguineis am stärksten zu schlagen pflegt, anderer Karessen durch Küsse und dergl. zu geschweigen. Indem nun dieses eine person, die nicht schöner hätte gemalt werden können, weil sie von der natur nicht nur wohl, sondern noch mehr als wohl gebildet worden, so wachten bei Elbensteinen, sonderlich wegen des eingeschluckten Persico, die Lebensgeister oder, besser zu sagen, die Hurengedanken auf einmal wieder auf, und es war an dem, dass der arme Elbenstein in die vom Asmodäo neu gelegte Schlinge verfallen sollte, denn diese Lais oder Sklavin der Unzucht hatte bereits das Körbgen, worin sie ihre Waren hatte, beiseite gesetzt und war eben im Begriff, sich mit entblösseten Unterleibe zu Elbensteinen ins Bette zu legen, als sich von ferne des zurückkommenden Feldpredigers stimme hören liess, welcher aus dem bekannten lied: Wer weiss, wie nahe mir mein Ende etc. eben den Vers anstimmete: Herr! lehr mich stets mein ende bedenken etc.

Hierdurch wurde die unzüchtige und verdammliche Vollziehung des schändlichen Desseins, worzu schon beider Wille geneigt und bereit war, auf einmal plötzlich unterbrochen; daher die geile Canaille ihre Waren eiligst auffassete, jedoch nicht so hurtig fortwischen konnte, dass sie der Feldprediger nicht hätte aus des Lieutenants Zelte kommen sehen. Es bot derselbe zwar Elbensteinen einen guten Morgen, fragte aber auch zugleich mit einem sehr ernstaften gesicht, was denn die Erzhure, die Regimentshenkerin, bei ihm im Gezelte gemacht hätte. Elbenstein erschrak ungemein, als er den Charakter dieser Schönen erfuhr, war aber so aufrichtig und bekannte dem Feldprediger alles haarklein, worauf der Feldprediger sagte: "Gott Lob und Dank, dass ich noch zu rechter Zeit die würkliche Vollbringung solcher Schandtat verhindert habe, allein, dem allen ungeachtet, mein werter Herr Lieutenant, hat Er doch den langmütigen Gott mit Seinem unzüchtigen Willen und Begierden vorsätzlicherweise beleidiget und sich wider seine Gebote schwerlich versündiget. Ach! Er bereue demnach Seine Sünden herzlich und schmerzlich und danke darnebst der unermesslichen göttlichen Barmherzigkeit vor die unverdiente Gnade, die Ihm vor dem würklichen Falle so treulich behütet hat, wofür ich selbsten dem allmächtigen Gotte, der den Tod des Sünders nicht begehret, inbrünstigen und demütigsten Dank abstatte, dass er mich, seinen armen und geringsten Diener, gewürdiget hat, ein Instrument zu sein, welches diese Schandtat verhindert hat." Elbensteinen gingen solchergestalt die Augen über, der Feldprediger aber, nachdem er seine Reue als das erste Stück der Busse bemerkt, tröstete und stärkte ihn ferner zur ernstlichen Busse und Bekehrung, prägte ihm den wahren Glauben ein, wodurch er allein die Vergebung seiner groben Sünden erlangen könnte, hierauf betete er vor ihm ein kräftiges Gebet aus dem Herzen und legte sich hernach, weil er die ganze Nacht gewacht, zur Ruhe, indem die Exekution allererst auf den folgenden Tag angesetzt war. Elbenstein aber stunde, sobald sich die Sonne blicken liess, auf und spazierte in eine hinter dem Lager befindliche dünne, jedoch sehr angenehme Bosquade, wo er die bei sich habende