müssten gewiss durch eine besonders gnädige Fügung des himmels ihm zugeschickt worden sein, da er doch nicht leugnen könnte, dass er gestrigen Abend wegen ein und anderer Grillen lieber allein zu sein gewünschet, wo er aber alleine gewesen, würde er sich nunmehr unfehlbar schon im Reiche der Toten befinden. Nach diesen, weiln er merkte, dass aus dem gefundenen und mit Livicardens Namen unterschriebenen Briefe uns ein und anderes von seinen Liebeshändeln müsse bekannt worden sein (denn ungeachtet dieser Brief, unter dessen Durchlesung ihm die Kähle bald wäre zugeschnüret worden, war, ungeachtet er ziemlich mit Blut besudelt, doch noch ziemlich leserlich), so erzählete er uns Verschiedenes von seinen Aventuren, bat sich aber hierbei noch zur Zeit unserer Verschwiegenheit aus und versprach dargegen vor redlich geleistete hülfe und Lebensrettung, uns eine ansehnliche Diskretion zu verschaffen."
"Ei, Herr Lieutenant!" fragte der Obriste Sw., "wie lautet denn der an Merillo von Livicarden geschriebene Brief ungefähr?" "Ich habe denselben", versetzte der Lieutenant, "gleich in der ersten Nacht abgeschrieben, sowohl als die andern, welche mir Merillo kommuniziert und darbei erlaubt hat, seine Aventuren, die er mir nachher weit umständlicher erzählet, in behöriger Form zu Papiere zu bringen. Livicardens Brief aber, den ich noch jetzt in meiner Brieftasche bei mir führe, klinget also:
Mein Merillo!
Ihr glaubt, dass ich Euch geliebt habe, dass ich Euch aber noch liebe, wollet Ihr nicht glauben; allein ich versichere Euch dessen vollkommen, ja ich rufe den Himmel zum Zeugen an, dass ich alle Staatsmaximen verdammen und niemand auf der Welt lieber als Euch zum Ehegemahl haben wollte. Doch wo Ihr vernünftig seid, so erwäget selbst, dass die rasende Wut meiner Landsleute uns alle beide nicht einen monat lang würde leben lassen. Wie könnet Ihr nun verlangen, dass ich meine zeitliche Glückseligkeit, ja sogar mein Leben in die Schanze schlagen und an Euren und meinem tod Ursächerin sein sollte? Zwar wie ich aus Eurem Schreiben ersehe, so stehet Ihr bereits in den Gedanken, als ob ich die Bosheit begangen und einen meuchelmörderischen Anschlag auf Euer Leben gemacht; allein mein Gewissen ist von dieser Sünde frei. Ich glaube wohl, dass Euch jemand bei meinem Garten mag aufgepasset haben, denn die Bangigkeit meines Herzens und das auf derselben Stelle gefundene frische Blut, sodann die Nachricht, dass Ihr Euch unpass befändet, überzeugten mich, dass Euch ein Unglück widerfahren sein müsse. Ich konnte aber keine genauere Nachricht davon einziehen, weil man mir sagte, dass Ihr Tag und Nacht gute Freunde um Euch hättet; unterdessen, weil ich an Eurem Unglück unschuldig, so hat Euer auf mich gelegter Verdacht mir wohl mehr Tränen als Euch der Mörderstahl Blutstropfen ausgepresset. Hierbei bin ich auf die Gedanken geraten, ob etwa einer von meinen Freiern eins von meinen Bedienten mit Gelde bestochen und zur Untreue bewogen, mitin einige Nachricht von unsern geheimen Zusammenkünften erfahren und Euch also auf den Dienst gelauret. Ihr sehet also, dass die Gefahr vor uns beiderseits sehr gross ist, deswegen handelt klug, nehmt von mir 6000 Taler bar Geld, verlasset diesen fatalen Ort, gehet auf eine Zeit in andere Dienste und machet damit vor dieses Mal mich ruhig, Euch aber glücklich und vergnügt. Ja! mein Merillo, folget mir und entfernet Euch auf diesmal, was Euch hinfüro mangeln möchte, sollet Ihr jederzeit par Wechsel von mir zu gewarten haben, denn Livicarda wird Euch nebst ihrem eigenen Fleische und Blute nimmermehr Not leiden lassen. Nach einigen Jahren ist Euch die Zurückkunft unverwehrt, ja Ihr könnet sodann Euer Vergnügen vielleicht in reicherer Masse wieder finden als jetzt, da Ihr es vor verloren schätzet. Folget mir anjetzo, mein Merillo, denn Euer und mein Glück beruhet darauf, bleibt auch versichert, dass ungeachtet ihrer Vermählung mit einem andern Euch dennoch bis in den Tod beständig lieben wird.
L.v.c.A.
Es ist erstaunlich, wenn man das verzweifelte Gemüte einer solchen falschen Sirene betrachtet, welche zwar Honig im mund, Strick und Dolch aber in Händen führet. Wenn ich an des Merillo Stelle gewesen wäre, so hätte mich der Jachzorn ohn allen Zweifel dahin verleitet, Livicarden auf ihren Zimmer zu erschiessen oder sie aufs wenigste vor aller Welt zu prostituieren. Doch dieser hatte sich von der gesunden Vernunft und seinem eigenen Interesse regieren lassen, setzte demnach folgendes Schreiben an sie auf:
Tyrannische Dame!
Gestrenge Gebieterin der Henker
und Meuchelmörder!
Wisset, dass Euer verteufelter Anschlag, mich von zweien verkleideten Furien (wovon Ihr unfehlbar die dritte seid) mit Strick u. Dolch ums Leben bringen zu lassen, durch Schickung des himmels abermals rückgängig worden und nicht nach Eurem Wunsche abgelaufen ist; denn Merillo lebet noch, ungeachtet ihm der Hals bereits zugeschnüret und alle Gedanken vergangen waren. Ja, er lebt noch und vielleicht zu Eurem Unglück, wenigstens Spotte, Hohne und Verachtung bei der honetten Welt. Wisset ferner, dass, wo Ihr mir nicht heutiges Tages vor Untergang der Sonnen 6000 spec. Taler zu meiner Rekreation und zur Auferziehung Eures zur Welt gebrachten uneheligen Kindes, nächst diesen 1000 spec. Taler vor vier PerBegebenheit Wissenschaft haben, in mein Quartier anhero sendet, so will ich die in meiner Gewalt habenden Meuchelmörder morgen mit dem allerfrühesten in die hände der Justiz liefern und nebst Eingebung einer ordentlichen Specie facti der curieusen Welt solche Geheimnisse vor Augen legen, die sich der tausende Mensch von einer solchen person, wie Ihr angesehen sein