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Indem sich nun beide Verliebte vor ein Paar Eheleute ausgeben, wird das Kind, nachdem es frisch und gesund zur Welt gekommen, in einem dorf getauft. Livicarda pflegt daselbst drei bis vier Wochen ihrer Gesundheit, nach diesen lassen sie die alte Frau mit dem kind in besagten dorf und begeben sich wieder auf die Rückreise. Merillo begleitet sie bis nahe an den Ort, wo sie ihre Suite zurückgelassen, sodann gehet er genommener Abrede nach abermals zurück und nimmt das Kind nebst der alten Frauen und einer tüchtigen Amme mit sich nach Deutschland, bringet es bei gute Leute zur Auferziehung, mit dem Begehren, dass es als ein adeliches Kind traktiert und besorgt werden solle; hierzu deponiert er vorerst 500 spec. Taler, indem er von Livicarden noch einmal soviel empfangen hatte, und verlanget, dass man ihm wenigstens alle monat einmal von des Kindes Zustande Rapport abstatten solle.

Seinen Eltern gibt er bei dieser gelegenheit auch eine Visite, sagt ihnen aber von der Vermehrung ihres Geschlechts nicht das geringste. Da aber dieselben sich über sein jählinges Avancement zum höchsten verwundern, gibt er bei ihnen vor, er sei einsmals des Nachts von einem Gespenste aufgeweckt worden, welches ihm anbefohlen, gleich aufzustehen und mitzugehen, weil er in dieser Nacht denjenigen Schatz heben könne, welcher ihm bescheret sei, widrigenfalls würde dieser Schatz nach sieben Jahren einem andern zuteil werden. Er als ein Soldat habe demnach das herz gefasset und wäre dem Gespenste gefolget, welches ihm den Schatz frei und sicher heben und hinwegtragen lassen, auch weiter nichts von ihm verlangt, als dass er jährlich auf diesen Tag zum Gedächtnisse des gehobenen Schatzes sein Hemde ausziehen und dasselbe einem armen Menschen geben solle.

Ich weiss nicht mehr zu sagen", sprach hier der Lieutenant, "was er seinen Eltern und Befreundten noch mehr vor Wind vorgemacht, denn es fehlete ihm niemals an geschickten Einfällen. Er lässt aber ein gut Stück Geld zu haus, worgegen ihm liegende Güter verschrieben werden, den usum fructum aber schenkt er seinen Eltern, bis er nach gebüsseter Soldatenlust wieder nach haus käme. Nachdem er nun die Sachen in seiner Heimat behörig eingerichtet, verkaufte er die Kutsche und die Pferde, bis auf drei tüchtige Reitklöpper, gab den ausländischen Bedienten eine raisonable Belohnung, schenkte ihnen die Liberei, die sie nur wenig Wochen getragen, mit auf den Weg, nahm sich einen Reitknecht aus seiner Vaterstadt an, der ihn zugleich als Laquais bedienen konnte, und reisete, nachdem seine Urlaubszeit beinahe verflossen, wieder zum Regimente.

Das Liebesspiel mit Livicarden fing er also aufs neue an, jedoch muss er auf ihr banges Zureden mehr Behutsamkeit als anfänglich gebrauchen, weilen ihr ohngelegen, dergleichen Fatiguen so bald wieder auszustehen und einen solchen Hazard zu wagen, der vielleicht nicht so glücklich ausschlagen dürfte als der erste. Solchergestalt war nun Livicardens Trauerzeit, und zwar noch ein grosser teil drüber, auf eine ganz plaisante Art verbracht. Es melden sich zwar, wie schon gedacht, verschiedene standesmässige Freier, muss aber einer nach dem andern mit einem Korbe abziehen, weil sie vielleicht von keinem unter allen vermuten können, dass er so geschickt sei, sie zu vergnügen, als Merillo. Endlich kommt ein junger feiner Herr namens Ch. mit seiner Werbung bei Livicarden angestochen, zu diesem bekömmt dieselbe Appetit, weiln er dem Merillo an Jahren, Gestalt und galanten Wesen ziemlich zu gleichen geschienen, an Reichtum aber übertraf er fast die Livicarda selbst; allein sie will dennoch nicht eher zuschlagen, bis sie vorher ihrem Trampelgalan mit guter Manier abgeschaffet hat.

Merillo, welcher zwar vor wie nach seine Aufwartung noch bei Livicarden machen muss, merket jedoch gar bald, dass er, nur um ihre Brunst zu löschen, Notknecht sein müsse, indem er nicht des zehenden Teils mehr so zärtlich traktiert und karessiert wird als vorher. deswegen fängt er an, sich einigermassen über ihre Kaltsinnigkeit zu beklagen und ihr vorzurücken, dass sie vielleicht seiner überdrüssig sein müsse, indem sie gemeiniglich nach vollbrachten Liebesspiele einen besonderen Ekel gegen seine person spüren liesse, worauf Livicarda freimütig bekennet, dass sowohl das staates- als ihr eigenes Interesse erforderte, die Anwerbung des Herrn G. von Ch. nicht auszuschlagen, sondern ihm die ehelige Hand zu geben; deswegen würde er, Merillo, sie nicht verdenken, wenn sie sich gewöhnen müsste, sich seiner nach und nach zu entalten, inzwischen würde sie das mit ihm genossene Liebesvergnügen beständig in geneigten Andenken behalten und allezeit eine gute Freundin von ihm verbleiben.

'Wohl gut, Madame!' sagt Merillo mit einer etwas ernstaften stimme und Miene, 'ich muss mir gefallen lassen, meine Glückseligkeit und Vergnügen, zu welchem ich plötzlich und unverhofft gelanget, auch plötzlich und unverhofft wiederum zu quittieren, schätze mich auch verbunden, vor Dero Interesse mehr als mein Vergnügen aufzuopfern, und bin bereit, das letzte Adieu von Ihnen zu nehmen, doch bitte nur vorher von Ihnen Ordre aus, ob die Frucht Ihres Leibes zum bürgerlichen oder adelichen stand erzogen werden soll.' Sie lässt durch Gebärden nicht undeutlich spüren, dass sie sich über diese Reden alteriert, gehet aber, nachdem sie ihn noch ein wenig warten heissen, in ein Nebenzimmer und kommt erstlich nach Verlauf einer halben Stunde wieder zurück, da sie denn mit einer negligenten Miene zu ihm spricht: 'Ich bin voritzo nicht imstande, Euch zu kontentieren. Gehet dieses Mal hin, ich will Euch bei nächster Zusammenkunft in allen Satisfaktion geben.' Er macht sein Kompliment und gehet ziemlich trotzig seiner