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mit teuren Schwüren, dass dieses ihre erste geheime Zusammenkunft wäre, und setzet noch hinzu, dass er sich zeitlebens noch mit keinem Frauenzimmer fleischlich vermischt habe. Hierauf erkundigt sie sich wegen seiner Charge, Herkommens und anderer seine person betreffenden Umstände, und da er sie dessen allen mit wohlgesetzten Worten und manierlichen Gebärden berichtet hat, sagt sie endlich mit lachenden mund: 'Ich glaube Euch alles wohl, nur daran zweifele ich, dass Ihr noch ein reiner Junggeselle seid.'

Dieses nun versichert Merillo nochmals mit den kräftigsten Worten, worauf Livicarda mit einer verliebten Miene spricht, dergleichen Wildpret wäre etwas Rares und viel zu delikat vor ein armes fräulein. 'Wo mich mein Spiegel nicht betrügt oder ich mir nicht selbst schmeichele, so hielte ich mich fast um ein gut teil wohlgebildeter als meine Rosinde. Wie gefiele Euch demnach der Tausch, Merillo, wenn Ihr anstatt Rosinden mich karessieren dürftet?' 'Madame!' antwortete Merillo, 'Sie suchen vielleicht ein Wort von mir herauszulocken, welches mir das Leben kosten soll; doch muss ich bekennen, dass mir dergleichen übermenschliche Schönheit, wie die Ihrige ist, zeit meines Lebens noch nicht vor Augen gekommen, ich aber bin ein Wurm gegen Dero unvergleichliche person und geniesse mehr als zu vieles Glück, wenn ich nur den Staub zu Dero Füssen küssen darf.' 'Eurer Gestalt und Geschicklichkeit nach', versetzte Livicarde, 'wäret Ihr würdig, ein geborner Prinz zu sein, demohngeacht aber, wo Ihr vernünftig lieben und schweigen könnet, so stehet Euch bei mir dasjenige Vergnügen offen, welches Ihr diese Nacht bei Rosinden zu finden verhofft habt, saget demnach kürzlich Eure Meinung und was Ihr Euch selbsten zutrauet.'

Bei so gestalten Sachen hielt Merillo mit der Resolution nicht lange zurücke, sondern gab die Livicarden wohlgefällige Erklärung mit zitterender Freude von sich, worauf sie selbst ihm den ersten Kuss gab, ihn nach einigen verliebten Tändeleien bei der Hand nahm und eine Treppe hinunter in ihr Schlafzimmer führte, wo er auf den gehabten Schrecken erstlich einen guten Trunk von einer köstlichen Herzstärkung tun, hernach sich kommode machen und bei Livicarden, ihrer Meinung nach, die ersten Proben seiner Tapferkeit im Venuskriege ablegen musste.

Er hat mir", sagte hier der Lieutenant, "teuer zugeschworen, dass ihm damals 1000mal besser um die Leber gewesen als bei seiner alten Wirtin auf dem Heuboden; allein er hätte solches eben nicht nötig gehabt, denn ich konnte es ohnedem wohl glauben sowohl als dieses, dass beide keinen Schlaf in ihre Augen kommen lassen, bis endlich der anbrechende Tag erinnert, dass es Zeit sei, voneinander zu scheiden, da ihm denn Livicarda die Verschwiegenheit nochmals bei Verlust seines Lebens eingebunden, diese erste Visite mit einer guten Handvoll Dukaten, die sie ihm in den Hut gelegt, belohnet, auf folgende Nacht seine Wiederkunft durch eine kleine Gartentür, die sie ihm bezeichnet, verlanget und also diesen wohlbestellt befundenen Venusritter fortwandern lässt.

Solchergestalt hatte sich nun Merillo das gestörte Liebesvergnügen bei Rosinden gar nicht gereuen lassen, dieses arme Mägdgen aber hat selbige Nacht ihre heisse Liebesglut in einem kalten Gewölbe abkühlen müssen, folgenden Morgens aber ist sie in einen zugemachten Wagen gesetzt und 16 Meilen von dannen zu den Ihrigen geführt worden, weswegen denn Merillo dieselbe nach der Zeit nicht wieder zu sehen bekommen.

Livicarda lebte, wie ich bereits gemeldet, als eine Wittbe, indem ihr Gemahl, mit dem sie kaum zwei Jahr in einer sehr vergnügten Ehe gelebt, an einer Blutstürzung nur etwa vor einem halben Jahre plötzlich gestorben war. Sie war sehr schön, ihres Alters ungefähr 21 bis 22 Jahr, darbei stark bemittelt. Es hatten sich zwar schon verschiedene Freier bei ihr antragen lassen, allein sie mochte bei jedweden etwas auszusetzen haben, indem sie sehr eigensinnig war, jedoch weil sie sehr propre und delikat lebte, konnten die wollüstigen Liebestriebe wohl ohnmöglich aussen bleiben, deswegen suchte sie sich in geheim zu vergnügen, vor den Leuten aber wusste sie sich dergestalt zu verstellen, dass man hätte glauben sollen, es wäre ihr an nichts weniger als an dem Venusspiele gelegen, wie sie denn auch noch niemals gesegnetes Leibes gewesen war, allein die öftern Umarmungen des muntern Merillo verursachten, dass sie binnen wenig Wochen bei sich verspürete, wie sie zwei Lebern im leib hätte. Es stiegen ihr dieserwegen verschiedene Grillen in den Kopf, doch alles dieses gibt der Liebe zu dem Merillo nicht den geringsten Stoss, welches er daraus abmerken konnte, da sie ihm immer eine starke Geldsumme über die andere in die Taschen steckte, welches er denn nicht übel anlegte, sondern vermittelst desselben erstlich die Fähndrichs- und etwa drei oder vier monat hernach die Lieutenantsstelle erhielt, auch einen kavaliermässigen Staat führte.

Mittlerweile wird ihrer beider Liebe und die nächtlichen Zusammenkünfte dergestalt geheim praktiziert, dass kein Mensch das geringste davon erfähret, da aber die Zeit ihrer Niederkunft immer näher herbeikömmt, tritt sie eine Reise in ein anderes Königreich an. Merillo erlangt zu gleicher Zeit Urlaub, auf etliche Monate in seine Heimat zu reisen, also kommen sie beide an einem bestimmten Orte zusammen, wo Livicarda ihre Bagage und übrigen Bedienten zurücklässet, weiter aber niemand mit sich nimmt als eine einzige vertraute Frau und ein getreues Mägdgen, die von Jugend auf bei ihr erzogen worden. Merillo, der sich Wagen und Pferde, ingleichen zwei fremde Bedienten angeschafft, führet sie also etliche 50 Meilen weit in das fremde Land hinein, so lange bis der junge Merillo sich zu stark reget und das fernere Reisen verhindert.