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zu suchen, weil sich das vergrabene Geld oftermalen zu verrücken pflegte. Da sie aber nicht nachlässet, ihm diesen Raub auf den Kopf schuld zu geben, fähret er plötzlich mit andern Worten heraus und spricht: 'Du alte Bestia! kannst du mir so wohl erweisen, dass ich dich bestohlen habe, als ich dir dartun will, dass du, um deine Geilheit desto sicherer auszuüben (worzu du mich sozusagen bei den Haaren gezogen hast), eine Mörderin an deiner einzigen Tochter worden bist? Warte, warte!' spricht er ferner, 'ich will dich altes Luder bald in Schindershänden sehen, weil du mich als einen ehrlichen Unteroffizier zum Diebe machen willst.' Hiermit springt er auf, ziehet seine Kleider an und will zum haus hinausgehen, allein die Alte, welcher das Gewissen schlägt, fällt zu seinen Füssen und bittet mit Tränen, ihr kein Unglück über den Hals zu ziehen, sie wolle gern alles vergessen und, ob sie gleich an dem plötzlichen tod ihrer Tochter unschuldig, ihm doch noch 100 spec. Taler schenken, nur dass sie durch ihn nicht in bösen Verdacht und Nachrede gesetzt würde. Merillo lässt sich nach langen Weigern endlich besänftigen, nimmt die 100 Taler noch mit und verspricht, ihr weder Guts noch Böses nachzureden, gehet zum haus hinaus, lässt seine Sachen durch ein paar Musketiers nachholen und kommt nachher nicht wieder zu ihr, erfähret aber wenig Wochen hernach, dass sie in einem hitzigen Fieber in grösster Raserei dahingestorben sei.

Solchergestalt konnte er sich nun seines erworbenen Geldes etwas freier bedienen, doch fing er seine Sachen recht klug an, indem er vorgab, es wäre in seiner Heimat ein naher Anverwandter von ihm gestorben, welcher ihm zu seinem Avancement unter der Miliz ein ziemliches Kapital vermacht hätte. Nebst seiner guter Aufführung machten die geheimen Spendagen, dass er bald hernach Feldwebel wurde, da er sich denn so galant als der beste Oberoffizier aufführete. Er besuchte den Fecht- und Tanzboden fleissig, zeigte viel Courage; seiner guten Conduite wegen waren ihm aber auch diejenigen gewogen, welche einesteils ursache gehabt hätten, ihn zu beneiden und sich feindselig gegen ihn zu erzeigen.

Wegen seiner propren Aufführung und wohlgebildeten person nun verliebte sich ein Kammerfräulein einer gewissen vornehmen Dame, die als Wittbe in der Stadt lebte, wo wir in Garnison lagen, in unsern Merillo. Ich will die Dame bloss Livicarda und das Kammerfräulein Rosinde nennen. Diese Rosinde kann nicht ruhen, bis sie mit Merillo zu sprechen kommt. Es geschicht endlich dieses durch Vermittelung einer alten Frau zum ersten Male, als von ungefähr, in einem Garten. Beide Personen gefallen einander, werden deswegen ihres verliebten Krams bald einig, worauf denn Merillo von seiner Geliebten einsmals um Mitternachtszeit in ihrer Gebieterin, der Livicarden Palast, ja sogar in ihre Schlafkammer geführt wird, wo sie im grössten Vergnügen eine Bouteille Wein und allerlei Sorten von Konfekt miteinander verzehren. Indem sie sich aber anschicken, die allersüsseste Kost der Liebe zu geniessen, öffnet sich ganz plötzlich die Tür, welche Rosinde zuzuschliessen vergessen. Livicarda kommt selbsten hineingetreten und spricht: 'Siehe da! ihr artigen Herzgen, trifft man euch also hier beisammen an. Beschimpft ihr solchergestalt meinen Palast? Rosinde! wollet Ihr schon Euren Jungferkranz durch einen Soldaten zerreissen lassen? Und Ihr!' so redet sie den Merillo an, 'wer seid denn Ihr? Ich bitte um Vergebung nur derentwegen, dass ich Euch ein standesmässiges Bad kann zubereiten lassen. Traget Ihr nicht mehr Respekt vor eine solche Dame, wie ich bin, als dass Ihr Euch unterstehet, eine von ihren Fräuleins zu schänden?'

Merillo will zwar seine Verantwortung und untertänigste Bitte um Gnade vor Livicarden kniend verrichten, doch dieselbe höret ihn nicht, sondern ergreift Rosinden beim arme und schleppt sie fort aus der stube, verriegelt dieselbe und spricht, er solle nur Gedult haben, sie wolle ihm etwas anders weisen. Dass dem guten Merillo nicht allzuwohl bei der Sache gewesen sein müsse, ist leicht zu glauben; er hatte die Fenster betrachtet, um herunterzuspringen, allein sie sind zu hoch und dazu mit eisernen Stäben verwahret, auch ist die Tür dergestalt befestiget, dass er sie nicht aufbrechen kann. Ob nun zwar sein Verbrechen keine Todsünde war, so wollte ihm doch schon im voraus von einer scharfen Züchtigung und starken Prostitution träumen, deswegen blieb er über eine Stunde lang in den allerängstlichsten Sorgen und Bekümmernissen sitzen; nach Verlauf derselben aber stellet sich die zwar sehr schön, doch darbei sehr zornig aussehende Livicarda wieder ein und redet ihn mit folgenden Worten an: 'Wohlan! freveler Soldat! hieraussen vor meiner Tür stehen vier bewehrte Knechte, getrauet Ihr Euch mit Euren Degen durchzuschlagen, so waget Euch hinaus, die Türen meines Palasts sind geöffnet, dass Ihr weiterkommen könnet.' Merillo fällt abermals zu ihren Füssen, bittet um Gnade, stellet vor, es würde ja einer solchen irdischen Göttin, welcher lauter Güte und Barmherzigkeit nebst andern unaussprechlichen Annehmlichkeiten aus den Augen leuchteten, eben nicht mit einer Handvoll seines Bluts gedienet sein, zudem so wäre ja das Verbrechen, worzu ihn die hitzige Jugend verleiten wollen, noch nicht vollführet worden etc. etc., worauf Livicarda mit einer etwas gnädigern Miene spricht: 'Rosinde hat mir bereits gestanden, wievielmal ihr Unzucht miteinander getrieben habt; werdet Ihr nun auch in diesem Stücke die reine Wahrheit bekennen, damit ich höre, ob Eure Reden übereintreffen, so soll Euch dennoch ein teil meiner Gnade angedeihen.'

Merillo bekräftiget demnach