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, woferne sie es verlangte, seiner Charge zu resignieren, damit er an seinen ihr allein gewidmeten Diensten nicht verhindert werde. Allein sie erlaubt ihm bis auf fernere Verabredung, nur noch eine Zeitlang seine Charge zu behalten, sich aber nur sonsten ihrem Willen und Verlangen gemäss zu bezeigen. Hierauf langet sie ein Messer, schneidet ihm die Stricke an Händen und Füssen entzwei, umarmet und küsset ihn aufs zärtlichste, führet hernach den halberstarreten Gefangenen in ein propre meubliertes und warmgemachtes Zimmer, erquicket denselben mit vortrefflichen Herzstärkungen, bestreicht und bereibt seine geschwollenen arme und Schenkel mit den kostbarsten Balsamen und Spiritibus, legt ihn saubere Nachtkleider an und zeiget ihn hernach ein grosses sauberes Bette, wohinein er sich legen muss.

Seine nunmehrige Aufführung und verliebtes Bezeigen hatte die Dame dergestalt kontentiert, dass sie ihn persuadiert, fünf Tage und ebensoviel Nächte in geheim bei ihr zu bleiben. Weiln er nun aufs propreste von ihr traktiert und aufs zärtlichste karessiert wird, kommt ihm diese Lebensart je länger je angenehmer vor; die Madame von C. aber ist nicht weniger vergnügt, weiln sie sich in ihren Gedanken nicht geirret, sondern in reicher Masse bei ihm gefunden, was sie gesucht.

Inmittelst, weiln des Fähndrichs F. Diener nicht zu sagen wusste, wie es mit seinem Herrn zuginge und wo derselbe hingekommen wäre, so wusste man beim Regimente nicht, was man von ihm denken sollte. Viele gerieten, in Betrachtung, dass er jederzeit sehr zur Melancholie inklinieret habe, auf die Gedanken, ob er sich wegen Beraubung seines Geldes, Verlust der Pferde und anderer Equipage nicht etwa aus Desperation ersäuft oder sonsten auf eine andere Art ums Leben gebracht habe. Man forschete deswegen fleissig nach seiner person, um dieselbe entweder lebendig oder tot ausfündig zu machen. Allein es war alle Mühe vergebens. Endlich am sechsten Tage kam er wieder zum Vorscheine und meldete sich am allerersten bei mir, weil er wohl wusste, dass ich ihm wohl geneigt war. Er entschuldigte seine fünftägige Abwesenheit mit einem besonderen Zufalle, der ihm wider seinen Willen begegnet wäre, auf so lange Zeit ein Arrestante zu sein. Da nun ich dieserhalb einen ausführlichern Bericht von ihm verlangte, bat er inständig, ihn damit zu verschonen, weiln er, um sein Leben zu retten, einen schweren Eid ablegen müssen, diese Begebenheit noch zur Zeit niemanden zu erzählen und noch viel weniger vor sich selbst Rache auszuüben. Ich liess ihn als einen bekannten Grillenfänger passieren und deprimierte alles, obgleich verschiedene wunderliche gespräche über sein Aussenbleiben geführt wurden. Jedoch er gab durch seine nachherige Aufführung denen, die ihn vorher gekannt hatten, Materie zu weitern Nachsinnen. Denn von nun an merkte ein jeder gar leicht, dass das melancholische Wesen den Fähndrich F. ganz und gar verlassen hatte, gegenteils war aus ihm ein vollkommener Sanguineus worden. Er besuchte wider seine Gewohnheit die stärksten Compagnien, traktierte zum öftern, tanzte, spielete, schaffte sich die propresten Kleider, vier der schönsten Pferde, hielt zwei Kerl, in summa, er tat es allen Subalternen fast zuvor. Dieses alles aber kam aus der Frauen von C. Beutel hergeflossen, denn da sie ihn das erste Mal von sich gelassen, hatte sie ihm ein Päckl., worin 500 Dukaten, mit auf den Weg gegeben, anbei versprochen, dass, wo er sich ferner wohl halten und seinem Versprechen nachkommen würde, dieses nur ein kleiner Anfang ihrer Erkenntlichkeit sein solle, denn es war ihr nur allzuviel an einem jungen Sohne gelegen, damit, wenn ihr gebrechlicher Gemahl aus dieser Welt spazierte, sie alles sein Vermögen fein beisammen behielte.

Dieser ihr Mann brachte seine meiste Zeit bei den Gesundbrunnens, warmen Bädern und Doctoribus zu; ausserdem aber, wenn er sich etwas bei Kräften befand, mehrenteils auf seinen Rittergütern, deren er neun erb- und eigentümlich besass. Sie, die Gemahlin, hingegen, unter dem Vorwande, dass sie ausser ihrem Palais in der Stadt keine Nacht recht ruhig schlafen könne, vertreibet mittlerweile die Zeit mit ihren Galans, worunter, wie schon gemeldet, das Glück oder Unglück auch unsern Fähndrich F. führet, und weil es zutrifft, dass sie dreiviertel Jahre nach der mit ihm aufgerichteten nahen Bekanntschaft mit einem jungen Sohne niederkömmt, hat er, seinem eigenen Geständnisse nach, binnen Jahresfrist über 2000 Reichstaler Wert von ihr geschenkt bekommen.

Allein man pflegt im gemeinen Sprichworte zu sagen: Der Krug gehet so lange zu wasser, bis ihm der Henkel abbricht; und dieses war bei beiden Verliebten auch richtig eingetroffen, denn weil ihr Liebesverständnis so vielen Domestiquen bekannt wird, die Frau von C. aber zuweilen sehr barbarisch mit ihren Leuten umzugehen gewohnt ist, als mag eins von denselben endlich auf Revanche bedacht sein und dem Hausherrn aufrichtig entdecken, was seine Gemahlin vor eine Lebensart führet.

Der alte Herr wird ziemlichermassen in Harnisch gejagt, begreift sich aber in der Bosheit und studiert auf Mittel und Wege, wie er seine Frau nebst ihrem Galane plötzlich überfallen möchte. Er erreicht endlich seinen gewünschten Zweck und betrappelt beide in aller Stille, da sie, von allzuheftiger Liebesarbeit ermüdet, im süssesten Schlafe liegen. Wie er nun vorher schon alle Anstalten dazu gemacht, als werden beide an Armen und Beinen gebunden und aus dem Bette auf den Boden geworfen, so dass sie sich kaum ermuntern und begreifen können, wie ihnen geschicht. sechs Kerls stehen mit entblössten Schwertern und aufgespanneten Pistolen um sie herum, der erzürnte Corniger wendet sich mit einem entblösseten Dolche zu dem Fähndrich F. und spricht