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Keller den grausamsten Frost empfindet, vermerkt er mehr als zu wohl, dass es kein blosser Traum sei. Nachdem er nun über zwei Stunden lang in solchen schmerzhaften Zustande da gelegen, erblickt er eine person in einem langen Nachtkleide, die durch eine kleine Treppe zu ihm von oben herunterkommt. Es hat dieselbe einen silbernen Leuchter mit darauf brennenden Wachslichte in der Hand, tritt gerade gegen ihn über und hält ungefähr folgenden Sermon: 'Verdammter Hund! Welcher Wolf hat dich erzeuget, oder welcher Bärin Brüste hast du gesogen, dass du so unempfindlich gegen meine heftige Liebe gewesen bist? Doch nein! du musst nicht einmal von wilden Tieren herstammen, dann diese lassen sich öfters noch leichter bewegen, die Menschen zu lieben, sondern die höllischen Furien, als Feinde des menschlichen Geschlechts, müssen dich geboren, erzogen und in die Welt geschickt haben. Elender Sklav! du hast meine Gewogenheit und übermässige Liebe verschmähet, deren du nimmermehr würdig bist, ja du hast eine Dame verächtlich traktieret, vor welcher noch fast täglich einer, der zehenmal besser ist als du, sich zur Erden wirft und nur um einen günstigen blick bittet. Vermaledeieter Molch! vergiftender Basiliske, du hast mich niemals sehen und dennoch töten wollen, voritzo tue deine schändlichen Augen auf und betrachte mein gesicht, ob, ungeachtet ich jetzt voller Zorn und Grimm bin, ein einziger Zug darinnen zu finden, der wider das Muster der Schönheit ist. Beschaue, du Nichtswürdiger! meinen ganzen Leib und erwäge, ob es der natur wohl möglich sei, ein zärtlicher und zierlicher Frauenzimmer zu bilden?' Unter diesen Worten hatte sie das Licht vor sich niedergesetzt, den Schlafrock aufgeschlagen und ihren blossen Leib, der auch nicht einmal von einem Hembde bedeckt gewesen, hergewiesen. 'Sage an!' redet sie ferner, 'wo siehest du einen Flecken, der dir einen Ekel erwecken, im Gegenteil nicht das allerunempfindlichste Herz zur Gegenliebe reizen könnte? Siehst du allhier nicht den kurzen Begriff aller Annehmlichkeiten? Urteile demnach, ob sich derjenige nicht glücklich zu schätzen hat, dem ich dieses alles aus Liebe freiwillig in die arme liefern wollte. Dir war es bestimmt, du schändliches Krokodil! nunmehr aber hast du anstatt des Genusses aller dieser Delikatessen und meiner brünstigen Liebe, nebst reichlicher Belohnung, nichts anders als die grausamste Marter und den allerschmählichsten Tod zu hoffen. Du hast mich entblösset gesehen, aber zu deinem Verderben, und sterben musst du nunmehr gewiss, damit niemand auf der Welt leben möge, der sich rühmen könne, er habe die von C. nakkend gesehen. Ich habe mir vorgenommen, dich in diesem Gewölb verhungern und erfrieren zu lassen, jedoch wenn du mir die Wahrheit bekennest, warum du einen solchen besonderen Ekel gegen meine person bezeiget, kannst du vielleicht noch mit einer etwas gelindern Todesstrafe begnadiget werden.'

Der armselige Fähndrich hätte hierauf antworten sollen, es war ihm aber unmöglich gewesen zu reden, weilen seine Diebe ihm ein solches Instrument in den Mund gesteckt, welches ihm den Gebrauch der Zunge und Lippen verhindert. Die erzürnte Dame vermeinet, er wolle ihr aus Trotz nicht antworten, tritt ihn deswegen mit dem fuss in die Seite, knirschet mit den Zähnen und sagt: 'Höllischer Drache! Bist du noch so verstockt und willst mir nicht einmal antworten? Warte! ich will dir noch in dieser Nacht mehrere Würkungen meines Zorns empfinden lassen.' Hierauf gibt er mit Brummen und Brausen zu verstehen, dass ihm etwas im mund stecke. Demnach nimmt ihm die Frau von C. selbiges heraus, da ihm denn die Angst ungefähr folgende Worte in den Mund gibt: 'Schönste Göttin! ich gestehe es, ich habe den Tod verdienet, indem ich zwar nicht aus Ekel und Verachtung, sondern aus blosser Einfalt und knechtischer furchtsamer Einbildung Dero englische Schönheit anzubeten verabsäumet. Ich schwere, dass ich Dero unvergleichlich wohlgebildetes Angesicht zu sehen niemals das Glück gehabt, und wäre es auch geschehen, so würde ich doch, als ein von natur sehr blöder Mensch, in meiner Einbildung noch vielmehr gestärkt worden sein, dass man mit mir als einer schlechten person ein bloss Possenspiel zum Zeitvertreibe vornehmen wolle. Erbarmen Sie sich deswegen meiner und lassen mich auf eine gelinde Art vom Leben zum tod bringen, denn mein Leben würde mir ohnedem zur Last gereichen, da ich ein solches Engelsbild gesehen und mich des würklichen Liebesgenusses bei demselben unachtsamerweise selbst verlustig gemacht habe.'

Solche und dergleichen herzbrechende Reden bewegen endlich die erzürnte Dame zum Mitleiden, so dass sie fragt: 'Liebt Ihr mich denn nunmehr?' Der arme Gefangene kontestiert aus Angst mit noch tausenderlei schmeichelhaften Worten, dass er nunmehr in diesen wenigen Minuten zum allerersten Male den heftigsten Liebesaffekt bei sich, und zwar gegen ihre person empfunden (ungeachtet ihm die Bande an Händen und Füssen ziemliche Schmerzen verursachten), da er doch sonsten von Jugend auf ein Abstemius von Frauenzimmer gewesen und von den Leidenschaften der Liebe befreiet geblieben. 'Einfältiger!' sagte die Dame hierauf, 'damit Ihr sehet, wie ich, jedoch wider meine gewöhnliche Art, voritzo mit Euch leichter zu versöhnen als fernerweit zum Zorne zu reizen bin, so soll Euch vor diesmal nebst Eurem Leben meine Liebe und Gnade geschenkt sein, jedoch mit dem Bedinge, dass Ihr Euch verpflichtet, sooft ich Euch rufen lasse und Ihr keine erweisliche höchst wichtige Verhinderungen habt, Eure Visiten bei mir abzulegen'

Der angstvolle Fähndrich F. williget alles ein, was sie ihm vorschreibt, erkläret sich auch sogar