1738_Schnabel_089_13.txt

den deutschen Kaufleuten Mons. Hopffern und Bachmeiern anzusuchen, dass sie ihm Vorschub tun und beförderlich sein möchten, bei ihren Priester zu beichten und zu kommunizieren. Denn es hatten zu damaligen zeiten diese Kaufleute zu Venedig einen in Augspurg ordinierten protestantischen Priester bei sich, welcher, um nicht erkannt zu werden, in coleurten Kleidern einherging.

Jedoch wieder auf Elbensteinen zu kommen, so hatte er sein bellendes Gewissen durch diesen Vorsatz einigermassen beruhigt, so dass er auch ein paar Stunden schlafen konnte. Allein was ist doch das Herz eines wollüstigen Menschen vor ein veränderliches Ding! Denn als er kaum wieder erwacht war, kam die alte Ruffiana und brachte ihm von der Baronne eine versiegelte Schachtel nebst einem beweglichen Abschiedskompliment; ja sie konnte nicht genugsam beschreiben, wie kläglich und jämmerlich sich diese schöne Dame gebärdet, dass sie sich so plötzlich von ihrem liebsten Kavalier getrennet sehen sollte. Endlich aber habe sie sich damit getröstet, dass ihr Anschlag, auf eine Zeitlang nach N. zu reisen, die schönste und beste gelegenheit zuwege bringen würde, ihren geliebtesten Kavalier wiederzusehen und seiner Liebe zu geniessen. In dieser Hoffnung wäre sie mit ihrem Gemahl diesen Morgen abgereiset, nachdem sie ihr mit einer wehmütigen Miene nochmals zu verstehen gegeben, alles wohl auszurichten.

Elbenstein gab seiner gewöhnlichen Générosité nach der Alten noch ein wichtiges Trinkgeld, so dass sie hiermit allein vor ihre gehabte Mühe vollkommen wohl zufrieden sein konnte, ungeachtet er nicht zweifeln durfte, dass die Dame dieselbe gleichfalls reichlich genug beschenkt haben würde. Da ihm aber das alte Rastrum ganz ungewöhnliche und recht lächerliche Danksagungskomplimente machte, wurde er endlich ganz froh, dass dieselbe ihrer Wege ging. Sobald sie fort, schloss er die Tür seines Zimmers ab, brach die versiegelte Schachtel auf und fand zuoberst darinnen einen mit Blut beschriebenen kleinen Zettel, der ihm folgende Worte zu vernehmen gab:

Mein Auserwählter!

In Ermangelung der Dinte steche ich mit einer Nadel so oft in die Finger, bis ich Euch, wiewohl mit einer elenden Feder, zuschreiben kann, dass Ihr der einzige seid, den ich auf dieser Welt im allerhöchsten Grade liebe; dieses ist vor diesmal genug gemeldet. Nehmet dieses wenige als ein Zeichen meiner Treue und zum mich nicht im stand befinde, ein mehreres zu tun, liebt mich auch wenigstens nur halb so sehr, als Euch liebt

Eure

Getreue.

Bei so zärtlichen Ausdrückungen fing sein Herz schon wieder zu schmerzen an, und da er vollends ihr ganz ungemein akkurat getroffenes, in Wachs poussiertes Bildnis, welches in einer goldenen mit kostbaren Steinen besetzten Kapsel lag, fand, hatte er ein so heftiges Vergnügen darüber, dass er die dabeiliegende, mit lauter Zechinen angefüllte Tabatière sozusagen fast gar nicht in Betrachtung zog. Er stunde ganz entzückt und würde vielleicht noch in etliche Stunden seine Augen nicht von diesem Brustbilde gewendet haben, wenn nicht jemand gekommen wäre und an seine Tür geklopft hätte. Solchergestalt deckte er ein Schnupftuch über die schönen Raritäten und sah nach, wer vor der Tür wäre. Es war der Wirt, welcher fragte, ob ihm heute nicht beliebte zu speisen. Man hätte immer auf seinen Befehl gewartet, nunmehr aber, da es bereits zwei Stunden über Mittag wäre, bäte er nicht ungnädig zu vermerken, dass er anfragte. Elbenstein dankte vor die gute Vorsorge und entschuldigte sich damit, dass er über ein bei sich habendes Buch geraten wäre und sich dergestalt darinnen vertieft hätte, dass er weder nach der Uhr gehöret noch an das Essen gedacht hätte; nunmehr aber bäte er, die speisen aufzutragen. Dieses geschahe, der Wirt aber, so ihm aufwarten wollte, musste sich auf sein inständiges Verlangen an den Tisch setzen und mit ihm speisen, weilen Elbensteins Diener adrett genug war, beiden aufzuwarten. Unter währenden speisen kamen sie auch auf gut Gewehr zu reden, da denn der Wirt erzählete, wie vor etlichen Jahren ein Paar ungemein saubere Pistolen bei ihm versetzt worden, welche er gern wieder verkaufen wollte, wenn er nur seine Währgeld wieder bekäme, die Zinsen möchten immerhin zurückbleiben. Elbenstein bat, dass ihm der Wirt diese Pistolen nach Tische in den Garten bringen möchte, wo er sie besehen, probieren und nach Befinden einen Kaufmann dazu abgeben wolle. Nach abgetragener Mahlzeit war der Wirt nicht faul dazu. Elbenstein befand die Pistolen ungemein sauber und judizierte, dass sie kein Geringer geführt haben müsse, er bemerkte auch aus ein und andern, dass sie nicht uneben schiessen müssten, machte demnach die probe, liess sich von dem Wirte einen Zirkel mit Kreite auf ein Brett machen und schoss nach dem Mittelpunkte, welcher etwa so gross als ein Kaisergulden war. Nun meinete zwar der Wirt, Elbenstein ziele nach dem gemalten Mittelpunkte, dieser schlaue Fuchs aber hatte sich zu seinem Zweck einen Ast erwählt, welcher mehr als einer Spanne lang von dem Mittelpunkte entfernet war, traf auch denselben zu seiner innerlichen Freude akkurat. Jedennoch rief er: "Das war gefehlt, aber einmal ist keinmal, ich muss es mit jeder noch dreimal probieren." Er tat solches, traf aber niemals in den Zirkel, weil er sich allemal ausser demselben ein besonderes Fleckgen merkte, welches er denn keines Messerrückens breit verfehlte. "Ewig schade!" sagte Elbenstein demnach, "dass diese saubern Pistolen nicht akkurat schiessen." Der Wirt, welcher sich auch ein guter Schütze zu sein bedünken liess, schoss mit jeder Pistole auch dreimal, kam zwar zweimal in den Zirkel, doch lange nicht nahe genug an den Punkt, weswegen er sich zwar geschickter