Tage darauf wieder nach hof kommen und seine Funktion verrichten durfte, Elbensteinen hingegen dergleichen nicht widerfuhr, so entschloss er sich, nachdem er erstlich mit dem von B. als seinem Kontrapart seine Sache durch ein ordentliches Duell auf der W.-Grenze ausgemacht, seine Dimission an selbigem hof zu fordern, indem er deutlich spüren konnte, dass sich die durchl. Herzogin ganz kaltsinnig und ernstaft, kurz zu sagen, ungnädig gegen ihn erzeigte. Es kam ihn bei so gestalten Sachen die Lust an, mit obgedachten durchl. Erbprinzen, bei welchem er wegen des vor seine hohe person nicht beobachteten Respekts untertänigst depreziert und Pardon erhalten hatte, mit in die Kampagne nach Brabant zu gehen.
Die ohne einzige Diffikultät dazu erhaltene Einwilligung gab ihm sattsam zu verstehen, dass man ihn gerne los sein wollte, worüber er sich aber als ein Fladdergeist wenigen Kummer machte, indem er einen wohlgespickten Beutel und standesmässige Equipage hatte, über dieses wusste, dass er sich von dem variablen Gemüte dieser Fürstin niemals weder beständige Gnade noch Dienste versprechen könnte, da dieselbe mit ihren Bedienten gar zu öfters zu changieren gewohnt war und diejenigen, denen sie wenig Stunden vorher alle Gnadenzeichen erkennen lassen, wegen Klatscherei einer geringen Waschmagd oder einer verlogenen Kammerfrau und anderer dergleichen Postenträger und Beiläufer sogleich auf den Platz mit dem Abschiede zu regalieren pflegte.
Ein französischer Refugié, welcher an diesem hof in Diensten stunde, schrieb dieses Sentiment an einen seiner guten Freunde in französischer Sprache, welches man aber nur ins Deutsche vertiert anhero setzen will:
'übrigens lebt man allhier in kontinuierlicher Unruhe, und wie die Sonne selbsten ihre Gebrechen und Flecken hat, also mögen hohe Personen eben nicht gerühmet werden, als wenn sie eine unvergleichliche Vollkommenheit besässen. Man gibt der Canaille gar zuviel Gehör und glaubt einer klatschhaften Kammerfrau oder andern lüderlichen Dirne alles, was sie sagen, welche doch nicht wert sind, von so hohen Standespersonen angesehen zu werden. Bisweilen ist man gar zu leichtgläubig und bisweilen gar zu argwöhnisch. Man liebt die Neuerung und vergisset leichtlich der guten und getreuen Dienste. Der Geistlichkeit lässt man, ich weiss nicht aus was vor Ursachen, gar zu sehr den Zügel schiessen, welches ein erschreckliches Unheil verursachet. Schlüsslich will man vor sehr gerecht gehalten und ästimiert sein, ohne denen, die es bedürfen, Recht widerfahren zu lassen' etc.
Demnach reisete Elbenstein ganz getrost und vergnügt von diesem hof ab, indem er ein solches Humeur hatte, das sich bald fassen konnte, er liess sich auch der Fräul. von R. Tränen und kläglich Tun um soviel weniger zu Herzen gehen, je mehr sie an der von der Herzogin auf ihn geworfenen Ungnade teilhatte, und zwar durch ihre unbedachtsame Offenherzigkeit und unzeitiges Verlangen, Elbensteinen in das Garn des Ehestandes zu ziehen. Die angenehme Gratiana aber verliess er nicht ohne Wehmut und schrieb derselben zu guter Letzt unter tausend Küssen in ihr Liederbuch folgende
Aria:
1
Vergiss mein nicht! mein holdes Tausendschön, Dies will ich dir zum Angedenken schenken. Mein Schicksal heisst mich ferne von dir gehen, Es ist umsonst, den strengen Schluss zu lenken, Es muss so sein, drum bitte ich dich, mein Licht,
Vergiss mein nicht.
2
Vergiss mein nicht! mein Tausendschön, mein
Licht!
Vergiss mein nicht! Magneten ziehen das Eisen. Vergiss mein nicht! Ach ja! Vergiss mein nicht, Vergiss mein nicht! muss ich gleich von dir reisen; Vergiss mein nicht, mein Tausendschön, mein
Licht!
Vergiss mein nicht.
Die artige Gratiana war in ihrer Liebe so bescheiden, klug und heimlich gewesen und hatte diejenigen freien Handlungen, so zwischen ihr und Elbenstein bei Nachte vorgegangen, dergestalt geschicklich verborgen, dass zwar jedermann ihrer Schönheit wegen glauben konnte, dass dieser Kavalier ein Auge auf sie hätte, durch ihre Modestie aber von allen wollüstigen Ansinnen zurückgehalten wurde, deswegen bliebe sie bei den allermeisten Leuten in besonderen Kredite, als ob sie zwar höflich und freundlich mit Mannespersonen umgehen könnte, darbei aber ihre Ehre zu konservieren wüsste. Allein, wie der äusserliche Schein gemeiniglich zu betrügen pflegt, so war es auch hier mit der Gratiana beschaffen. Unterdessen setzte ihr Elbenstein noch folgende Reimzeilen zum Angedenken auf:
1
Mein Schicksal, dem ich nicht kann widerstreben,
Heisst mich im Lieben heimlich sein,
Drum geb ich mich geduldig drein,
Gewohnheit lehrt auch Sklaven ruhig leben.
Mein Engel weiss, ob gleich der Mund nicht ächzet,
Dass bloss nach ihm mein brennend herz lechzet.
2
Verhöhl' ich gleich die rosensüsse Lüste,
Die deine Anmut auf mich streut,
Mit strenger Eingezogenheit,
Und tu ich, als ob ich von dir nichts wüsste,
So muss mein Mund jedoch ganz heimlich sagen:
Wer also liebt, ist wirklich zu beklagen.
Der durchl. Prinz nebst dero bei sich habenden Suite, nachdem sie ihren Weg über Rotenburg an der Fulda, Hilgershausen, Gutensberg, Fritzlar, Wildungen, Frankenberg, Hatzfeld, Badenbruck, Hilgebach, Ehrensdorf, Römershagen, Ruhmburg, Cranecht, Köln, Bergen, Jülich, Ma[a]strich[t] und Löwen genommen, gelangete den 10. Jul. gesund und glücklich in Brüssel an und begaben sich, nachdem sie vier Tage daselbst ausgeruhet, in das nicht weit davon befindliche Campement der holländischen und anderer Auxiliairtruppen. Eines Tages, als Elbenstein alleine in seinem Zelte war und über seine seitero gehabten wunderlichen Zufälle und Fatalitäten allerhand Grillen gemacht hatte, zeichnete er endlich diese Verse in seine Schreibtafel:
1
Wenn langt einmal aus denen Unglückswellen Mein Herz am Port