jählings umfiel. Dieser und andere dergleichen Unglücksfälle waren sozusagen nur die Vorläufer weit grösserer und härterer Züchtigungen, die ihm sein Gewissen als wohlverdiente Strafen nunmehr zu erkennen gab. Die tägliche Konversation aber mit der charmanten Gratiana und die tendren Karessen, so er täglich von der liebenswürdigen fräulein von R. genoss, benebelten gleichsam seinen Verstand und gesunde Vernunft, so dass er seine Buhlschaftssünden und Verbrechen nicht eher bereuete und erkannte, bis die Unglückswetter ihn sozusagen auf allen Seiten bestürmeten. Denn als die fräulein von R. sich endlich überzeugt sah, dass ihre auf eine ehrliche Verbindung abzielende Liebe und Treue bloss mit einer schnöden Löffelei belohnet werden sollte und sie nur immer von einer Zeit zur andern bei der Nase herumgeführet wurde, auch Wind bekam, dass Elbenstein mit Gratianen, als seiner Wirtin Tochter, ebenso vertraut, ja wohl noch vertrauter und verliebter als mit ihr umginge, liess sie sich das darüber empfundene Betrübnis und Kummer dergestalt einnehmen, dass jedermann und sonderlich die Herzogin ihre Gemütskrankheit gar leicht wahrnehmen und erkennen konnte. Weiln nun die Herzogin dieses artige fräulein wegen ihrer besonderen Qualitäten und trefflichen Verstandes sonderlich wertielt, als melierte sie sich, nachdem sie das zwischen der Fräul. von R. und Elbensteinen angesponnene Liebeskommerzium in Erfahrung gebracht, selbsten in diese Affäre und bemühete sich, diese beiden Personen durch das Band der Ehe zu vereinigen, daher sie eines Tages, als sie sich auf ihrem Leibgedinge zu W. im Garten divertierte, Elbensteinen in besonders gnädigen Terminis zu verstehen gab, wie es ihr nicht missfällig sein würde, wenn er sich mit ihrer Kammerfräul. der von R. in ein ehrliches Verbindnis einliesse, indem sie angemerkt, dass beide einander wohl leiden möchten; wobei sich die durchl. Herzogin ferner erklärete, alles, was zu beiderseits Vergnügen und Wohlsein gereichen könnte, gnädig beizutragen, und wollte sie ihm hiermit nebst der Amtshauptmannsstelle zu S. auch die Oberhofmeister-Charge versprochen haben, weil ihr bisheriger Oberhofmeister bei ihrem Herrn Vater Kammerpräsident werden sollte. Sie, die noch jetzige Fräul. von R., sollte bei ihren Prinzessinnen Hofmeisterin sein und beiderseits ihre wohnung auf dem schloss haben.
Elbenstein wurde nicht wenig über den freien Anund Vortrag der Fürstin bestürzt, und weil die seiner getreuen L. geschworne Treue, welche bishero eine Zeitlang durch eine tadelhafte und strafwürdige Liebe ins Exilium vertrieben gewesen, bei dieser Begebenheit plötzlich zurückkam, so konnte er seiner (ausgenommen in Liebeshändeln) beiwohnenden Redlichund Aufrichtigkeit nach nicht anders, als der Herzogin offenherzig und aufrichtig bekennen, wie dass er schon seit zweien Jahren her sein Herz und Treue der Baronne von L. verpflichtet hätte, daher er herzlich bedauerte, dass er dieses sonderbaren Glücks und hoher Gnade nicht fähig sein könnte. Hierbei dankte er ihr Hochfürstl. Durchl. vor die gnädige Vorsorge ganz untertänigst, bat anbei, dieses sein freies Bekenntnis nicht in Ungnaden zu vermerken, sondern fernerweit seine gnädige Herzogin zu verbleiben.
Die Herzogin wurde durch Elbensteins Antwort, welche ihr so unvermutet kam, ungemein verbittert, sie sah ihn mit einem ernstaften Blicke an und sagte: "So sollte man auch ehrlicher Leute Kinder nicht so leichtfertigerweise mit allerhand Schmeicheleien bei der Nase herumführen und ihnen vergebliche Hoffnung machen." Hiermit wendete sich die Herzogin von ihm hinweg, ging in ein Gartenhaus, worin sich die Fräul. von R. befand, und schloss die Tür hinter sich zu. Bei so gestalten Sachen merkte Elbenstein gar leicht, dass sich sein Glücksrad bald verdrehen und sein Wohlstand sich zu grund neigen würde. Da es nun heisst:
Nulla calamitas sola,
Kein Unglück kommt allein,
Es will begleitet sein,
also erfolgte den andern Tag darauf eine neue Widerwärtigkeit. Es hatte nämlich der Fräul. von R. älteste Schwester sich mit dem Forstmeister B. ehrlich versprochen. Dieser nahm teil an der Beschimpfung, so Elbenstein der Schwester seiner Liebsten erwiesen, suchte deswegen auf alle Art und Weise gelegenheit, sich an ihm zu reiben. Er fand dieselbe endlich und schalt Elbensteinen in Gegenwart des Erbprinzens und der andern Kavaliers vor einen nichtswürdigen Kerl, welcher Affront Elbensteinen dermassen aus aller Contenance brachte, dass er des Respekts gegen ihr Durchl. vergass und in dero Zimmer dem von B. eine solche derbe Maulschelle gab, dass er sich um und um drehete. Da nun solchergestalt alle beide sich gewaltig vergangen und zugleich den Burgfrieden violiert hatten, so wurde einem jeden in seinem Quartiere eine Soldatenwacht gesetzt.
Elbenstein vertrieb seine Zeit mit Büchern und der Poesie, unter andern machte er damals folgende
Aria:
1
Ach schmerzliches Lieben und flüchtiges Glücke! Ihr seid es, die mich jetzt so kirre gemacht. Im Anfang gabt ihr mir sehr liebliche Blicke, Nun werde ich von beiden so schnöde veracht. Ach! Liebe und Glücke, wie steckt ihr voll Tücke? Ihr habt mich, ach leider! zu Falle gebracht.
2
Ach Stunden! wo seid ihr? ja leider! verschwunden, wo ich in einem recht englischen Schoss Sehr öfters so süsses Entzücken gefunden, Indem mich der Himmel der Wollust umschloss, Da mich der Cupido so lange gebunden, Bis dass mir vor Anmut die Seele entfloss.
3
Was ganz vor unmöglich sonst wurde betrachtet, Das ward mir durch hülfe der Liebe ganz leicht, Worüber ein Herkules wäre verschmachtet, Das hab ich durch hülfe des Glückes erreicht.
Drum schaut doch! wie Liebe und Glücke betreugt.
Mittlerweile wurden sowohl Elbenstein als B. jeder von seiner Charge auf sechs Wochen suspendiert. Weil aber B. gleich acht