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bezeugte sowohl im Namen ihrer Mutter als vor sich selbst ein herzliches Mitleiden wegen des ihm zugestossenen Unfalls, und zwar auf eine so bewegliche Art und in obliganten Terminis, dass Elbenstein gleich urteilen konnte, wie von seiten der Mutter eine mitleidige Vorsorge, von seiten der Tochter aber die Liebe an dieser Besuchung teilhabe.

Weil nun Elbenstein vorwitzig war und probieren wollte, wie weit er es bei diesem wohlgewachsenen, mit ein paar schönen schwarzen Augen, küssenswerten Lippen und rot mit weiss vermischten angenehmen Antlitze von der gütigen natur begabten Frauenzimmer bringen könne, so ersuchte er sie, nach vorher abgestatteter Danksagung vor die gütige Vorsorge, sich bei seinem Bette ein wenig niederzulassen, bis sein Diener das Essen vom schloss gebracht hätte. Sie gehorsamete ganz willig und bat, nur zu befehlen, worin sie ihm dienen könne. Elbenstein druckte ihr die Hand und sagte zugleich, dass ein solches charmantes Frauenzimmer, wie sie wäre, das meiste zu seiner Genesung kontribuieren könne, daher er jetzt erfahren wollte, ob sie gütig oder hart mit ihm zu verfahren gewillet sei, unter welchen Worten er sie zärtlich umarmete und auf den weichen Rosen ihrer Lippen etliche Küsse anbrachte. Sie sah ihn mit gleichsam schmachtenden Blicken an, und unter einem oft wiederholten Ach! vergönnete sie ihm nicht allein viele Liebesfreiheiten, sondern forderte ihn endlich durch etliche hitzige Küsse, so ihre zarten Lippen mit der schönsten und einer recht bezauberenden Geschicklichkeit anzubringen wussten, zu noch etwas Ernstafftern heraus, und Elbenstein, welcher nicht gewohnt war, zu dergleichen verliebten Bravaden lange stille zu sitzen, machte sich schon fertig, als die zur Treppe herauf kommende Mutter, welcher ein schwindsüchtiger Husten anstatt des Furiers vorlief, alles verstörete und dieses vorseiende Duell unterbrach, man konnte aber aus denen erröteten Wangen, funkelenden Augen und in Unordnung gebrachten Haaren sattsam urteilen, dass die Keuschheit bei beiden in grösster Gefahr gewesen wäre. Weil aber die gute Mutter erstlich haussen vor der stube auf dem saal etwas verschnauben und recht aushusten wollte, gewann sowohl die schöne Gratiana als auch Elbenstein Zeit und Raum, sich zu rekolligieren und alles wieder in ziemliche Ordnung zu bringen.

Gratiana nahm ein leeres Glas in die Hand, ging heraus auf den Saal, eilete aber nach der etwas dunkeln Treppe zu und fragte die mit dem trockenen Husten sich noch katzbalgende Mutter, wo der Kellerschlüssel wäre, indem der gnädige Herr einen Trunk von ihrem Hausbiere verlangete, und da sie solches erfahren, eilete sie vollends die Treppe hinunter in den kühlen Keller, wo sie die verdächtige übrige Röte vollends verlor. Elbenstein war über diese mit der artigen Gratiana so geschwind gemachte Liebeskundschaft dergestalt vergnügt, dass er die folgende Arie verfertigte:

1

Unvergleichlich schönes Wunder!

Harter Herzen Liebeszunder!

Deiner Anmut Glanz und Schein

Macht die Liebe selbst verliebet;

Der ist härter als ein Stein,

Der sich dir nicht ganz ergibet.

2

Meine Freiheit ging verloren

In dem Kampf mit zweien Mohren.

sehe ich deine Augen an,

So hab ich schon die gefunden,

Die mir Fesseln angetan

Und mich völlig überwunden.

3

Doch ich will gefangen leben

Und der Freiheit mich begeben;

Meine Ketten sind so schön,

Dass sie allen Freiheitsschätzen

Nicht nur an der Seite stehen,

Sondern mich weit mehr ergötzen.

Als nun endlich aber Gratiana mit dem Biere heraufkam und ihr langes Aussenbleiben damit entschuldigte, dass sie erstlich nicht sogleich den Kellerschlüssel finden und vors andere auch kein Licht bekommen können, indem die Magd die Küche zugeschlossen und den Schlüssel zu sich gesteckt hätte, als sie von der andern Schwester verschickt worden, ging die alte Mutter zugleich mit in die stube, und weil der Diener zu gleicher Zeit das Essen vom schloss brachte, nahm sich Gratiana die Mühe selbst, solches zu wärmen und aufzutragen. Elbenstein ersuchte Mutter und Tochter mit zu speisen, welches sie endlich nach einiItaliäner etliche Bouteillen Frontignac langen, welcher bei seinen Gästen den gewünschten Effekt tat, denn die Mutter, welche nur ein einziges Gläsgen zuviel getrunken hatte, hielt vors ratsamste, sich in die Unterstube zu begeben, um ein wenig zu ruhen. Gratiana hingegen, weil sie vollends vom Weine erhitzt war, erlaubte Elbensteinen alle Freiheiten, deren er sich bei ihr gebrauchte; jedoch dieser ging sehr behutsam, und zwar aus Furcht, damit er nicht etwa von einem kleinen Zeugen ihrer Liebespossen dereinsten überführt werden möchte.

Tages darauf reisete die Herzogin nach T., da unterwegs Elbenstein, weil die fräulein von Z. sich zur Herzogin in die Kutsche setzen müssen, mit der angenehmen fräulein von R. vertraulich zu sprechen und sich in Küssen zu ergötzen die schönste gelegenheit hatte. Mit solchen Beschäftigungen ward die Zeit auf beiden Seiten höchst vergnügt zugebracht, welches Vergnügen bei Erblickung der Stadt T. zwar auf kurze Zeit unterbrochen wurde; doch hatten sie den Trost und Hoffnung, bald wiederum gelegenheit zu finden, ihr Liebesspiel ungehindert fortzusetzen, weswegen sie beiderseits ein munteres und lustiges Wesen an sich nahmen, mitin ausser dem Verdachte blieben, dass sie genauer miteinander bekannt wären.

Bei solchen wollüstigen Ausschweifungen gedachte Elbenstein wenig oder gar nicht an seine getreue und von der sehnsucht gequälte Fräul. von L., traf also das Sprichwort: Aus den Augen, aus dem Sinne, bei ihm am ersten und besten ein.

Allein nunmehr konnte die Gerechtigkeit des himmels dieses unbeständigen Wetterhahns strafbare Untreue und Unbeständigkeit nicht länger ungestraft lassen, daher schickte sie ihm ein und andere Unglücksfälle zu, worunter auch dieser mit begriffen war: dass ihm sein bestes Pferd, so 150 Reichstaler gekostet,