ihm nachmals einen solchen Ekel vor dieses sonst recht liebenswürdigen Fräuleins person verursachte, dass er nach der Zeit auf alle nur ersinnliche Art und Weise jederzeit die gelegenheit vermieden, mit ihr zu konversieren, worüber das gute Kind unter ernstlicher und unaufhörlicher Bereuung ihrer Leichtsinnigkeit unzähliche Tränen vergossen, welches er aber, als ein rechter Wetterhahn im Lieben, sich wenig oder gar nicht zu Herzen gehen liesse, hergegen leichtsinniger- und irraisonnablerweise sich über ihre Einfalt mokierte, nunmehr aber neugierig war, sein Liebsglück und Verhängnis bei der Fräul. von R. zu erfahren. daher er, als er in Hh. ziemlich früh von dem Herrn von B., weil die andern alle noch schliefen, ordentlichen Abschied genommen und sich vor alle erwiesene Höflichkeit und Güte hofmässig bedankt, sich zu Pferde setzte und zu rechter Zeit in M. anlangete.
Er stattete noch vor der Tafel seinen mündlichen untertänigsten Bericht bei seiner Herzogin ab, und dieselbe gab in besonders gnädigen Terminis zu vernehmen, wie sie in allen Stücken mit seiner Aufführung sehr wohl zufrieden wäre. Allein Elbenstein war ein Schalk, denn da er heraus ins Vorgemach kam und wohl wusste, dass die beiden Kammerfräuleins von K. und Z. bald durchpassieren müssten, setzte er sich auf einen am Fenster stehenden Lehnestuhl, legte den Kopf rückwärts und stellte sich, als ob ihm eine Ohnmacht oder Steckfluss befiele, spielete auch diesen Streich dergestalt witzig, dass es der allerklügste Medicus hätte glauben müssen. Die beiden Fräuleins trafen ihn also in diesem Zustande an, fragten, was ihm fehlete, da er aber die Augen im kopf verdrehete und ein Zeichen gab, dass er nicht antworten könnte, lief die Fräul. von Z. sogleich zur Herzogin ins Zimmer, um aus dero Apotekgen, welches jederzeit in Bereitschaft stunde, einen herzstärkenden Spiritum zu langen; da ihm inzwischen die fräulein von R. ein mit Schlagbalsam angefülltes Büchselein vor die Nase hielt, seine Schläfe und Pulse an den Armen mit diesem Balsam salbete und ihm zu allem Überfluss drei derbe Küsse auf den Mund versetzte. Diese letztere kräftige Medizin würkte so viel, dass der chicanierende Elbenstein plötzlich die Augen aufschlug, der Fräul. von R. sanfte die Hand druckte und mit schwacher stimme sagte: "Ach mein Engel!" Ihre gleichfalls ganz leise Antwort war: "Ach mein wertester Elbenstein!"
Indem brachte die Fräul. von Z. den Spiritum, von welchen die fräulein von R. etwas auf ein in ihr Schnupftuch gemachtes Knötgen goss, auch seine Stirne, Schläfe und hände damit bestrich, jedoch es schien dennoch, als ob die Lebensgeister nicht so bald zurückkehren wollten; demnach bezeugte die durchl. Herzogin in eigener hoher person das gnädige Mitleiden gegen ihm, dass sie selbst aus ihrem Gemach heraustrat und ihm eine Schale voll Arzenei brachte, welche er austrinken musste. Er fand sich oder stellte sich vielmehr hierdurch auf einmal erquickt, dankte in schuldigster Devotion vor die gnädigste Vorsorge, welche ihr Durchl. vor dero untertänigsten Knecht gehabt; worauf die Herzogin befahl, dass er in ein bequemes Zimmer gebracht und aufs beste verpflegt werden sollte, trug auch den beiden Fräuleins auf, fleissige Nachfrage nach ihm tun zu lassen. Der verstellete Patient liess sich des andern Morgens vernehmen, wie er sich völlig restituiert befände, allein die Herzogin liess ihm sagen, wo er vermerkte, dass sein Malheur noch nicht völlig vorbei, könne er immer zu haus bleiben und seine völlige Gesundheit abwarten; daferne er aber ja im stand, in ihrer Suite mit nach H. zu gehen, solle er bis vor die Stadt mit in der fräulein Kutsche fahren, um seine Gesundheit desto besser zu menagieren. Elbenstein liess sich nochmals untertänigst, und zwar durch das Fräul. von R., vor die ihm erzeigte besondere Gnade bedanken und um Erlaubnis bitten, dass er sich in sein Logis begeben dürfte, um sich reisefertig zu machen, weil er sicherlich glaubte, dass sich sein ganzes Malheur durch die empfangenen köstlichen Medicamenta gänzlich verloren hätte.
Da aber sein Bedienter und der fräulein Aufwärterin sich aus dem Zimmer begeben hatten, stattete er der schönen Fräul. von R. die verbindlichste Danksagung vor ihre gehabte Mühe und Vorsorge ab und beteurete dabei, dass eines solchen englischen Fräuleins gütiges Mitleiden und persönl. geleistete hülfe ihn am meisten gestärkt und das Leben erhalten hätte. "Ach! mein wertester Elbenstein", antwortete das fräulein, "könnten Sie nur in mein herz sehen, so würden Sie von meiner gegen Sie hegenden aufrichtigen und unverfälschten Neigung die vollkommenste Versicherung finden." Nach diesen Worten nahete er sich ihr in einer Ecke des Erkers, und als er sie auf die verliebteste Art etlichemal geküsset, welches die fräulein aus gütiger Erkenntlichkeit auf gleiche Art wieder vergalt; ja sie liessen ihren Affekten nach in etwas weiter den Zügel schiessen, bis sie endlich von den ankommenden Bedienten in der Hauptsache gestöret wurden, wobei keine Partei sagen konnte, dass sie etwas gewonnen oder verloren hätte.
etwa eine Stunde hernach, als das fräulein von ihm Abschied genommen hatte, kam ein herzogl. Kutscher und meldete, wie der Wagen bereits angespannet wäre, um den Herrn von Elbenstein in sein Logis zu führen. Er hielt sich demnach nicht lange mehr auf, sondern fuhr fort. Sobald er aber in seinem Logis angelanget war und seine Wirtin die ihm auf dem schloss zugestossene Unpässlichkeit erfuhr, schickte sie ihre älteste Tochter hinauf zu ihm in sein Zimmer, wo ihm dieselbe im Schlafrocke auf dem Bette liegend antraf. Sie