ihre Zusage aufhübe und widerrufte? Wer weiss, ob sie noch so getreu und beständig ist, als du dir einbildest und schmeichelst? Vielleicht hat sie in dieser Minute etwa mit einem galanten Kavalier ein angenehmes gespräche, trifft also wohl das Sprichwort bei ihr ein: Aus den Augen, aus dem Sinne. Solche und dergleichen Gedanken, welche zugleich von einer Eifersucht begleitet wurden, setzten den armen Elbenstein in solche heimliche Unruhe und Bekümmernis, dass, wo er auch nur war, er sein heimliches Anliegen nicht so wohl verbergen konnte, dass man es nicht einigermassen an ihm hätte merken sollen, daher eines Tages, als er nebst andern Kavaliers und Dames zur Baronne von D.T. auf eine Abendmahlzeit invitiert worden, die eine Kammerfräulein von R. ihn auf eine besondere anmutige Art fragte, was doch immermehr schuld daran wäre, dass er niemals recht aufgeräumt zu sein schiene, sie wünschte so glücklich zu werden, etwas zu seinem Contentement beitragen zu können. Hiernächst wollte sie ihm im Vertrauen eröffnen, wie ihre gnädigste Herzogin schon vor einigen Tagen erwähnet, wie sie an ihm ein besonderes Anliegen verspürete und darbei gesagt hätte, ihr Kammerjunker müsse entweder an dem Orte, wo er in Diensten gestanden, etwas liebes zurückgelassen oder allhier etwas haben, so ihn charmierte, oder aber mit der Gage nicht zufrieden sein. Anbei hätten ihr Durchl. sich noch gnädigst verlauten lassen, dass seine guten Qualitäten wohl meritierten, dass ihm in den letzteren zwei Punkten geholfen würde.
Elbenstein fand sich über dieses Gespräch einigermassen betroffen, jedoch rekolligierte er sich alsobald und gab vor, dass nicht allein sein Temperament dergleichen douce Aufführung mit sich brächte, sondern er hätte sich auch auf der letzteren beschwerlichen Reise dergestalt strapaziert, dass er sich noch bis dato nicht vollkommen rekolligieren können. Da man ihn aber in andern Verdacht ziehen wollte, so könne er das gnädige fräulein mit gehorsamsten Respekt versichern, wie er versichert wäre, dass, wenn eines von ihr Durchl. erwähnten Stücken an seiner Aufführung schuld sein sollte, sowohl das gnädigste Erbieten ihr Hochfürstl. Durchl. als auch der gnädigen fräulein gütiger Wunsch capable sein würden, ihn in vollkommene Zufriedenheit zu setzen. Weilen er aber aller dreier Stücke halber sich unschuldig befände, so wollte er sich befleissigen, durch Gebrauch dienlicher Mittel sein Temperament zu korrigieren und sich ein munterer Wesen anzugewöhnen. Mittlerweile wurden die speisen aufgesetzt, und kam er zwischen der Baronne von D.T. und ihrer fräulein Tochter an der Tafel zu sitzen.
Diese war eine sonderbare Liebhaberin der deutschen Poesie, liess sich also mit Elbensteinen dieserhalb in einen Diskurs ein, und da sie bemerkte, dass er ebenfalls ein starker Liebhaber davon wäre, indem er sehr wohl davon zu raisonieren wusste, so ersuchte sie ihn, ihr etwas von seinen poetischen Sachen zu kommunizieren, auch ihr öfters die Ehre seines Zuspruchs zu gönnen. Er machte dieserwegen ein verbindliches Kompliment und gab zu vernehmen, wie er es vor eine besondere Glückseligkeit schätzen würde, dero Befehlen ein Genüge zu leisten und bei solcher kostbaren gelegenheit von ihrer unvergleichlichen Wissenschaft in diesem Scibili zu profitieren, anbei überlieferte er ihr einige Reime, die er selbiges Tages aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt hatte und also lauten:
1
Erdrücke mich doch nur, du grasses Ungelücke, Erzürnter Himmel, töte mich, Zermalme mich nur jämmerlich, Es ist doch auf der Welt nichts mehr, das mich
erquicke.
Die Menge meiner Qual und Pein Reisst mir Vernunft und Sinnen ein,
2
Ich weiss ja gar nichts mehr von lachen, Lust und
Freuden,
Der Gram ergötzt mich nur allein, Der Kummer ist mein Sonnenschein, Mein mattes herz fühlt ein immerwährend Leiden, Weil alles mich zu fällen tracht. Ich sehe nichts als lauter Nacht, Da alles wettert, blitzt und kracht.
3
Es wüten immerzu die ungestümen Wellen Und werfen mich bald her, bald hin. Ach Grab! nach dir verlangt mein Sinn, Du kannst den müden Leib allein zufriedenstellen, Wenn er in dir so sanfte ruht, Befreit von aller Unglückswut, Von Sturme, Wetter, Flut und Glut.
4
Gewiss, ich gleiche recht dem sonst so stillen Meere, Das dennoch bald ein Sturm bewegt, Bis dass es grosse Wellen schlägt; Da es doch vor sich selbst wohl gerne ruhig wäre,
Indem die Last bald steigt, bald fällt
Und lauter Wut vor Augen stellt.
5
Ich mag, wohin ich will, mich kehren oder wenden, So kann ich keine Rettung sehen, Mein Schiffgen muss noch untergehn, Indem kein Hafen da, wo es könnte länden; Mein Schiff, das ohne Segel schwebt, Stets schlenkert, stauchet, zittert, bebt, Bis es sich in die Flut vergräbt.
6
Drum fliesst nur immer, fliesst, ihr heissen
Jammerzähren,
Ihr Augen, zollt die Tränenflut So lange, bis mein Herz und Mut Euch weder Saft noch Kraft noch Nahrung kann
gewähren;
Das falsche Glück verfolget mich, Die Hoffnung selbst verlieret sich, Drum komm, o Tod! ich bitte dich. Die Baronne, ihre Frau Mutter, welche diese Übersetzung zugleich mit durchlesen hatte, sagte lächlend: "Ich hätte nicht gemeint, dass sich der Herr von Elbenstein die Mühe geben können, etwas so Trauriges und Grässliches zu übersetzen; jedoch da ihm die Version in einer so traurigen Materie dergestalt wohl geraten, wäre ich curieus, etwas Lustigers oder Verliebtes zu sehen." Elbenstein versetzte, dass eben dieser Autor etwas, so von einer verliebten sehnsucht