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und in die Schweiz nach Basel geschafft. drei Tage hernach wurde Elbensteinen nebst verschiedenen andern Kavaliers und Bedienten der Abschied bis auf bessere zeiten durch den Baron von C. erteilet, welches sowohl dem Fürsten als den Abgedankten beinahe Tränen auspressete. Das schmerzliche Scheiden Elbensteins von seiner herzl. geliebten Fräul. von L. war dergestalt jämmerlich, dass auch die unempfindlichsten Gemüter solches ohne Mitleiden nicht ansehen konnten. Da nun aber täglich Zeitungen einliefen, dass sich die französische Armee der importanten Festung Philippsburg immer mehr näherte, so sah sich Elbenstein endlich genötiget, um der Gefahr und Plünderung zu entgehen, seine Retirade über den Nekkar nach Schorrendorf, einer württembergischen Festung zu nehmen, weswegen er sich zu seiner Abreise schickte, zuvor aber, ehe er den Ort verliess, wo seine andere Seele zurückbliebe, händigte er derselben folgende Reimzeilen ein: Ein kummervolles Herz, betränte Augenlider, Ein zwar verliebt, doch auch recht höchst betrübter

Sinn,

Ein Körper, der vor Schmerz und Jammer sinkt

darnieder,

Fällt jetzt, mein Engelskind, zu deinen Füssen hin. Mein Schreiben zeigt dir an: Ich soll von hinnen

ziehen.

Ach hartes Donnerwort! das mir das Schicksal

spricht,

Es soll dem Ansehn nach mein Glück und Wohl

verblühen,

Die Hoffnungsstütze fällt. Ich lebe und lebe nicht. Mein banges herz schwebt in grossen

Kummerwellen,

Es soll mein Liebesschiff durchaus zu grund

gehen,

Das Stürmen ist zu stark; bei diesen Unglücksfällen Kann nur allein die Treu auf festen fuss stehen. Mein sonst vergnügter Geist, die freudenvollen Augen sehen dieses sehnend an, was ich bisher geliebt, Sie baden sich mit Schmerz in bittrer Tränen Laugen, Kurz! Auge, Seel und Herz sind bis in Tod betrübt. Dem blassen mund will es nun an Worten fehlen, Ein immerwährend Ach! vergräbt sich selbst in

sich.

Mein Elend kann ich dir ausführlich nicht erzählen, Denn alle meine Kraft, ach! die verlässet mich. Drum schreibt die matte Hand in Ängsten diese

Worte:

Zu tausendmal Adieu! mein Trost, mein ander Ich, Bin ich dem leib nach gleich am entfernten Orte, So denkt mein herz doch beständig nur an dich. Nachdem nun der betrübte und verliebte Elbenstein seine Reise angetreten hatte und zu Pforzheim angelanget war, wurde ihm von guten Leuten geraten, dass, wenn er folgenden Tages den Wald passieren würde, wo sich etliche 1000 bauern zusammen rottieret, um den daherum streifenden französischen Parteien aufzupassen, er den rechten Flügel vom Mantel zurückschlagen sollte, weil dieses das Wahrzeichen oder Losung, dass man Freund wäre. Diesem Rate folgte Elbenstein zwar, er war aber kaum dieser Gefahr entgangen, so erblickte er, als er zu Cannstatt über den Neckar zu passieren willens und kaum noch etliche 100 Schritte von der brücke war, eine gewaltige Menge Soldaten auf derselben. Indem er sich nun nicht getrauete, weiter fort zu reuten und sich in Gefahr zu stürzen, nahm er den Weg zur rechten Hand, behielt aber den Neckar beständig im gesicht.

Als er nun über eine gute Stunde also fortgeritten, traf er einen Bauer an, welchen er sogleich fragte, ob er ihn nicht berichten könnte, was vor Völker in Cannstatt eingerückt wären, worauf der Bauer zur Antwort gab, dass diesen Morgen um vier Uhr zwei Regimenter französischer Dragoner sich daselbst einlogiert hätten und bei den Bürgern auf Diskretion lebten. Hierauf forschete Elbenstein weiter, wo er wohl den Neckar am sichersten passieren könnte, da denn der Bauer, weil er ihn vielleicht vor einen fürstl. württembergischen Bedienten hielt, sich erbot, ihn gegen ein Trinkgeld durch den Neckar und weiter auf den nächsten Weg nach Schorrendorf zu bringen. Elbenstein gab ihm sogleich einen Gulden, und der Bauer setzte sich auf das Handpferd, welches Elbensteins Diener führte, brachte ihn nicht allein glücklich durch den Strom, sondern auch auf einen nach Schorrendorf gehenden nähern Weg, als die ordinäre Landstrasse war, dass er also halb vier Uhr nachmittags in dieser Festung glücklich anlangete, von dannen brach er mit dem frühesten wieder auf, fütterte mittags in Schwäbisch-Gemünd und gelangete abends späte in Dünckelspiel an. Von dar setzte er seine Reise weiter fort auf Anspach, wo ihm von den beiden Prinzen, denen Herren Marggrafen daselbst, als er einige von dero Prinzessin-Schwester mitgegebene Briefe überantwortete, die zwei Tage, als er daselbst verharrete, viel Gnade und Ehre erzeiget ward. Hierauf nahm er seinen Weg nach Bayreut, woselbst er bei der Frau Marggräfin gleichfalls einige Schreiben überlieferte und auf gnädigsten Befehl des Herrn Marggrafens Hochfürstl. Durchl. etliche Tage verbliebe, endlich aber über Nürnberg nach C. und so ferner auf M. ging, wo er gleichfalls die von seiner gnädigsten herrschaft anvertraute Schreiben insinuierte und den andern Tag auf die in demselben entaltene Rekommendation von der Herzogin zu ihrem Kammerjunker angenommen ward.

Je retiréer er sich nun daselbst sowohl bei hof als in der Stadt bei dem Frauenzimmer aufführete, indem ihm seine geliebte L. beständig im Sinne lag, je mehr fanden sich Leute, die ihn auf eine recht verschmitzte Art folgende Gedanken in den Kopf setzten: Du suchest zwar (waren seine Grillen) der fräulein von L. getreu und beständig zu verbleiben, bist du aber von derselben auch dergleichen versichert? Deine Charge, die du voritzo bekleidest, ist nicht suffizient, eine Frau standesmässig zu ernähren; könntest oder wolltest du ihr also wohl verargen, dass, wenn sich bei solchen hal[b]wege eine avantageuse gelegenheit vor sie ereignen sollte, sie anderes Sinnes würde,