mit seinem bisherigen ruchlosen Leben wohl verdient hätte, nicht nach seiner Gerechtigkeit gestraft und wohl gar aus dem land der Lebendigen hinweggerissen. Er tat nachmals ein Gelübde, diese und dergleichen Missetaten fernerhin nicht weiter zu begehen, wie er denn auch, nachdem er nach haus gekommen war, ein paar Tage darauf zur beichte und heil. Abendmahle ging.
Durch diesen Zufall endigte sich auf einmal die strafbare Liebeswallfahrt, und Elbenstein wurde nicht wenig erfreuet, da ihm einige Tage hernach der Gräfin Leibkutscher als ein dieserwegen abgeschickter Expresser die Nachricht erteilete, wie nämlich den Tag nach seiner letzteren Visite sich ein gewisser Graf bei seiner gnädigen Gräfin als ein Freier melden lassen, worauf die Ehestiftung sogleich gemacht worden und das Beilager in 14 Tagen vollzogen werden sollte. Im übrigen überbrachte dieser liebes-Ambassadeur an Elbensteinen von der Gräfin einen gnädigen Gruss und zugleich den schriftlichen Abschied des Inhalts, dass er hinfüro seine Messures anders nehmen und sich ihrentwegen nicht ferner bemühen möchte. Er hatte zwar seine Reise- und Liebesbemühungen erstlich durch den siebenbürgischen Klepper, hernach mit einem stark bordierten Kleide, einer goldenen englischen Uhr, einem kostbaren Ringe, ihrem mit Diamanten besetzten Porträt, einem silbernen Degen, vortrefflich schöner Wäsche von holländischer Leinewand und brabandischen Spitzen, sodann auch noch mit einer Goldbeurse von 200 spec. Dukaten zieml. vergolten bekommen; doch alles dieses war kein Äquivalent gegen den Schaden, den er sich an seinem leib und Gewissen zugezogen hatte, indem er seine Gesundheit geschwächt und die seiner getreuen L. geschworene eheliche Treue so liederlich gebrochen hatte. Unterdessen, da sich diese Liebesintrigue geendiget, machte er Psalter, und unter andern ist auch folgende Arie, welche er auf seine nächtliche Liebesvisiten und Buhlschaft eingerichtet, nicht zu vergessen.
1
Komm, stille Nacht, mit deinem holden Schatten,
Verhülle doch der Sonnen Angesicht,
Verweile nicht!
Die sehnsucht will mein herz ganz ermatten,
Drum tritt mit dem Flor
2
Du nur allein bist's, der ich's darf vertrauen,
Warum mein Herz so sehnend seufzt und ächzt,
Warum es lechzt.
Bei Tage darf ich meinen Schatz nicht schauen,
Weil die Behutsamkeit
Es hart verbeut.
3
Lässt meine Glut sich denn nicht anders stillen,
Beim Tageslicht mein englisch Tausendschön
Recht anzusehn?
So will ich mich in deinen Flor verhüllen
Und löschen unerkannt
Den Liebesbrand.
4
Vergnüge mich mit deinen braunen Schatten,
Bei dir allein vertreibt man seine Zeit
In Süssigkeit.
Der Venus Zoll ist leichter abzustatten,
Man darf bei dir nichts scheun
Noch blöde sein.
5
Bei Nachte wird das feuergleiche Funkeln
Vom edlen Stein und hellen Diamant
Weit mehr erkannt;
Es küsset sich viel zärtlicher im Dunkeln,
Die Wollust trifft das Ziel
Durch das Gefühl.
6
Ich bin vergnügt, wenn statt der schönsten Rosen
Nur stets vor mich die Nachtviole blüht,
Und bin bemüht,
Die Venus stets, auch schlafend lieb zu kosen,
So labet meine Brust
Sich stets mit Lust.
Jedoch von nun an schlug sich Elbenstein die unordentlichen Liebesgrillen aus den Gedanken und wandte nunmehr alle seine Liebe und Treue einzig und allein der tugendhaften fräulein von L. zu, brachte auch das, was er bishero gegen sie missgehandelt, durch unverfälschte Karessen, wenigstens seinen Gedanken nach, alles wieder ein. Unterdessen, wie sehr sie ihn auch bat, so konnte sie doch von ihm nicht die eigentliche ursache seines Malheurs erfahren, indem er täglich blasser u. magerer wurde, sondern er gab nur dieses vor, dass die derzeitige ungemein grosse Hitze schuld daran wäre, indem er hierbei nicht den geringsten Appetit zum Essen empfände, auch sehr wenig schlafen könnte; er hoffe aber, sobald die grosse Hitze vorbei und die Nächte kühler zu werden beginneten, seine vollkommene Gesundheit wiederzuerlangen. Mittlerweile rückte der Tag Egidii herbei, welcher die sämtliche fürstliche herrschaft veranlassete, sich nach M. zu verfügen und die Brunftzeit über sich daselbst zu divertieren. Wie nun Elbenstein nebst der meisten Hofstatt mit dahin zu gehen beordert war, so hatte er die beste gelegenheit, mit seiner herzlich geliebten L. im vollkommensten Vergnügen zu leben, und diese brachte es bei ihrer Fürstin so weit, dass dieselbe bei ihrem Gemahle vor Elbensteinen die Oberamtmannsstelle zu BW. auswürkte. Sobald man aber wieder in der Residenz angelanget, sollte ihre Vermählung vor sich gehen, damit Elbenstein mit seiner Gemahlin das Amt an selbigen Orte beziehen könnte.
Es ist nicht zu beschreiben, wie höchst vergnügt damals dieses verliebte Paar lebte und sich täglich die angenehmsten Ideen von ihrem künftigen Ehestande und Hauswesen machte. Aber die guten Kinder mussten gar bald erfahren, dass nichts leichter verschwindet als der Menschen süsse Einbildungen und vermeintliches Vergnügen, ja es traf wohl recht das italiänische Sprichwort ein: Gli diletti humani son un sogno. Die menschliche Ergötzlichkeit ist ein Traum.
Denn es kam zu Ende des Septembr. der Kammerjunker Z., welcher sich in Elsass etliche Wochen auf seinen Gütern aufgehalten, nachts um zwölf Uhr mit einer Extrapost an und brachte die unangenehme Zeitung, dass die französische Armee in voller Bewegung wäre, um noch vor Eintritt des Winters die Festung Philippsburg zu belagern und zu erobern.
Dieses war ein harter Donnerschlag, durch welchen sowohl des Fürsten bisheriger florisanter Zustand als auch Elbensteins süsse Hoffnung, am D.-hof sein vollkommenes Glück zu machen, auf einmal in starken Verfall kam. Man brach, sobald der Himmel grauete, in grösster Bestürzung und Konfusion von M. auf, und sobald man zu D. angelanget, wurden nebst dem Silbergeschirre alle Kostbarkeiten eingepackt