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der Kutscher, ihre Nachtreise an, und führte ihn dieser durch einen Zwinger, worin die Gräfin zu ihrer Lust Hasen und Kaninichen hatte, nach dem sogenannten untern Turme, durch eine von hohen Rüstern gemachte Allee, dessen tür er mit einem Kapital-Schlüssel in möglichster Stille aufschloss und Elbensteinen etliche Stufen hinauf in ein sauber meubliertes Zimmer brachte, welches auf zweien Seiten Türen hatte.

In diesem Zimmer stunde ein schönes, auf französische Art gemachtes Bette und nicht weit davon eine kleine Ovaltafel, auf welcher etliche Schalen mit allerhand Confituren stunden. Auf einem andern Tischgen zeigten sich zwei Bouteillen, davon die eine mit Alikantenwein und die andere mit Limonade angefüllet war. Der alte Kutscher fragte, was ihr Gnaden zu trinken beliebten, da denn Elbenstein die Limonade erwählete und etwas von gebrannten Mandeln dazu ass. Mittlerweile hatte die Glocke zwölf geschlagen, deswegen kam bald hernach die Liebesgöttin in einem grünen, mit goldenen Blumen durchwirkten Schlafhabite hineingetreten. Der weite Ausschnitt des Kleides liess eine wohlproportionierte Brust sehen, die so weiss war als ein gefallener Schnee. Der Leibkutscher retirierte sich alsofort durch die andere Tür aus dem Zimmer, worauf denn unter diesen beiden Verliebten eine solche voluptueuse Unterhaltung passierte, dass man Bedenken trägt, selbige zu referieren, um unschuldige Seelen nicht zu ärgern.

Man meldet demnach nur mit wenigen, dass Elbenstein diese Liebesvisiten, sooft es das Wetter und seine herrschaftl. Bedienung (indem er der Reihe nach wöchentlich einen Tag und eine Nacht auf dem schloss bleiben musste) verstatteten, fast täglich kontinuieret, und ob er gleich diesen Weg, welcher beinahe zwei Meilen, mehrenteils in weniger als zwei Stunden mit seinem flüchtigen Klöpper reuten konnte, zumalen, wenn er den nächsten Weg durch den Wald nahm, so erwählete er doch lieber, den hinweg ausserhalb des Holzes auf die nahe aneinander liegenden Dörfer zu reuten, als sich in der Finsternüs durch den ungeheuren Wald zu wagen und sich ein oder andern Gefährlichkeiten mutwillig zu exponieren, zumalen wenn kein Mondenschein war. Den Rückweg hingegen, weil es alsdenn gegen den Tag ging, pflegte er gemeiniglich durch den Wald zu nehmen.

Es hatte nun dieses mehr auf Elbensteins als der verliebten Gräfin Seite untugendhafte Beginnen (indem dieser die seiner getreu beständigen und ihn wie ihre eigene Seele liebenden Freiin von L. geschworne Treue so freventlich und gewissenlose violiert und gebrochen) vom 12. Jun. bis 4. auge. (etliche wenige Tage wegen eingefallenen Regenwetters und seiner Bedienung wegen ausgenommen) gewähret, er wurde aber in Erwägung solcher allzustarken Strapazen dergestalt merode, dass wegen seiner blassen Farbe und Magerkeit die liebe fräulein von L. höchst bekümmert ward und zum öftern Tränen dieserwegen vergoss, indem sie sich einbildete, dass ihrem so herzlich geliebten Elbenstein eine gefährliche Krankheit anwandelte, allein er wusste sich bald mit diesem bald mit jenem gehabten Chagrin zu exkusieren und sie zu trösten, dass er vermittelst stiller Ruhe und dem Gebrauch bewährter Arzeneien bald seine vorige Farbe und Fleisch wiederbekommen wolle.

Endlich liess ihm der über seine Ausschweifungen erzürnte Gott eines Morgens auf seiner frevelhaften und sündlichen Rückreise sehen und hören, indem ihm am bemeldten 4. auge. ein entsetzliches Donnerwetter überfiel. Es türmete sich dieses, als er noch lange nicht die Hälfte des Waldes passiert war, unter entsetzlichen Blitzen und heftigen Donnerschlägen, auch einem grausamen Platzregen dergestalt auf, dass, ob er gleich nach aller Möglichkeit eilete, er dennoch das jenseit des Holzes gelegene Dorf nicht erlangen konnte, sondern durch und durch nass ward, hiernächst ward er in das äusserste Schrecken gesetzt, da immer ein Blitz und grausamer Donnerschlag auf den andern erfolgte, ja seine Bestürzung und Angst vermehrte sich noch weit grösser, da, sooft ein Blitz geschahe, sein Pferd mit ihm niederfiel und nachmals mit entsetzlichen rasenden Kapriolen wieder aufsprunge. Hierbei ist nun leichtlich zu ermessen, in was vor einem elenden Zustande sich Elbenstein damals müsse befunden haben, indem nicht allein der Leib durch den kalten Regen und seines Pferdes Wildigkeit heftig inkommodiert war, sondern auch sein aufwachendes Gewissen und die greulichen Blitze und Donnerschläge seine Seele und Gemüte mit rechter Höllenangst bestürmeten.

Als er nun in solcher Angst und Not fast an das Ende des Waldes gelanget war, auch das nächste Dorf bereits sehen konnte, geschahe ein solcher entsetzlicher Schlag in eine etwa 50 Schritte vor ihm am Wege stehende grosse Eiche, dass die Splittern und Äste herumflogen und das von dem schwefeligen Dampfe und starken Donnerschlage vollends ganz unbändig gewordene Pferd fast nicht mehr zu erhalten war, sondern weil es weder Zaum noch Gebiss mehr fühlen wollte, in grösster Rage mit ihm querfeldein lief. In dieser Verwirrung fiel ihm der Hut vom kopf, jedoch endlich gelangete er als ein halb Erstorbener in dem dorf an und dankte dem Himmel, dass das Pferd, als es ins Dorf kam, von seiner Wildigkeit etwas nachliess und etwas ruhiger wurde. Er stieg demnach vor dem wirtshaus ganz entkräftet ab, und weilen das Gewitter meistens vorbei war, indem sich das erschröckliche Donnern nur noch von weiten hören liess, gab er einem bauern ein Trinkgeld, welcher den Weg nach dem wald zu ging und ihm nach Verlauf einer Stunde seinen Hut wieder zurückbrachte. Die guterzigen Leute hingen seine Kleider an den Ofen, und der Priester des Orts, als ervernahm, dass Elbenstein ein Bedienter seines gnädigsten Landesherrn wäre, schickte ihm weisse Wäsche, Schlafrock und Pantoffeln. Als er sich nun in der Oberstube alleine befand, fiel er auf seine Knie und dankte Gott unter Vergiessung häufiger Busstränen, dass er ihn, wie er