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Befehlen und Verlangen aufs allergenauste nachzuleben. Hierauf schlich er mit aller Behutsamkeit heraus auf die Galerie und von dar hinunter in die Küche, von dannen, als er veranstaltet hatte, dass das gewöhnliche Frühstück gleich nachgebracht werden möchte, er sich wieder ins Vorgemach begab und seiner angenehmen Gräfin Herauskunft erwartete, welche kurz darauf die Tür eröffnete und ihn hineinzukommen ersuchte, worauf das Essen aufgesetzt ward, und als sie etwas Weniges davon genossen, begab sie sich, wie sie täglich zeit ihres Daseins zu tun pflegte, zur andern fürstl. herrschaft. Als nun der folgende Tag, welchen sie zur Abreise angesetzt, kaum angebrochen war, eilete Elbenstein zu seiner liebreichen Gräfin, welche, sobald sie ihn gehöret im Vorgemache herumgehen, im blossen Schlafrocke heimlich zu ihm herauskam und ihn unter vielfältigen Küssen andeutete, dass er auf die Galerie hinausgehen und achtaben sollte, wenn die Tür vom Schlafgemach aufgehen würde, da er sich denn kühnlich hineinbegeben möchte. Dieses geschahe etliche Minuten darauf, und das verliebte Letzen wurde mit solchen Handlungen verbracht, dass es die Venus selbst nicht verliebter hätte erdenken und ausfinden können.

Er musste ihr hierauf versprechen, noch diese kommende Nacht den Anfang seiner Liebesvisiten auf ihrem schloss zu machen, worzu sich eine gute gelegenheit präsentierte. Denn weil die andere anwesende frembde fürstl. Herrschaften dem Fürsten zu D. versprechen müssen, nicht eher als nachmittags abzureisen, so musste die Gräfin sich dieses gleichfalls gefallen lassen und ihren Abschied bis dahin aufschieben. Als aber endlich die sämtlichen Frembden solches nachmittags um zwei Uhr taten, befahl der Fürste dem von Elbenstein, die Gräfin bis auf die Grenze, welches ein Dorf, eine Meile weges von D. gelegen war, zu begleiten, da er denn gelegenheit hatte, Sr. Durchl. um gnädige Permission untertänigst zu ersuchen, dass er diese Nacht aussenbleiben möchte, weil er dem Herrn von S.A. als seinem guten Freunde einmal zuzusprechen schon vor etlichen Wochen zugesagt hätte. Als ihm nun solches erlaubt, befahl er seinem Knechte, dass er ein Billett zu dem Gastwirte vor dem Tore bringen, anbei mündlich sagen sollte, er möchte ihm doch den siebenbürgischen Klöpper, welchen er, der Wirt, von dem Rittmeister M. gekauft hätte, mit Sattel und Zeug zuschicken, indem er ihn nur probieren und morgen zurückschicken wollte. Der Inhalt des Briefes aber war dieser, dass der Wirt dem Knechte nicht sagen sollte, dass das Pferd Elbensteinen zu eigen gehörete, sondern vorzugeben, dass er, der Wirt, selbiges vor sich erhandelt hätte. Als nun Elbenstein dem erteilten gnädigsten Befehle zu untertänigster Folge die Gräfin bis an den bestimmten Ort begleitet hatte, beurlaubte er sich mit gebührender Reverenz von derselben, nachdem sie aber mit ihrer eigenen Suite fortgefahren, setzte er sich auf den Siebenbürger, dem Knechte aber befahl er, mit dem andern zwei Pferden wieder nach der Stadt zurückzureuten und morgen seiner Zurückkunft zu erwarten.

Er nahm seinen Weg seitwärts nach dem Holze zu, wandte sich aber, sobald ihm nur der Knecht aus dem gesicht war, auf die nach der Gräfin schloss gehende Strasse und folgte ihrer Kutsche immer, jedoch ganz von weiten nach, blieb auch im Holze so lange halten, bis er selbige nicht mehr sehen konnte, alsdenn ritt er Schritt vor Schritt nach dem nächsten vor dem Holze liegenden dorf, stieg daselbst in dem wirtshaus ab und verzohe so lange, bis die Sonne untergehen wollte, alsdenn eilete er vollends an den Ort, wo sein angenehmer Leitstern befindlich war, und gelangete in der Dämmerung in dem bei dem schloss liegenden Flecken an. Weil er aber nicht wusste, wo der gräfl. Leibkutscher seine wohnung hatte, so ging er selbsten, nachdem er sein Pferd in einen Gastof eingestallet, heraus auf die Gasse, fragte aber weder den Wirt noch dessen Leute, wo selbiger wohnete, sondern als er etliche Häuser von dem Gastofe hinweg war, erkundigte er sich bei einer ihm begegnenden Magd und gab derselben ein Trinkgeld, dass sie ihn zurechte wiese. Es fügte sich eben, dass der Leibkutscher vom schloss kam, welcher ihn denn mit grossen Freuden empfing und seine Frau alsobald zur Gräfin schickte, um derselben Elbensteins Ankunft melden zu lassen. Diese kam nach Verlauf einer halben Stunde zurück und brachte in einem Korbe etliche Schüsseln mit den delikatesten Essen, auch eine grosse Bouteille, die mit dem besten Moseler Weine angefüllet war, mit sich, berichtete anbei, dass die Gräfin des Herrn von Elbensteins Zuspruch diese Nacht um zwölf Uhr erwartete.

Weiln es nun ziemlich dunkel zu werden begonnte und der Mond nur ein wenig schien, so kehrete Elbenstein, ehe er etwas von speisen zu sich genommen, zurück nach dem Gastofe, bezahlete daselbst das Pferdefutter und Stallgeld, und unter dem Vorwande, dass er, weil der Mond aufginge, seine Reise weiter fortsetzen wollte, setzte er sich auf und ritte seines Weges. Der Wirt wurde über diesen kurzen Zuspruch ziemlich verdrüsslich, indem er sich schon Hoffnung gemacht, einen Taler oder wenigstens einen Gulden von diesem Passagier zu erobern, da es aber solchergestalt nur etliche Kreuzer waren, schmiss er die Tür hinter ihm mit der grössten Ungestümigkeit zu. Elbenstein hingegen verfügte sich zum Leibkutscher, wo er nebst ihm und seiner Frau, die auch nicht hässlich war, die überbrachten speisen und den Mosler Wein auf Gesundheit der gnädigen Frau Gräfin vergnügt verzehreten und die bestimmte Zeit erwarteten.

Wie es nun endlich auf dem schloss dreiviertel auf zwölf geschlagen, traten beide, sowohl der Galan als