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ihm eine gute Nacht, worauf er sich retirierte, an einem geheimen Orte die Schreibtafel durchsahe und folgende Worte drinnen eingezeichnet fand:

Mein Wertester, ich finde es nicht vor ratsam, diese Nacht zu unserm Vergnügen zu erwählen, sondern bis auf eine bequemere Zeit damit anzustehen, damit man sich den präjudizierlichen Urteilen curieuser und scharfsichtiger Augen nicht exponieret. Morgen früh beim Frühstück ein mehreres, Er ruhe besser als ich.

Elbenstein befand es ebenfalls gefährlich, auf dem schloss, welches ordinairement um zehn Uhr gesperret ward, sich finden zu lassen, deswegen ging er bald in sein Quartier und zu Bette, damit er desto früher aufstehen könnte, wie er frühmorgens halb acht Uhr schon in der Gräfin Vorgemach war und den Pagen und Laquais Befehl erteilte, das Frühstück in zeiten zu holen. Nach Verfliessung einer halben Viertelstunde kam die Gräfin aus ihrem Gemach und sagte ihm, dass, sobald er ihre Fräuleins und Kammerjungfern würde ins Vorgemach kommen sehen, er in ihr Schlafzimmer kommen sollte, zu welchem Ende sie die aussen auf die Galerie gehende Tür aufgeschlossen hätte. Als nun die Fräuleins im Vorgemach erschienen, ging Elbenstein, unter dem Vorwande zu sehen, wo die Pagen und Laquais so lange blieben, heraus auf die Galerie und von dar in das bedeutete Schlafzimmer. Die Zeit war zu pretieus, sich mit blossen Küssen zu amüsieren, daher passierte hier bald ein mehreres, und weil der verliebten Gräfin Kleidung ihn in seiner liebes-Entreprise vielmehr bequem als verhinderlich war, so geschahe auch die Attaque auf seiten seiner mit einem solchen Vigueur und Lebhaftigkeit, dass diese verliebte Aktion sowohl auf seiten des siegenden als besiegten Teils mit vollkommener Zufriedenheit geendiget wurde. Auf solche Art löscheten sie alle Morgen ihre Liebesflammen, und je geheimer und verstohlener diese Näscherei geschahe, je süsser und anmutiger sie ihnen deuchtete.

Zwei Tage vor der Gräfin Abreise kam ihr Leibkutscher zu Elbensteinen auf dem schloss, als er um die gewöhnliche Zeit zur Aufwartung ging, und forschete, ob es ihm nicht gefällig wäre, nachdem er seine gnädige Gräfin zur fürstl. herrschaft gebracht, sich in den Schlossgarten zu bemühen, indem er ilmi von ihr Hochgräfl. Gn. etwas in geheim einzuhändigen hätte. Elbenstein versprach ihm, sich um zehn Uhr unfehlbar daselbst einzufinden, mit dem Beifügen, dass, weil man nicht wissen könnte, was etwa Verhinderliches darzwischenfallen könnte, einer auf den andern warten sollte. Hierauf begab er sich in der Gräfin Vorgemach, und sobald er das Frauenzimmer von derselben zurückkommen sah, ging er auf die Galerie heraus, von da er sich gewöhnlichermassen ins Schlafgemach verfügte und seine angenehme Gräfin auf die verliebteste Art wieder bedienete. Als er nun selbige nachher zu der Fürstin geführt hatte, eilete er nach dem Schlossgarten, und der Gräfin Leibkutscher, welcher ihn aus der Hofstube vorbeigehen sehen, eilete ihm auf dem fuss nach. Sie gingen miteinander auf das so gemachte Judizierhaus, daselbst übergab er Elbensteinen ein Paquet von 50 spec. Dukaten nebst einem Briefe, worin sie ihm ihr Begehren eröffnete, wie er nämlich einen flüchtigen Reitklepper kaufen und alle Abend, wann er von hof gekommen, sich nach ihren drei Stunden von D. gelegenen schloss begeben und in des Überbringers haus absteigen sollte, von da er durch einen sichern und verborgenen Weg zu ihr gelangen würde. Als Elbenstein den Brief gelesen hatte, sagte der alte Kuppler: "Gnädiger Herr! ich weiss den ganzen Inhalt des Briefes, und weil Sie sich unfehlbar einen guten und schnellen Klepper anschaffen wollen, so habe ich gestern vor dem Tore in einem Gastofe einen Rittmeister namens M. angetroffen, welcher zwei treffliche siebenbürgische Pferde verkaufen will, mit demselben könnten Sie vielleicht einen guten Handel treffen." Elbenstein liess sich diesen Vorschlag gefallen und ging sogleich aus dem Schlossgarten, rief seinen Diener, welcher bei den fürstl. Bedienten in der Hofstube zu speisen pflegte, zu sich, befahl ihm ein Kompliment an den Rittmeister und darbei zu vernehmen, ob er sich selbigen Mittages in seinem Quartiere wollte einheimisch finden lassen, so wollt er ihm auf eine halbe Stunde zusprechen und ihm, weil er vernommen, dass der Herr Rittmeister einige von seinen Pferden verkaufen wollte, eines gegen bare Bezahlung abhandeln. Kurz darauf liess ihm der Rittmeister wieder wissen, dass er des Herrn von Elbenstein angenehmen Zuspruch nachmittages um drei Uhr erwarten, ihm auch die Wahl unter zwei guten und daurhaften Pferden lassen und ihm en regard seines gnädigsten Fürsten eines davon um einen raisonnablen Preis zukommen lassen wollte. Kurz zu melden, Elbenstein kaufte eines von diesen Pferden mit Sattel und Zeuge, akkordierte zugleich mit dem Wirte, den er vorher schon gekannt, dass er das Pferd mit Futter und Wartung wohl versehen sollte, also dass er selbiges alle Abend um neun Uhr gefüttert und gesattelt finden könnte.

Demnach blieb dieses Pferd aussen in der Vorstadt, in welche bis nachts zwölf Uhr man durch das Pförtgen kommen konnte. Als nun den folgenden Tag Elbenstein seine geliebte Gräfin wie bishero bedienet hatte, berichtete er ihr unter gehorsamster Dankabstattung, wie er dero Befehlen schuldigst nachgekommen, bat sich aber dabei aus, ihm gnädigst zu erlauben, dass er in den Flecken, wo sie ihre Residenz hätte, das erste Mal bei Tage kommen dürfte, um des Orts gelegenheit desto besser abzusehen, welches sie ihm denn auch sogleich verwilligte und mit ihm die Abrede nahm, dass er jedesmal nachts um zwölf Uhr bei ihr sein und bis früh drei Uhr sich mit ihr divertieren sollte. Elbenstein versprach unter vielen feurigen Küssen, ihren