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hätte er ihr die empfindlichsten und pikantesten Repliken gegeben. Ja, damit wäre er noch nicht einmal zufrieden gewesen, sondern hätte ihr alle fernerweitige Konversation aufgesagt. Der Geheimbde Rat von M., welches ein hitziger, jachzorniger Mann war, ereiferte sich nicht wenig über den guten Elbenstein, denn er die fräulein von G. als seiner Schwester Tochter so sehr als sein eigenes Kind liebte. Er brach demnach in folgende Worte aus: "Harre du Kerl! du sollst ehrlicher Leute Kinder am längsten bei der Nase herumgeführet haben." Mit diesen Worten ging er aus der Fräul. Zimmer, setzte sich in die bereits angespannete Karosse und fuhr aufs Schloss, wo geheimer Rat gehalten werden sollte. Elbenstein, als er zu seiner geliebten Fräul. von L. kam, machte sich auch schon auf Anhörung einer Reprimende gefasst, allein weil diese mehr Vertrauen auf seine Treue setzte, sagte sie ihm weiter nichts, als dass die ganze Begebenheit dem Fürsten und der Fürstin bereits aufs allerodieuseste wäre vorgebracht worden, mit dem Beisatze, dass, was zu G. wegen der Eltern Gegenwart und Aufsicht nicht geschehen, im wirtshaus zu K., wo der Wirt ein Erzkuppler wäre, desto füglicher hätte vollbracht werden können. Es wäre auch von dem Geheimen Rat M. angeraten worden, dass zu Verhütung einiges Kindermords oder Abtreibung der Frucht die Menscher durch geschworne Hebammen und verständige Medicos besichtiget würden.

Elbenstein, weil er ein gutes Gewissen hatte, erzählete ihr den ganzen Verlauf nach der reinen Wahrheit, worauf sie ihm den Einschlag gab, bei ihrem Vetter, dem Baron von W., welcher Hofrat und Kammerjunker war, zu sondieren, was er ihm bei diesen Händeln etwa raten würde.

Dieser, welchem der Fürst die lustige geschichte mit grossem Gelächter (denn er selbst gar oft auf der Parforcejagd seine Liebesflammen bei einem hübschen Bauermägdgen zu löschen pflegte) bereits erzählet hatte, kam gleich von ungefähr ins Zimmer getreten und sagte nach gemachten kurzen Kompliment: "Meiner gnädigen Fürstin Melkerei zu K. wird, wie ich höre, bald mit drei schönen roten Kühn verstärkt werden?" (denn NB. dieses war damals die Strafe, wenn ein Kavalier wider das sechste Gebot peccierte, dass er der Fürstin eine rote Kuh zinsen musste). Hierauf erzählete ihm Elbenstein alles haarklein, was passiert war, und bekam diesen Rat von ihm, dass er nebst den zweien andern Kavaliern sich bei dem Fürsten wegen der über sie ausgesprengten Kalumnien und Injurien beschweren und anbei untertänigst bitten sollten, ihnen des Denunzianten Namen, damit sie ihre Satisfaktion von ihm fordern könnten, gnädigst zu entdecken. Hiernächst müsse solches dem Stadtschulzen und der andern Jungfern Eltern zu wissen gemacht werden, damit sie der über ihre Kinder verhängten Prostitution vorkommen und solche legitimo modo abwenden möchten.

Hierauf ging man zur Tafel, wo der Hausmarschall oftgedachte drei Kavaliers unter andern Gesprächen zu vexieren begonnte. Allein der Jagdjunker von R. verstunde unrecht und sagte über öffentlicher Tafel ungescheuet und laut, so dass es die mit daran sitzende Hofmeisterin und Fräuleins auch mit hören konnten, Salva venia, Huren, Canaillen und Schelmen hätten diese infamen Lügen ausgebracht, dass nämlich sie drei mit den ehrlichen Kindern etwas Ungebührliches vorgehabt hätten, vielleicht wäre diejenige Weibsperson, so diese Schandlügen am ersten ausgesprenget, eine solche, die den Liebeshandel besser verstünde als diese ehrlichen frommen Kinder. Kurz zu melden, die Sache geriet endlich zu einer solchen Weitläuftigkeit, dass, als die drei Kavaliers und die andern Interessenten des Denunzianten Namen erfahren, sie den Geheimen Rat von M. durch Notarien und Zeugen beschicken und ihm sagen liessen, die sämtlichen Interessenten hielten ihn so lange vor einen boshaften Verleumbder und Ehrenschänder, bis er, was durch ihn von dem Frauenzimmer und ihnen bei hof angegeben und in der Leute Mäuler gebracht worden, verifiziert und erwiesen hätte, wobei sowohl der Stadtschulze als der andern Jungfern Eltern droheten, den Geheimbden Rat vor dem Kammergerichte zu Speier zu verklagen, wodurch denn dieser dergestalt erschreckt wurde, dass er, in Betrachtung der ihm aus solcher Sache entstehenden Prostitution und Geldversplitterung, die besten Worte und eine hinlängliche Deklaration den Kavaliers gabe, den Eltern der Jungfern aber sagen liess, wie er die ganze Sache ex vago rumore hätte und ihm leid, solchen ungegründeten Erzählungen Glauben beigemessen zu haben; er hielte sie samt und sonders vor ehrliche, unbescholtene Leute und Jungfrauen; und dieses musste er schriftlich von sich ausstellen.

Allein die Verfolgungen und Verbitterungen gegen den von Elbenstein nahmen von Seiten des Geheimen Rats und dessen Familie vollends überhand, als er kurze Zeit darauf in Gegenwart der Ober-Hofmeisterin von K., des Geheimbden Rats und Oberamtmanns zu K.G. und des Hofrats und Kammerjunkers von W. sich mit der holdseligen fräulein von L. ordentlicherweise verlobte. Es suchte zwar das Fräul. von G. ihn auf allerhand Art und Weise zu detournieren und auf ihre Seite zu bringen, da sie aber ihren Zweck nicht erreichen konnte, legte sie sich aufs Lamentieren und beklagte sich aufs beweglichste in einem ihm zugeschickten Briefe, welchen er aber bloss mit folgenden poetischen Zeilen beantwortete:

1

Was willst Du mich doch mit Verfolgung pressen?

Was klagest Du mein Herz als untreu an?

Halt ein damit! mir solches beizumessen,

Ich hab es nicht, mein Schicksal hat's getan.

Wollt ich gleich Dein Getreuer sein,

So saget selbiges doch immer dazu: Nein!

2

Ich bin ein Schiff, das keinen Leitstern siehet,

Mich treibet nur das wankelhafte Glück