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so hätte er doch, weil er jedesmal an der fürstl. Tafel zu speisen, nachher mehrenteils mit der durchl. herrschaft l'Hombre spielen müssen, bis dato nicht zu der Ehre einer genauern Bekanntschaft gelangen können, wollte sich demnach das Glück seines öftern werten Zuspruchs inständig ausgebeten haben, insonderheit da ihm des von Elbensteins Hauswirt, der Herr Professor M., berichtet hätte, dass er im Studio nummismatico sonderlich erfahren und zu Padua des berühmten Kavaliers und Professoris Caroli Patini (welcher sonst an einem gewissen fürstl. hof in Schwaben, weil er aus dem dasigen Münzcabinet einen genuinen Ottonem entführt, ein schlechtes Lob erworben) Privatinformation in hoc scibili genossen, von welchen er gleichfalls ein starker Liebhaber wäre. Elbenstein gab, indem er einem tiefen Reverenz machte, zur Antwort, wie er sich höchst glücklich achten würde, bei einem so vornehmen Minister seine Aufwartung öfters zu machen und von dessen gelehrten Diskursen zu profitieren.

Da es aber nun endlich Zeit war, Abschied zu nehmen, drehete sich das Fräul. von G. so lange herum, bis sie neben Elbenstein zu stehen kam, da sie ihn denn mit einem gezwungenen höhnischen lachen, jedoch eben nicht allzulaut fragte, ob er bei der gestrigen Konversation mit den Bürgermägdgens vielleicht mehr Vergnügen gefunden hätte als bei der hiesigen Gesellschaft, weil er so eilfertig wäre.

Elbenstein fragte sie hingegen, ob ein treuer Knecht und Konfidente dergleichen höhnische und pikante fragen meritiert hätte. Das gute fräulein bekannte hierauf durch eine aufsteigende Röte ihre Reue über die ausgestossene unbedach[t]same Frage und Übereilung, sagte aber, wenn der Herr von Elbenstein in ihres Herrn Vetters, des Herrn Geheimbden Rats von M. haus ehestens einsprechen würde, wollte sie dieserwegen weiter mit ihm zu sprechen sich die Erlaubnis ausgebeten haben, worauf aber derselbe replizierte, wenn sie von sonsten nichts anders als hiervon mit ihm zu reden gesonnen wäre, würde es sowohl zu ihrer als zu seiner Satisfaktion am dienli[ch]sten sein, so lange des Herrn Geheimbden Rats von M. wohnung zu meiden, bis dereinst er eines angenehmern und gütigern Traktaments, auch freundlicher Unterredung würde versichert werden; setzte aber nach seiner gewöhnlichen schmeichelenden Art und einer etwas betrübt scheinenden Miene noch hinzu: "Wenn ich, mein Engelsfräulein, mich heimlich in Dero Zimmer einschleichen könnte, wie schmerzlich wollte ich dem darinnen stehenden charmanten Porträt, welches mir am allerersten etliche inbrünstige Küsse erlaubt, klagen, dass das Original, bei dem ich nichts verschuldet, so hart mit mir umgehet und verfährt." Die fräulein versetzte hierauf: "Das Original soll dem Herrn von Elbenstein, worin es ihm zuviel getan, alles herzlich abbitten." Elbenstein aber antwortete: "Ich trage viel zu grossen Respekt vor die schöne Fräul. von G., dass sie sich vor einen ihrer ergebensten Diener dergestalt erniedrigen sollten. Damit ich nun dergleichen Ihnen und mir unanständige Handelung nicht erfahren und ansehen darf, so will ich lieber Dero Privatkonversation hinfüro meiden und hiermit Adieu! pour tous jours gesagt haben." Hiermit hatte dieser geheime Diskurs seine Endschaft erreicht, und Elbenstein beurlaubte sich sowohl bei dem Herrn Geheimbden Rat von E. als auch der ganzen Compagnie, welche gleichfalls bald hernach sämtlich Abschied nahm.

Die Fräul. von G., als sie in ihr Zimmer eingetreten, bliebe eine lange Zeit in tiefen Gedanken stehen, in welcher Positur sie der Geheimbde Rat von M., ihr Vetter, beschlich und nach der Ursache ihrer Veränderung sehr sorgsam fragte; worauf sie vorwandete, es würde nicht viel zu bedeuten haben, die bei dem Geheimbden Rat von E. getrunkene Schokolade, weil sie mit Milche gekocht gewesen, als die sie niemals wohl vertragen können, hätte ihr eine kleine Übelkeit verursacht. Indem trat die Geheimbde Rätin auch ins Zimmer, diese erzählete ihrem Gemahl als etwas Neues, dass der Herr von Elbenstein nebst den zwei Jagdjunkern sich gestern zu G. und in dem wirtshaus zu K. recht lustig gemacht, und zwar mit des Stadtschulzen und andern Bürgerstöchtern, weswegen sie nicht zweifeln wollte, dass auf diese Ergötzung in drei Vierteljahren Früchte mit Händen und Füssen zum Vorscheine kommen dürften. "Jedoch", setzte sie hinzu, "ein andermal mögen sich Narren wieder mit Edelleuten verwirren, ich kenne die Jagdjunkers N. und R., sie sind beide keine Kostverächter, was aber Elbenstein anbetrifft, so glaube ich, dass er in Italien die Kunst zu lieben mehr und besser als etwas anders gelernet hat. Gewiss, er scheinet mir in diesem Stücke ein gefährlicher Politicus zu sein. Soviel ich aus seiner neulichen Aufführung, als er bei uns war, abmerken konnte, hatte er seine Augen, mein liebes Bäsgen, auf Sie gericht und suchte Sie aufs emsigste zu bedienen, auch immer mit Ihr zu schwatzen. Allein, hüte Sie sich ja vor ihm, es ist ein Fladdergeist und frembder Kerl, wer weiss auch einmal, ob er derjenige ist, vor den er sich ausgibt." Durch diese Reden wurde das arme fräulein dergestalt treuherzig gemacht, dass sie bekannte, wie sich Elbenstein bei der ersten Zusammenkunft unter vielen verbindlichen Expressionen nicht undeutlich herausgelassen, dass er sich mit ihr ehelich zu verbinden gesonnen sei, etliche Tage hernach aber wäre er ganz anders Sinnes und dergestalt kalterzig gegen sie gewesen, als ob er sie zeitlebens nicht gesehen hätte, viel weniger mit ihr umgegangen wäre, und heute, als er auch bei dem Geheimbden Rat von E. gewesen und von ihr wegen des gestrigen Divertissiments nur ein wenig vexiert worden,