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der Fürstin, die fräulein von G. bei dem Fürsten und die Fräul. von L. bei ihrem Vetter, dem Hofrat und Kammerjunker von W., zu sitzen kam, vermochte jene abermals nicht etwas auszuforschen, worüber sie denn endlich in eine solche Rage geriet, dass, wo sich nur die geringste gelegenheit zeigte, sie nichts eifriger tat, als von Elbensteinen übel zu reden, worzu ihr denn folgende Begebenheit sattsam Anlass gab. Es hatte der Stadtschulze den Hofjunker von N., welcher bei ihm eingemietet hatte, nach G. auf sein daselbst habendes Vorwerk auf eine Mittagsmahlzeit invitiert, darbei gebeten, noch ein paar andere gute Freunde mitzubringen, welches der von N. sich gefallen lassen und Elbensteinen nebst dem Jagd- und Hofjunker R. ersuchte, mit hinauszureuten.

Weil denn die Fürstin selbiges Morgens auf ihr eine Stunde von D. gelegenes Lustaus und darbei befindliche Meierei gefahren war, nebst ihrem Gemahl aber weiter niemand bei sich hatte als die Fräuleins von L. und von H., den Hofmarschall Freiherrn von L. und den Geheimbden Rat von R., den folgenden Tag aber allererst retournieren wollte, so begab sich Elbenstein benebst den zwei andern Kavaliers vormittags gegen zehn Uhr nach gedachten Vorwerke, wo sich des Stadtschulzen zwei Töchter und des Bereuters Schwester, nebst noch eines Ratsherrns Tochter wie auch des Stadtschulzens Sohn, der vor wenig Tagen von der Universität Tübingen, wo er nunmehr seine Studia Academica absolviert, zurückgekommen war, bereits befanden.

Die Kavaliers wurden unter Trompeten- und Paukenschall empfangen und ihnen, weil es kurz vor der Mahlzeit war, nur einige Erfrischungen vorgesetzt. Als sie etwas davon zu sich genommen, sagte der alte Stadtschulze, welches ein Mann von ganz besonders lustigen Humeur war: "Mit Dero gütigen Erlaubnis, meine Herrn! ich muss heute das Sprichwort unwahr machen: Vor Essens wird kein Tanz." Hiermit nahm er seine alte Mutter bei der Hand und sprunge mit ihr herum als der jüngste Kerl, worauf die Kavaliers und der Studente dem Alten folgten, ein jeder ein Frauenzimmer ergriff und sich gleichfalls wacker herumtummelten. Mittlerweile war in einer gegenüber gelegenen stube das Essen aufgesetzt worden, weswegen sie sich ingesamt dahin begaben und es ihnen unter einer angenehmen Musik wohl schmecken liessen. Jeder hatte seine Tänzerin neben sich sitzen und ginge alles in lauter Lust und Fröhlichkeit zu. Nach geendigter Mahlzeit ward zwar das Tanzen wieder angefangen, weil sich aber bald darauf der Himmel mit Wolken umzoge und mit Regen drohete, machten sich die sämtlichen Gäste zum Aufbruche fertig. Als nun die Kavaliers sich aufsetzen wollten und die guten Kinder sich gleichfalls zwar zum Fortgehen schickten, jedoch darbei bekümmert waren, wie sie ihren Schmuck und gute Kleider, wenn sie unterwegs der Regen überfallen sollte, vor der schädlichen Nässe salvieren möchten, so tat der Jagdjunker den Vorschlag, dass sich das Frauenzimmer mit auf ihre und der Diener Pferde setzen sollte, gesetzt nun, dass es zu regnen anfinge, so wären sie ja mit Mänteln genug versehen, dass ihnen also der Regen wenig schaden würde. Dieser Vorschlag ward von allen gebilliget, und die guten Jungfern waren noch dazu ganz froh, dass sie den Rückweg so bequemlich nehmen konnten.

Wie sie demnach ihre Kavalkade mit aller Zufriedenheit antraten, befahl der Stadtschulze der ältern Tochter, sobald sie nach haus gekommen sein würden, in des Rats Marstalle Kutsche und Pferde zu bestellen, um ihn, seine Frau und Sohn nach haus zu führen. Hierauf ritten die Kavaliers, nachdem sie sich bei dem Herrn Wirte vor das gute Traktament und genossene Höflichkeit nochmals bedankt hatten, nach der Stadt zu, waren auch insoweit glücklich, dass es nicht eher zu regnen anfing, bis sie sich in der Vorstadt vor dem Gastofe zur K. befanden, wo das Frauenzimmer abstiege, weil der Wirt in ermeldten Gastofe der einen Jungfer naher Anverwandter war. Sowohl sie als dieser ersuchten die Kavaliers, nur so lange, bis der Regen vorbei wäre, mit einzusprechen, worzu sich denn diese nicht lange nötigen, sondern die Pferde in die Ställe bringen liessen; der Wirt aber schickte sogleich einen von seinen Leuten in die Stadt, um die Kutsche zu des Stadtschulzens Abholung zu bestellen. Wenige Zeit hernach fanden sich die Musikanten, welche ihnen draussen aufgewartet hatten, gleichfalls ein. Sobald nun die Gesellschaft dieselben ersahe, mussten sie zu ihnen in die Oberstube kommen, wo man sich denn von neuen wieder lustig machte, so lange, bis die Zeit und der Wohlstand den Aufbruch erforderte.

Elbenstein verfügte sich nach seinem Quartiere und legte sich bald zur Ruhe, um desto früher auf dem schloss sein zu können. Als er nun des folgenden Morgens um sieben Uhr dahin zu gehen im Begriff war, ward er von dem Geheimbden Rat von E. im Vorbeigehen auf eine Tasse Schokolade invitiert. Wie er nun diesem vornehmen Minister solches nicht wohl abschlagen konnte, als trat er hinein und wurde sehr höflich empfangen, mit dem Vermelden, dass der Herr von Elbenstein eine angenehme Compagnie von Frauenzimmer und guten Freunden antreffen würde. Dieser befand sich zwar in etwas betroffen, als er in das Zimmer hineintrat und unter andern die Fräul. von G. darinnen erblickte, doch er fassete sich alsbald wieder, und als er gegen die sämtliche Compagnie seine Komplimenten vertauscht, sagt der Herr Geheimbde Rat, dass er längstens gewünschet, mit dem Herrn von Elbenstein genauer bekannt zu werden, denn ob er gleich bereits oftermals auf dem schloss zu seinem Wunsche zu gelangen gelegenheit gesucht,