1738_Schnabel_089_108.txt

, bewogen ihm dahin, dass er alle sonst gewohnte Liebesausschweifungen gänzlich abandonnierte und sich seiner auserwählten und allerliebsten fräulein von L. ganz und gar allein ergab. Ob sie nun gleich anfänglich seinen Verpflichtungen nicht sofort völligen Glauben beimessen wollte, so ward doch endlich ihr tugendhaftes herz durch seine tägliche Schmeicheleien und Contestationes überwunden, indem er dieselben sowohl schriftlich als mündlich anbrachte, bis sie sich ihm endlich ganz zu eigen ergab. Es wird nicht unangenehm sein, eine von dessen poetischen Liebesdeklarationen anhero zu setzen: Mein Schicksal hat den Schluss nun über mich

gefasset,

Ich soll, mein Engel! Dir allein gewidmet sein, Da ich doch noch nicht weiss, ob mich Dein Auge

hasset

Anstatt der Gegengunst und ob Dein Herz ein

Stein.

Doch will ich meine Glut Dir nochmals offenbaren, Die durch Dein schönes Licht sich in mir

angeflammt,

Mein frei Bekenntnis will nichts Widriges befahren, Dieweil Dein Gütigsein vom frommen Himmel

stammt.

Die Sanftmut, welche sich in Deinen Augen zeiget, Weissaget mir noch nicht, dass ich zuviel getan, Und ob Dein schöner Mund annoch ganz stille

schweiget,

Zeigt doch sein Purpurrot kein Ungewitter an. Erlaube mir demnach, Dich ewig zu verehren, Und glaube, dass mein Herz Dir bis in Tod getreu, Du kannst, mein Leben! ja die Treu vorher bewähren, Lass bei der Prüfung nur vor mich die Hoffnung

frei.

Wenn Dir gefallen wird, mich zornig anzublicken, Bet ich die Strengigkeit in tiefer Ehrfurcht an. Will mir Dein schöner Mund ein kaltes Nein

zuschicken,

So glaube, dass ich auch bei Nein treu lieben kann. Sprächst Du auch gleich zu mir: Ich soll und muss

Dich hassen,

Ja stiesse mich Dein Fuss ganz spröde von sich hin, Wollt ich doch mit Begier die schönen hände fassen, Zu zeigen aller Welt, wie ich beständig bin. Auch wenn zum Überfluss, die Treue zu probieren, Du mir verbieten willst, Dich gar nicht anzusehn, Soll Deinen Schatten doch mein Auge nicht verlieren, Bis Deine Güte spricht, dass Proben gnug

geschehn.

Diesemnach wurde beiderseits Liebe dergestalt heftig, dass eines ohne das andere fast keine Stunde bleiben konnte. Die erste probe seiner liebreichen fräulein von L. geschwornen Treue legte Elbenstein damit ab, dass, als Grisette kam und ihn im Namen ihrer fräulein nötigte, diesen Nachmittag in des Oberjägermeisters haus, wo Assemblée sein würde, zu erscheinen, er seinen Diener nicht wegschickte, weswegen das arme Ding ungelabt fortgehen musste.

Weilen aber seine allerliebste Fräul. von L. par renommée nebst andern Hofdamen und Kavaliers daselbst mit zu erscheinen sich gemüssiget sah, fand er sich auch allda ein. Die Fräul. von G. suchte zwar gelegenheit, Elbensteinen mit guter Manier von der Compagnie abzuziehen, er tat aber, als merkte er es nicht, sondern liess sich bald mit dieser oder jener Dame oder Kavalier ins Gespräch ein und leerete dabei mit dem alten Herrn von H., der ein besonderer Liebhaber des edlen Rebensafts war, manches Gläsgen auf Gesundheit dieses oder jenes guten Freundes aus. Da die Fräul. von G. nun sah, dass sie solchergestalt ihren Zweck, mit ihrem Konfidenten sich in einer angenehmen Retirade zu unterhalten, nicht erreichen konnte, stellte sie es an, weil die Oberjägermeistern ihrer Frau Mutter Schwester war und der sie vertrauet hatte, dass Elbenstein mit ihr ein genauer Liebesverbündnis zu schliessen schiene, dass sie die Erlaubnis erlangete, an den von Elbenstein durch des Oberjägermeisters Diener einen Brief zu überschicken, unter dem Vorwande, als ob derselbe von der Post gekommen wäre. Wie nun Elbenstein von der Compagnie hinweg und etwas beiseite ging, um den Brief desto bedachtsamer zu lesen, ersuchte ihn der Diener, dass ihr Gn. sich nur ein wenig vor das Zimmer hinaus bemühen und das Schreiben daselbst lesen möchten, welches Elbenstein ohne weiteres Nachsinnen tat und sich hinausbegab. Der Diener, so ihm folgte, zeigte ihm sogleich das gegenüber offenstehende Zimmer, damit er nicht unter den hin und wider laufenden Aufwärtern stehen und lesen dürfte, weswegen Elbenstein ohne besonderes Bedenken dahinein trat. Kaum aber hatte er den Brief zu lesen angefangen, als die Fräul. von G. durch eine andere Tür zu ihm hineingetreten kam, welche nach gemachten Kompliment ihn sogleich in einen Erker zohe und unter häufigen Karessen ersuchte, dem sehnlichen Verlangen, so sie nach ihm als ihrem allerliebsten Konfidenten gehabt und ohne dessen angenehme Gegenwart sie gar nicht vergnügt leben könnte, es zuzuschreiben, dass sie ihn von der Gesellschaft auf eine kurze Zeit abgezogen hätte. Allein wie bestürzt wurde das gute fräulein, da sie nichts als lauter Komplimenten statt der bei der ersten Zusammenkunft gebrauchten Liebkosungen von ihm genosse, weswegen sich diese Entrevue auf seiten der guten fräulein mit nicht geringen Chagrin bald endigte. Sie konnte nicht begreifen, woher doch diese jählinge Gemütsveränderung bei Elbensteinen müsse entstanden sein, endlich aber fiel sie auf die rechte und wahre Ursache, wie nämlich etwa eine andere Schönheit ihr ins Liebesgehege gegangen und ihr ein so liebreiches Wildpret bestrickt hätte.

Hierauf untersuchte sie in ihren Gedanken sowohl die sämtliche Hofdamen als auch der andern in der Stadt sich aufhaltenden fräulein Gesichter und Mienen, konnte aber alles angewandten Fleisses ungeachtet nichts Gewisses erfahren oder ausmachen, auch nicht mutmassen, denn die kluge Baronne von L. hatte mit ihren Elbenstein bereits Abrede genommen, ihre Liebe noch zur Zeit geheim zu halten. Da auch die folgende Woche bei hof Assemblée und abends bunte Reihe war und es sich also fügte, dass Elbenstein bei