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neun Uhr in seinem Logis die beste gelegenheit an die Hand gab, dieweil es aber Zeit war, sich nach hof zur Abendtafel zu verfügen, auch die Aufwartung eben an Elbensteinen war, so nahm er nebst einigen Dames und Kavaliers von dem Geheimbden Rate und der übrigen Compagnie Abschied und begab sich nach hof, dahingegen die meisten, welche sich in ein starkes Spiel engagiert hatten, noch beisammen blieben und die zubereitete Kollation abwarteten.

Den folgenden Tag, als Elbenstein noch im Schlafrocke herumging, meldete sich das angenehme Grisettgen bei ihm an, brachte eine Schüssel mit Obst und Confituren nebst einem Morgenkompliment von ihrer gnädigen fräulein. Elbenstein, dem die in Italien angewöhnte Liebesnäscherei von neuen ankam, auch allhier nicht solche Lebensgefährlichkeiten wie dort zu befürchten hatte, gab seinem Diener eine Pistolette mit Befehl, ihm solche zu verwechseln, aber kein anderes als lauter ganz Geld an lüneburgischen Zweidrittelstücken davor zu bringen, nennete ihm auch etliche Juden, zu welchen er gehen sollte, und wenn einer nicht wollte, würden es schon andere tun, wodurch er denn gnugsame Zeit gewann, sich mit seiner Grisette, deren Augen aus Begierde zum Liebeskampfe gleichsam brannten, nach Wunsche zu ergötzen, welches denn, da der Diener kaum den rücken gewendet, mit beiderseits entzückender Zufriedenheit geschahe.

Zwar merkte er soviel, dass in diesem Liebesgarten bereits andere die ersten Früchte gebrochen hatten, weil er aber eben nicht so gar sehr capricieus in diesem Stücke war, liess er es dem treuherzigen kind nicht entgelten, indem er noch soviel Annehmlichkeiten bei derselben fand, seinen Appetit zu stillen und zugleich sie sattsam zu vergnügen. Nach gebüsseter Lust wurde die Abrede genommen, über drei Tage diese Ringekunst weiter zu versuchen und ein und andere von der Alo ... Sig ... vorgeschriebene Lectiones zu probieren, vor dieses Mal aber liess er sie mit einem Geschenke vor erzeigte gefälligkeit und einem ergebensten Kompliment an ihre Gn. fräulein repassieren.

Hierauf kleidete er sich vollends an und begab sich nach hof, wo die sämtliche Dames und Kavaliers in der Fürstin Vorgemach versammlet waren. Einer von den Kammerjunkern ersuchte Elbensteinen daselbst, die gefälligkeit vor die Fräuleins und ihn zu haben und eine gewisse Arie, die er ihm in einer italiänischen Opera zeigte, ins Deutsche zu übersetzen, worzu er sich denn sogleich willig finden liess, begab sich demnach etwas beiseite an ein Fenster und übersetzte solche in eben dem Metro und Genere, welches der italiänische Poet gebraucht hatte, folgendergestalt:

Aria

1

Von euch Sonnen kommt mein Ächzen,

Euer Strahl hat mich fast halb entseelt,

Des Herzens Entzünden

Kann schwerlich verschwinden,

Indem es sein Lechzen

und Quälen verhehlt.

2

Schönster Mund, du bringst mir Schmerzen,

Und mein Herz vergehet fast vor Glut,

Mit Hoffen und Sehnen,

Mit Schweigen und Stöhnen

Empfind ich im Herzen

Des Cypripors Wut.

Solche Übersetzung erwarb ihm bei den sämtlichen Dames und Kavaliers nicht nur vieles Lob, sondern es verursachte auch bei den erstern gewisse Gemütsregungen, die sie aber ihrer angewohnten Eigensinnigkeit und Hoffart nach, welche nur Verehrer haben, aber denselben keine Vergeltung tun, viel weniger ihre Liebe mit Gegenliebe belohnen will, vertuscheten, indem sie sich nicht entschliessen konnten, ihre Leidenschaften an den Tag zu geben. Wie aber auch die wildesten Kreaturen zahm und bändig gemacht werden können, also gewann die Liebe bei diesen Hochmütigen durch die sittsame und höfliche Aufführung des von Elbenstein, welche mit einer wohlanständigen Blödigkeit und insinuanten Schmeichelei untermengt war, endlich die Oberhand, dass, da sie zuvor gewohnt waren, diejenigen, so sie fast anbeteten, mit lauter spröden Verachtungen zu quälen, sich nunmehr bequemten, ein gelasseneres Wesen an sich zu nehmen. Aus diesem entsprunge ein Verlangen, alleine zu sein, und in solcher Einsamkeit malete ihnen der Liebesgott in Gedanken alle die trefflichen Gemüts- und Leibesgaben des von Elbenstein auf das allerangenehmste ab, worauf der Wunsch folgte, von einem solchen artigen Kavalier ästimiert zu werden, und endlich sagte ihnen ihr eigenes herz, dass dergleichen Regungen mit keinem andern Namen als der Liebe belegt werden könnten. Unter diesen grösstenteils veränderten Damen befand sich eine unverheiratete, so die Baronne von L. genennet ward, welche, je mehr sie von Elbensteins Qualitäten eingenommen war, je vergnügter sie sich hergegen schätzen konnte, indem ihre mit einer charmanten Traurigkeit verknüpften Blicke Elbensteinen dermassen fesselten, dass, je länger er mit dieser liebenswürdigen person umging, je heftiger er in sie verliebt ward, und so viel schöne Leibes- und Gemütseigenschaften diese fräulein besass, so viel Fesseln und Ketten waren auch, den fladderhaften und unbeständigen Elbenstein nunmehr feste zu binden und aus einem flüchtigen und changanten einen getreuen und beständigen Liebhaber zu machen; denn ausser der angenehmen Gesichtsbildung wie auch unvergleichlich proportionierter Taille war diese Dame aus einem uralten berühmten freiherrlichen Geschlechte, aus welchem etliche zu zählen, die im Röm. Reiche unter dem Titul Kurfürstl. Gn. vor weniger Zeit waren berühmt gewesen. An Gütern und Mitteln mangelte es auch nicht, denn die halbe herrschaft H., bei Landau gelegen, vermöge des väterlichen Testaments ihr als der einzigen Tochter anderer Ehe, nebst vielen Weinzehenten an der Mosel, eigentümlich zugehöreten, und obgleich die meisten von diesem vornehmen Geschlechte sich zur röm. katolischen Religion bekenneten, so war doch dieses fräulein sowohl als ihre bereits verstorbenen Eltern der protestantischen oder evangelischen Religion zugetan, dass also Elbenstein auch ratione religionis nichts Bedenkliches fand.

Alles dieses, zumalen er durch dergleichen Mariage bei dem D. hof höher zu avancieren sich gute Rechnung machen konnte