von den Pfeilen der Liebe verletzt werden können. O ihr ungetreuen Buchstaben! O treulose Zeichen einer falschen und verlogenen Hand, die ihr mir auf einem leichten Blatte anstatt einer mit Nektar angefülleten Schale einen Gifttrunk reichet, wodurch alles mein Vergnügen ertötet wird. Ach mein Elbenstein! so handelst Du so übel mit meiner aufrichtigen und ungefärbten Treue und Liebe, welche Du jederzeit rein und unbefleckt an mir erfunden hast. So verbirgest Du, gleich einer schädlichen Blume, die Natter Deiner arglistigen Aufführung, damit ich durch die Wut Deiner Falschheit möge getötet werden. Ei nun! reise nur hin, begib Dich immer hinweg, eile von mir, damit ich Dich nimmermehr wieder sehen möge, der Du in der Werkstatt Deiner Treulosigkeit das Schwert geschmiedet hast, womit mein grösstes Vergnügen gefället werden muss. Sage mir doch, was Dich zu einer so schnellen Abreise bezwungen hat? Erkläre mir doch die Ursache Deiner Flucht! Hat Dich Dein Herr Vater nach haus berufen, oder ist vielleicht das Liebesspiel mit der Baronne von K. zum Ende gekommen? Doch dem sei, wie ihm wolle, ziehe nur hin, Du Grausamer, und bleibe, wo Du willst, ich will Dich nicht mehr lieben, und so stark ich Dich bishero geliebt, so stark werde ich mich inskünftige bemühen, Dich zu hassen.
Indem nun Elbensteins Herr Vater der italiänischen Sprache nicht kundig, jedoch viel zu neugierig war, den Inhalt dieses Briefes zu wissen, so machte er sich dieserwegen einen besonderen Weg nach ***, um sich denselben bei einem Sprachmeister ins Deutsche übersetzen zu lassen, welcher sich gegen einen Rekompens nicht lange damit säumete. Da sah nun der gute Vater, wie retirée sich der liebe Sohn in Italien gehalten und aufgeführet hatte, doch war er noch so treuherzig, dass er ihm den Brief in originali nebst der Übersetzung zum Schure mitschickte. Elbenstein schluckte die väterlichen Pillen geduldig ein, weil ein Confortans von 100 Reichstalern dabei war, konnte aber nicht begreifen, wie die Marinalba hinter das Liebesgeheimnis zwischen der Baronne von K. und ihm gekommen sein müsse. Endlich fiel aller Verdacht auf die alte Ruffiana zu Ariqua. Demnach war er herzlich froh und dankte dem Himmel, dass er noch beizeiten einer augenscheinlichen Todesgefahr entgangen, als worin er unfehlbar geraten sein würde, woferne er sich noch länger in Italien aufgehalten hätte.
Nachdem er sich nun in dem Antwortsschreiben an seinen Herrn Vater aufs plausibleste exkusiert, anbei gemeldet, dass er bloss, um den geilen Liebesnachstellungen und Verfolgungen des italiänischen Frauenzimmers zu entgehen, seine vortreffliche Station quittieret und sich aus diesem wollüstigen Sodom hinwegbegeben, nunmehr aber dahin trachten wollte, sich bei einem deutschen fürstlichen hof zu engagieren, wobei er zugleich den von dem italiänischen Fürsten erhaltenen schriftlichen Abschied und Pass mit nach haus schickte, woraus die Eltern sich seiner Aufführung wegen eines Bessern belehren könnten; als wurden diese seine Eltern völlig zufriedengestellet und vermachten ihm von haus aus, solange er in keiner austräglichen Bedienung stünde, alle Quartal 100 fränkische Gulden, dass er also als ein rechtschaffener Kavalier, zumal an einem solchen Orte, wo alles um einen billigen Preis zu bekommen war, recht wohl und vergnügt leben konnte.
ENDE
des ersten Teils
Fussnoten
1 Allen Umständen und Vermuten nach ist dieses der Brentafluss gewesen.
Elbensteins geschichte
Zweiter teil
Nachdem, wie im vorigen gemeldet, Elbenstein in D. glücklich angelanget war, verdunge er sich bei einem gewissen Professore in die Kost, brachte es aber durch seine gute Aufführung in kurzer Zeit dahin, dass er bei dem Fürsten von B. die Kammerjunkersstelle erhielt, und weilen er gute Studia hatte, anbei die italiänische und französische Sprachen wohl redete und schrieb, so wurde er nicht nur in Verschickungen, sondern auch in andern geheimen Angelegenheiten sehr öfters gebraucht, indem er sich jedesmal dergestalt konduisierte, dass er des Fürsten Gunst und Gnade vollkommen erlangete. Ob nun schon sein ernstlicher Vorsatz war, sich in keine Liebeshändel mehr zu verwickeln, so blieb er doch nicht lange von denselben befreiet.
Es war der Gebrauch am D. hof, dass die Dames und Kavaliers bei denen vornehmsten Ministern und ihren Gemahlinnen wöchentlich ein- oder wohl mehrmal die Visiten ablegten, wodurch denn geschahe, dass, als Elbenstein in des Geheimbden Rats von M. Behausung mit einsprach, er mit einem artigen fräulein des Geschlechts von G., welche eine nahe Anverwandtin des Geheimbden Rats war, in Bekanntschaft geriet, da denn nach einem kurzen Umgange in beider Herzen eine Liebe erwuchs. Eines Tages, da die gewöhnliche Compagnie wieder zusammengekommen war, setzten sich die meisten nieder und spieleten zum teil à la Bassette, l'Hombre oder andere beliebige Spiele. Elbenstein aber, welcher die französischen Zeitungen in einem Fenster gefunden, deprezierte das Spielen und lase dargegen die Zeitungen. Das fräulein von G., als sie vermerkte, dass Elbenstein heute nicht Lust zu spielen hätte, drehete sich auch mit guter Manier vom Spiele ab und knöppelte zur Lust an der Frau Geheimbden Rätin ihrem Knöppelküssen, bis sie bemerkte, dass Elbenstein mit Lesung der Zeitungen fertig wäre, da sie denn mit einer angenehmen Freimütigkeit auf ihn zu ging und den Antrag tat, dass, weil er sowenig als sie heute zum Spielen disponiert wäre, wollten sie einander die Zeit mit Gesprächen vertreiben, worauf sie ihn ersuchte, ihr etwas von Italien und von der Einwohner Naturell zu erzählen, auch weiln sie vernommen, dass dem Frauenzimmer daselbst nicht erlaubt wäre, mit Frembden zu konversieren, so wäre sie curieux zu wissen,